INDUSTRIE Komplexe einimpfen
Minister und Manager, Banker und Botschafter ließen sich am vorletzten Mittwoch vor dem Hauptrestaurant der Hannover-Messe absetzen, als Bonns Chef-Ökonom Hans Friderichs mit einer wohlgesetzten Festrede die größte Industrie-Schau der Welt eröffnete.
Nur wenige Tage zuvor -- Techniker und Arbeiter richteten gerade die Galaschau deutschen Erfindergeistes und bundesdeutscher Technologie ein -- hatte eine Statistik der Deutschen Bundesbank bei den Zaghaften den Glauben an die Zukunft der viertgrößten Industrienation erschüttert.
Die in der Bundesrepublik produzierende Industrie, ermittelten die Frankfurter Zentralbankiers, gab vergangenes Jahr für ausländische Lizenzen rund 1,3 Milliarden Mark mehr aus, als sie für den Export eigener Schutzrechte kassierte. »Alarmierend«, kommentierte der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) das Rekorddefizit.
Gelassener sahen es die Forschungspraktiker aus der Großindustrie. Selbstbewußt widersprachen sie dem Eindruck, die Deutschen seien technologisch auf die schiefe Bahn geraten.
So zeugt es für Ex-Kruppianer Ernst Wolf Mommsen »keinesfalls von Schwäche, wenn ein Konzern ausländisches Know-how kauft und weiterentwickelt«. Und für Immanuel Franke, Lizenz-Chef bei Siemens, ist die Horrorzahl so indiskutabel wie »für einen Mohammedaner die Jungfernzeugung«. Franke: »Das falsche Thermometer soll den deutschen Ingenieuren bloß keinen Komplex einimpfen.«
In der Tat ist die stetig wachsende Lücke in der deutschen Technologie-Bilanz kaum ein Indiz für einen sich vergrößernden Abstand zur Industrie-Supermacht USA, die mit über zehn Milliarden Mark den höchsten Lizenz-Überschuß verbuchte. Der weitaus größte Teil des Defizits nämlich echt auf das Konto von Töchtern multinationaler, vor allem US-gesteuerter Konzerne, die mit Lizenzen ihrer Mutter in der Bundesrepublik produzieren und den Gebührentransfer gern dazu nutzen, einen Teil ihrer Gewinne steuersparend zu verschieben.
Allein die Computer-Hersteller, allen voran die Stuttgarter IBM-Tochter, mußten im letzten Jahr 670 Millionen Mark an Lizenzgebühren ins Ausland überweisen. Die rein deutschen Firmen hatten dagegen sogar ein Bilanzplus von 307 Millionen Mark.
Der Überschuß wäre höher ausgefallen, würden deutsche Firmen ihr Know-how nicht lieber selbst nutzen und Fertigprodukte anstelle von Lizenzen exportieren. Peter Lemke, Lizenzexperte heim Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten: »Unsere Firmen sind nicht primär daran interessiert, Lizenzen zu verkaufen.«
Überdies zögern die Innovations-Manager die Anmeldung lizenzfähiger Patente gerne so lange wie möglich hinaus, um die Konkurrenz nicht vorzeitig auf die Spur einer neuen Entwicklung zu locken. Außerhalb der Bilanz bleiben auch neue Verfahrenssysteme, die sich nur schwer mit herkömmlichen Patenten schützen lassen. Ex-Manager Mommsen, Mitglied in Technologie-Minister Matthöfers Berater-Kreis: »Dieser Bereich wächst in hohem Maße.«
Vollends entstellt wird die Lizenz-Bilanz durch internationale Kooperationen, bei denen die Partner ihr Know-how einfach austauschen. So hat etwa in der Luft- und Raumfahrt-Industrie, die Großprojekte wie etwa den Airbus, den Kurzstrecken-Jet VFW 614, das Mehrzweckkampfflugzeug MRCA oder die Weltraumstation Spacelab gemeinsam mit ausländischen Firmen abwickelt, eine separate Lizenz-Bilanz kaum noch einen Sinn. Hans-Jochen Bischof, Patentchef des deutsch-holländischen Flugzeug-Konzerns VFW-Focker: »Solche Zahlen haben keine Aussagekraft mehr.«
Experten wie Hans Matthöfers Technologie-Referent Josef Rembser lesen die Innovationskraft der deutschen Industrie denn auch lieber an anderen Meßgrößen ab, etwa an der Höhe des Forschungsaufwands. Und da liegen die Westdeutschen gut im Technik-Rennen. Nach einer OECD-Studie lag die Bundesrepublik mit einem Forschungsbudget von rund 25 Milliarden Mark (2,4 Prozent des Brutto-Sozialprodukts) 1974 in der Spitzgruppe der westlichen Industrieländer.
Milliarden-Subventionen aus dem Bundeshaushalt halfen manchen Branchen gar, die technologische Lücke zu den USA zu schließen. So erreichte die Bundesrepublik in der Energie-Technik, in der Kohleveredelung und im Fahrzeugbau Weltstandard, und auch in der mit acht Steuermilliarden geförderten Kerntechnik rückte sie zu den führenden Amerikanern auf.
Weit vorn liegen die Amerikaner dagegen bis heute vor allem in der Elektronik, besonders in der elektronischen Steuerung konventioneller Techniken sowie in der Luft- und Raumfahrt -- nicht zuletzt eine Folge des militärischen Entwicklungsprogramms und des Mondflug-Unternehmens.
Die Koppelung ziviler und militärischer Forschung erlaubt es beispielsweise dem Elektro-Riesen General Electric, 60 Prozent seiner Ausgaben aus staatlichen Töpfen zu finanzieren -- deutsche Konzerne bringen es allenfalls auf 15 bis 20 Prozent. Flugzeug-Bauer Boeing lieferte 600 seiner Langstrecken-Jets vom Typ 707 als Tankmaschinen an die US-Air Force und holte damit sämtliche Entwicklungskosten wieder herein, bevor er die erste Zivilversion verkaufte. Siemens-Manager Franke: »Die gesamte Transistor-Technik ist rein militärisch bezahlt worden.«
Dennoch fühlen sich die Amerikaner nicht mehr, wie noch vor zehn Jahren, unangefochten vorn. In einem Bericht der National Science Foundation an Präsident Ford warnten führende Technologen vor allem vor der deutschen Herausforderung: Acht Prozent aller in den USA angemeldeten Patente, so ließen sie den Mann im Weißen Haus wissen, stammen bereits von Firmen aus der Bundesrepublik.