Konjunktur: Angst vor den Spätfolgen von "Katrina" - DER SPIEGEL
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Konjunktur Angst vor den Spätfolgen von "Katrina"

Der Export bleibt die zentrale Stütze der Konjunktur. Im Juli stiegen die Aufträge für Investitionsgüter wieder spürbar an. Trotzdem bleiben die Experten vorsichtig – zu groß ist noch die Unsicherheit über die Auswirkungen des Hurricans "Katrina" und der hohen Ölpreise.
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Berlin/Paris - Von Juni auf Juli verbuchten die Firmen saisonbereinigt 3,7 Prozent mehr Bestellungen, wie das Bundeswirtschaftsministerium heute erklärte. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sprach von einem positiven Signal: "Die Konjunktur kommt zusehends in Schwung." Der Auftragseingang der Industrie hatte bereits im Mai und Juni kräftig zugelegt und lag im Juli damit auch um 7,6 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Clement sagte, die Voraussetzungen für eine Belebung der Produktion in den kommenden Monaten hätten sich weiter verbessert.

Analysten hatten im Juli mit einem Orderminus von 0,9 Prozent gerechnet. Als gutes Zeichen werteten die Experten, dass die Konsumgüter-Bestellungen aus dem Inland das zehnte Mal in Folge zulegten, was für eine Belebung der Binnenwirtschaft spricht.

Der Zuwachs bei den Bestellungen im Juli ging jedoch wieder hauptsächlich auf ausländische Kunden zurück, die 7,7 Prozent mehr Waren orderten als im Juni. Aus dem Inland kamen 0,1 Prozent weniger Aufträge, wobei der Juni aber mit 3,9 Prozent Zuwachs stark gewesen war.

Unsicherheitsfaktor Ölpreis

Kräftig nach oben schossen die Auslands-Bestellungen von Investitionsgütern, die um gut zehn Prozent zulegten. Dahinter stehen dem Statistischen Bundesamt zufolge Großaufträge an die Luft- und Raumfahrtindustrie in Ostdeutschland: Dort legte die ausländische Investitionsgüternachfrage um 120 Prozent zu. Insgesamt tut sich die ostdeutsche Wirtschaft nach Analyse des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle aber weiter schwer, die seit Frühjahr 2004 anhaltende Konjunkturschwäche zu überwinden.

Nach Einschätzung des Verbandes Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) profitieren Hersteller von Investitionsgütern zunehmend auch von Aufträgen aus den Erdöl exportierenden Ländern. Der Anstieg der Rohölpreise in Folge der anhalten hohen Nachfrage aus den USA und Asien hat den Öl-Ländern zusätzliche Einnahmen beschert, die nun in Modernisierungen fließen.

Trotzdem könnten die hohen Ölpreise nach Einschätzung der OECD die Euro-Zone stärker treffen als die USA und Japan. Die Wirtschaft der Euro-Staaten befinde sich zumindest kurzfristig weiter in einer Flaute, und die Konjunktur dort sei anfälliger gegenüber Ölpreisspitzen als in den anderen Wirtschaftszonen, sagte der Chefvolkswirt der Organisation, Jean-Philippe Cotis, heute in Paris.

Die Weltwirtschaft erlebe zurzeit einen Ölschock großen Ausmaßes, sagte Cotis. Allein seit Mai seien die Preise um rund 20 Dollar pro Fass (159 Liter) gestiegen. "Wir haben keine Ahnung, wann das aufhören wird." An den Märkten gebe es deshalb eine sehr große Unsicherheit, sagte der OECD-Volkswirt. Dies könne sich auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auswirken und die Wirtschaft insgesamt belasten.

Auswirkungen von "Katrina" ungewiss

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verwies allerdings darauf, dass die Abhängigkeit Deutschlands von Rohölimporten im Vergleich zu anderen Industriestaaten geringer sei. Die Bundesrepublik wendet demnach nur 1,1 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rohölimporte auf. Der Anteil in den USA liegt bei 1,2 Prozent, in Belgien bei 2,5 Prozent und in Südkorea sogar bei 4,4 Prozent.

Ob die Belebung der Konjunktur durch den Hurrikan "Katrina" zusätzlich beeinträchtigt werden könnte, wollte Cotis zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Die makroökonomische Auswirkung des Wirbelsturms könne noch nicht verlässlich eingeschätzt werden. Nach den jüngsten Prognosen der OECD, die noch vor "Katrina" erstellt wurden, wird die US-Wirtschaft in diesem Jahr um 3,6 Prozent wachsen, die zwölf Länder der Eurozone dagegen nur um 1,3 Prozent. Für Deutschland senkte die Organisation nach dem Nullwachstum im zweiten Quartal ihre Wachstumsvorhersage aus dem Mai für 2005 von 1,2 auf ein Prozent.

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) bemüht sich derweil, die folgen von "Katrina" durch zusätzliche Ölverkäufe abzufedern. Mitte kommender Woche will der Verwaltungsrat darüber entscheiden, ob über das Anzapfen der strategischen Reserven hinaus noch weitere Maßnahmen nötig sind. Die IEA hatte beschlossen, für einen Monat 60 Millionen Barrel Öl aus den strategischen Reserven ihrer Mitgliedsländer freigegeben, um den Preisdruck auf dem Rohstoffmarkt zu verringern.