Kommentar: Vorgeschobene Argumente - DER SPIEGEL
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Kommentar Vorgeschobene Argumente

Einzelhandel und Verbraucherverbände werfen der Regierung und den Banken vor, ihr Verhalten schade dem Image des Euro. Die Argumentation mit den Sorgen der Bürger ist nur vorgeschoben - der Handel will nicht die ganze Last der Euro-Einführung tragen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Geliebt haben die Deutschen den Euro noch nie. Der Preis dafür - nämlich die Aufgabe der D-Mark - erscheint den meisten zu hoch. 54,5 Prozent der Bundesbürger, so hat die Forschungsgruppe Wahlen in ihrer Juli-Umfrage herausgefunden, stehen dem Euro skeptisch gegenüber.

Das ist traurig, aber es ist zu ändern - mit Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung. Plakat-Aktionen mit Promis wie Helmut Schmidt, Sabine Christiansen oder Ulrich Wickert, die zudem aussehen wie eine kollektive Traueranzeige, helfen da nur bedingt weiter.

Insofern ist die Kritik der Verbraucherschützer und des Einzelhandels berechtigt. Die Bundesregierung muss mehr tun. Broschüren, Info-Zelte, Bürgertelefone und Webseiten sind immerhin ein Anfang, aber viel zu wenig. 500 Telefonanfragen pro Tag oder 500.000 Klicks pro Monat auf der Internet-Seite sind wahrlich kein Massenauflauf. Bei solchen Zahlen werden die verbleibenden 146 Tage bis zum Euro-Start nicht reichen, um die Bürger umfassend zu informieren.

Allerdings hilft es auch nicht weiter, wenn Einzelhandel und Verbraucherschützer die Welle der Euro-Skepsis nutzen, ihre Interessen zu verfolgen. Denn hinter der vordergründig aus Sorge um des Bürgers Zustimmung zum Euro vorgetragenen Kritik an Bundesregierung und Banken verbirgt sich in Wahrheit die Auseinandersetzung darüber, wer die Kosten für die Einführung des Euro trägt. Die Bundesregierung lehnt eine staatliche Beteiligung ab. Die Banken mauern mit Hinweis auf die Regierung. Der Handel aber will nicht die gesamte Last allein tragen.

Um die Summen, die hier zur Diskussion stehen, lohnt es sich zu streiten. In Deutschland müssen nach Schätzungen von Experten rund 48 Milliarden Mark in Münzen und 2,6 Milliarden in Scheinen gegen Euros eingetauscht werden. Handel und Banken schätzen den Aufwand dafür auf 15 bis 18 Milliarden Mark, die Automatenindustrie rechnet noch einmal rund eine Milliarde Mark, etc. Dass der Handel nicht als Umtauschkasse der Nation missbraucht werden will, ist verständlich - nur sollte er sich offen dagegen wehren. Das Argument, die Interessen der Bürger oder das Image des Euro schützen zu wollen, könnte am Ende mehr schaden als nützen.