Konjunktur Angst macht Beine
Berlin - Zum 19. Mal haben sich die Wirtschaftsjunioren aufgemacht - in deutsche Fußgängerzonen, auf die Marktplätze der Republik, um dort zu fragen: "Wie geht es Ihnen eigentlich?" Am ersten Maisamstag interviewten die Junioren insgesamt 7862 Passanten zu ihren eigenen Erwartungen für das nächste Jahr, aber auch zur Konjunktur der deutschen Volkswirtschaft.
Nun liegen die Ergebnisse vor und für die Junioren geben sie Anlass zu Optimismus. Unterm Strich nämlich, so Bert Christmann, Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren, sei eine positive Tendenz festzustellen: "Ein Schub geht durch Land", sagte er. Ein Schub, der seine Kraft allerdings vor allem einem Gefühl verdankt: Angst und Verunsicherung.
Angst vor Arbeitslosigkeit
Zunächst einmal nämlich ist der Sorgenkatalog der Deutschen ziemlich lang: Noch nie hatten so viele Menschen Angst um ihren Arbeitsplatz. Über die Hälfte aller Befragten ist in Sorge, den Job zu verlieren. Vor zwei Jahren war es nur ein Drittel. 40 Prozent rechnen für das nächste Jahr mit einem geringeren Einkommen. Deutschland sahen die Befragten als Verlierer der Globalisierung und wer nach Osten guckt hat Angst: Vor allem in China und den neuen EU-Mitgliedsländern sehen die Befragten Konkurrenz. "Mit einem Anspringen des privaten Konsums ist nicht zu rechnen", sagte Christmann.
Was düster klingt, birgt nach Ansicht der Junioren große Hoffnung. Die Deutschen haben angefangen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und sind bereit, größere Opfer zu bringen, so Christmann. "Fünf Stunden mehr Arbeit ohne Lohnausgleich - für die meisten kein Problem", resümiert er. Zuviel Arbeit fürchtet fast niemand. "Erstmals haben die Bundesbürger mehrheitlich erkannt, dass jeder Einzelne einen Beitrag zur Stärkung des wirtschaftlichen Lebens leisten muss."
Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen
Es gibt noch einen anderen Grund zur Zuversicht: Zwar sehen die Befragten ihre eigene wirtschaftliche Situation pessimistisch. Dass es mit der deutschen Wirtschaft im nächsten Jahr bergauf geht, glauben aber zwei Drittel der Befragten. Weil die Befragten eben nicht auf die Politiker hoffen - nur acht Prozent glauben, dass Schröder, Merkel und Co. die Probleme Deutschlands lösen können - wollen sie ihre Zukunft, das heißt vor allem Arbeit und Geld, durch mehr Eigeninitiative sichern.
Trotz Angst und Unsicherheit seien die Deutschen, anscheinend nicht bereit, sich ihrem Schicksal zu fügen. "Den Unternehmen geht es gut, aber mich selbst nimmt das Boot des Aufschwungs nicht mit", das ist für Bert Christmann ein Gedanke der auch große Kräfte mobilisiert: "Selbständigkeit ist für viele immer mehr eine echte Option."
Bereitschaft zu schmerzlichen Einschnitten
Darüber, dass es in der Bevölkerung die Bereitschaft gebe, "auch schmerzliche Wege zu gehen" könnten auch die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV nicht hinweg täuschen. Der Aufstand der Hartz Gegner ist erstens nicht "unbedingt repräsentativ", meinte Christmann und resultiere außerdem in erster Linie aus der großen Verunsicherung der Menschen. Würden die Bevölkerung besser verstehen, was genau mit Hartz IV auf sie zukommt, wäre sie grundsätzlich auch bereit, den Weg gemeinsam zu gehen.
Zu einer Reform des Arbeitsmarktes sieht auch Christmann aber keine Alternative. Ohne Druck auf die Arbeitnehmer hätte sich noch keine Wirtschaft erholt. Die Stimmung der Bevölkerung gegen Hartz hat trotzdem seine Gründe: "Hartz IV hat empfindliche und vielleicht sogar sträfliche Schönheitsfehler. Der Niedriglohnsektor muss unterstützt werden, damit es sich lohnt solche Jobs anzunehmen und anzubieten", sagt er.
Zwar stammt ein Großteil der Befragten aus dem ohnehin strukturstarken Baden-Württemberg und im Osten Deutschlands haben die Junioren mit nicht so viel Energie nachgefragt: Nur 10 Prozent der Befragten sind aus Thüringen, Sachsen oder Berlin-Brandenburg. Trotzdem seien die absoluten Zahlen groß genug, um sie "mit Hilfe eines Schlüssels in zuverlässige, Gesamtdeutschland repräsentierende Ergebnisse umzurechnen", sagte Wirtschaftsjunioren-Sprecher Thomas Klugkist.