Konjunktur: Der lange Schatten des Irak-Feldzugs - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Konjunktur Der lange Schatten des Irak-Feldzugs

Nicht allein der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, befürchtet eine Rezession als mögliche Folge eines Irak-Feldzugs der USA. Auch eine Reihe anderer Volkswirte und Vertreter von Wirtschaftsverbänden sehen große Gefahren für die Konjunktur.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Auch der wissenschaftliche Berater des Bundesfinanzministeriums, Rolf Peffekoven, geht von einem heftigen Dämpfer für das Wirtschaftswachstum aus: "Ich könnte mir vorstellen, dass es bei militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten zu einem Ölpreisanstieg kommt - das würde die Konjunktur natürlich negativ beeinflussen", sagte Peffekoven.

Das Risiko gehe aber nicht allein von einem Anstieg des Ölpreises aus. Auch die zu erwartende Wachstumsdelle in den USA würden die Wachstumsraten drücken. "Wenn das amerikanische Wachstum um einen Prozentpunkt zurückgeht, wird das Wachstum in Deutschland um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte sinken", sagte das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Situation (die so genannten Wirtschaftsweisen) im Interview mit der "Netzeitung". Nach seiner Einschätzung ist das Wirtschaftswachstum in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten auf Grund der Terroranschläge und der Konjunkturschwäche in den USA bereits um 0,5 Prozentpunkte zurückgegangen.

Einen direkten Zusammenhang mit der Konjunktur in den USA sieht auch der Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Joachim Haß. Die deutsche Wirtschaft sei schon jetzt nur noch knapp über dem Nullwachstum, sagte er: "Unsere Hoffnungen ruhen allein auf den Exporten, nicht auf der Binnennachfrage". Wichtigster Exportmarkt außerhalb der Europäischen Union sei aber der US-Markt.

Die Stimmung der deutschen Investoren und Verbraucher sei seit Monaten schlecht. Außerdem hätte sich die Kriegsfurcht zum Teil schon im Ölpreis niedergeschlagen. Dies wirke wie ein zusätzlicher Dämpfer für die Konjunktur. Im Falle eines Krieges sieht Haß deshalb kaum noch Reserven: "Wir haben kein Polster mehr, von dem aus wir einen Rückschlag verkraften können."

Die schlechte Stimmung macht seit Monaten auch dem Einzelhandel zu schaffen. Ein Konflikt mit dem Irak, so die Befürchtung, würde die ohnehin schlechte Stimmung in der Bevölkerung weiter drücken. Es sei zu befürchten, dass ein Krieg über Steuererhöhungen finanziert werden müsse, sagte Holger Wenzel, Hauptgeschäftsführer des HDE, gegenüber der Tageszeitung "Die Welt"

"Wenn dem Bürger aber Geld aus der Tasche gezogen wird, um den Krieg zu finanzieren, spart er natürlich beim Konsum", sagte Wenzel. Sollte der Staat etwa die Mehrwertsteuer zur Finanzierung der Rüstungsausgaben um einen Prozentpunkt nach oben setzen, gingen dem Einzelhandel insgesamt neun Milliarden Euro verloren.

Norbert Walter hatte am Morgen in einem Interview im Deutschlandradio erklärt, er halte eine Rezession schon im kommenden Winter für möglich. Die Konjunktur sei zwar nicht direkt von den Terror-Anschlägen des 11. September 2001 beeinflusst, aber die wirtschaftliche und politische Lage insgesamt sei nachhaltig erschüttert worden: "Die Friedensdividende, die wir nach den Ende des Kalten Krieges ein Jahrzehnt genießen durften, ist aufgezehrt", sagte Walter.

Es müsse wieder Geld für Sicherheit ausgegeben werden. "Und das bedeutet, dass wir bei gleicher Anstrengung nicht so viel Wohlstand haben können." Sorge mache ihm, dass sich in Europa und auch in den USA offenbar niemand darauf einstelle, sagte der Wirtschaftsexperte. Der bevorstehende Irak-Krieg werde ein Fanal sein, weil er die Ölpreise in die Höhe treiben werde. Die Wirtschaft werde wieder größere Lager bilden und damit Kapital binden müssen.