Kommentar Rezession ist kein Unsinn
Hamburg - Gegenüber "Bild" gab sich Werner Müller ganz als Kapitän, der seine Konjunktur sicher durch den Sturm steuert. Wenn sich die Gewerkschaften nur schön am Riemen reißen, dann gibt es kein Unglück, rief Müller dem Volk zu.
Unsinn ist vor allem das Gerede des Herrn Müller. Da hätte die Vorfrau vom Gewerkschaftsdeck, Ursula Engelen-Kefer, gar nicht zurückgiften müssen. Ein Blick nach vorn wäre genug gewesen. Mit ein bisschen Weitblick hätte der parteilose Wirtschaftsminister gesehen, dass er momentan allenfalls ein Hilfskapitän ist und seine Konjunktur nicht so frei steuerbar ist, wie er uns das gerne weismachen möchte.
Mit der absolut nicht unsinnigen Frage, ob es eine Rezession geben könnte, beschäftigen sich Ökonomen weltweit. Zur Erklärung: Von einer Rezession sprechen Konjunkturforscher, wenn das Bruttosozialprodukt in zwei aufeinander folgenden Quartalen abnimmt.
Gründe für ein Abrutschen in die Rezession gäbe es genug: Das Feuerwerk an Zinssenkungen, das die US-Notenbank seit Anfang des Jahres abbrennt, bringt die Konjunktur nicht in Schwung. Die Arbeitslosenrate in den USA steigt so schnell an, wie es bisher nur in Rezessionszeiten vorkam. Währenddessen ist auch die Inflation in den Vereinigten Staaten mit 3,6 Prozent auf einem Niveau, das weitere Zinssenkungen der Federal Reserve erschwert. Schließlich bleibt der Dollarkurs weiter auf hohem Niveau, was den amerikanischen Exporteuren die Geschäfte mit Übersee madig macht.
Damit nicht genug: Japan wird einer Rezession voraussichtlich nicht mehr entkommen. Das erste Quartal wurde dort schon mit einem negativen Wirtschaftswachstum abgeschlossen, im zweiten sieht es offenbar noch schlechter aus. Auch in Europa redet längst niemand mehr außer unserem Wirtschaftsminister davon, dass man sich gegen die rezessiven Tendenzen werde stemmen können. Das ist auch nicht verwunderlich bei einer Inflationsrate von 3,5 Prozent. Bei einem solchen Wert muss die Europäische Zentralbank ihren eigenen Vorgaben gemäß eigentlich schon wieder über eine Anhebung der Leitzinsen nachdenken.
Die Angst vor Rezession ist also momentan berechtigter denn je. Es kann zwar sein, dass der Euroraum an einer echten Rezession vorbeikommt. Dennoch ist in einer globalen Wirtschaft die Gesundung der amerikanischen und japanischen Wirtschaft dafür eine Bedingung und kein Nebeneffekt. Daran ändert auch das Seemannsgarn des Herrn Müller nichts.