Konjunktur: Auftragsrückgang in der Industrie schürt Rezessionsangst - DER SPIEGEL
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Konjunktur Auftragsrückgang in der Industrie schürt Rezessionsangst

Die deutsche Industrie bekommt weniger Aufträge, die Baubranche stöhnt über hohe Kosten und weniger Arbeit, Daimler drosselt die Produktion - die Angst vor einer Rezession wächst. Doch der Industrieverband BDI und die Bundesregierung warnen vor Panik.
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Hamburg - Der Auftragseingang der deutschen Industrie ist im Juni gegenüber dem Vormonat überraschend stark eingebrochen und hat somit den siebten Monat in Folge einen Rückgang verzeichnet. Wie das Bundeswirtschaftsministerium am Mittwoch in Berlin auf Basis vorläufiger Daten mitteilte, verringerten sich die Bestellungen im Juni gegenüber dem Vormonat preis- und saisonbereinigt um 2,9 Prozent.

Auf Jahressicht ergab sich ein Minus von 6,1 Prozent. Im gesamten zweiten Quartal lag das Ordervolumen zudem deutlich um 4,1 Prozent unter dem des ersten Quartals. Volkswirte hatten für Juni hingegen einen Anstieg der Aufträge gegenüber dem Vormonat um 0,5 Prozent erwartet.

Besonders deutlich gingen die Bestellungen aus dem Ausland mit einem Minus von 5,1 Prozent auf Monatssicht zurück. Dabei schwächte sich die Nachfrage aus der Euro-Zone um 7,7 Prozent und die aus der Nicht-Euro-Zone um 3,1 Prozent ab. Die Inlandsaufträge nahmen im Juni um 0,6 Prozent ab.

Auch im Mai war der Rückgang stärker. So nahm das Ministerium eine Revision des Vormonatsvergleichs auf minus 1,4 Prozent von vorläufig gemeldeten minus 0,9 Prozent gegenüber April vor. Gegenüber dem Vorjahr wurde der Auftragseingang auf minus 2,5 Prozent von vorläufigen minus 2,0 Prozent korrigiert. Die aktuellen Daten zeigen dem Ministerium zufolge, dass sich die Aussichten für die Industrieproduktion insgesamt verschlechtert haben.

Auch die deutsche Baubranche zeigt sich skeptisch: Eine Umfrage unter rund 200 Betrieben ergab, dass die hohen Energie- und Rohstoffpreise die Branche immer härter treffen. Im Juli stiegen die durchschnittlichen Kosten der Firmen demnach so stark wie seit fast neun Jahren nicht mehr, teilte das britische Marktforschungsinstitut Markit zu seiner Umfrage mit. Die Firmen mussten zugleich ein deutlich schrumpfendes Neugeschäft hinnehmen. Die Aufträge sanken mit der zweitstärksten Rate seit April 2005. Im Zuge der Konjunkturabkühlung und wegen der schwierigen Rahmenbedingungen blickt die Branche so pessimistisch in die Zukunft wie seit Oktober nicht mehr.

Der Stuttgarter Autokonzern Daimler   einigte sich indes mit seinen Werken angesichts der schleppenden Autokonjunktur auf eine Drosselung der Produktion. Diese soll bis zum Jahresende um insgesamt 45.000 Fahrzeuge gesenkt werden, sagte ein Sprecher am Mittwoch auf Anfrage in Stuttgart. Um hohe Lagerbestände zu vermeiden, sollen in den Werken bei Bedarf immer wieder Schichten oder einzelne Produktionstage gestrichen werden. Betroffen sind außer den großen Werken in Sindelfingen, Untertürkheim und Bremen auch das US-Werk in Tuscaloosa. Auch in den kleineren Standorten in Berlin und Hamburg sollen die Bänder zeitweise stillstehen. Im Werk in Rastatt soll zwar auch weniger gearbeitet, aber keine extra Betriebsvereinbarung über die Produktionsdrosselung abgeschlossen werden.

Bankvolkswirte sprachen angesichts der Nachrichten aus der deutschen Industrie von einem nicht enden wollenden Strom an schlechten Konjunkturnachrichten. "Seit Ende des ersten Quartals befindet sich die deutsche Wirtschaft in der Abwärtsbewegung", sagte Carsten Brzeski von ING Bank  . Er geht davon aus, dass sowohl der private Verbrauch als auch die Industrieproduktion im zweiten Quartal gefallen sind, "als Folge dürfte es einen scharfen Rückgang des BIP geben". Commerzbank-Ökonom Matthias Rubisch sagte, der Abschwung in der Industrie gewinne an Fahrt, womit die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Deutschland zunehme.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet nicht mit einer Rezession in Deutschland und warnt vor einem Schlechtreden der konjunkturellen Entwicklung. "Deutschland ist von einer Rezession weit entfernt", erklärte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Er verwies auf die sehr starke Entwicklung in den ersten Monaten des Jahres. Der BDI halte an seiner Prognose eines Wirtschaftswachstums von etwa 2,0 Prozent im laufenden Jahr fest.

Auch die Bundesregierung sieht trotz negativer Signale aus der Wirtschaft keinen Grund für überzogenen Konjunkturpessimismus. Zwar dürfte die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal nach Schätzungen der Regierungsexperten kräftig um 0,75 bis 1,5 Prozent geschrumpft sei, wie es aus Regierungskreisen heißt. Doch bleibt die Prognose eines Wachstums von 1,7 Prozent in diesem Jahr realistisch. Ob Schätzungen für 2009 von 1,2 Prozent Wachstum gehalten werden könne, sei dagegen noch unklar. Man sehe aber die aktuelle konjunkturelle Abkühlung nicht als Beginn einer dauerhaften Schwächephase der Wirtschaft.

kaz/ddp/Reuters/dpa