Konjunktur: Die Angst vor dem 2007-Schock - DER SPIEGEL
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Konjunktur Die Angst vor dem 2007-Schock

Rekordverdächtige Wachstumsraten beim Export, optimistische Unternehmen, Arbeitskräftemangel - die Serie der guten Nachrichten über die Konjunktur reißt nicht ab. Die wenigen Skeptiker können sich dagegen kaum Gehör verschaffen.
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Berlin - Der Beginn der Weihnachtszeit hätte kaum schöner eingeläutet werden können. Das Statistische Bundesamt lieferte heute mit den neuesten Zahlen zur Entwicklung der Konjunktur jedenfalls die Grundlage für eine entspannte Bescherung.

Da ist zunächst die Exportwirtschaft, die mit 84,1 Milliarden Euro das Niveau von Oktober 2005 noch einmal um 22,6 Prozent übertraf - der stärkste Anstieg seit fast sechs Jahren. Saisonbereinigt legten die Exporte zum Vormonat um 2,6 Prozent zu.

Auch die Zunahme der Importe gibt Anlass zur Hoffnung. Ihr Wert stieg im Oktober um 17,6 Prozent zum Vorjahr auf 66,8 Milliarden Euro und lag saisonbereinigt mit einem Minus von 0,2 Prozent fast auf Vormonatsniveau. Die Zahlen sind nicht zuletzt auch ein Beleg für die Zunahme von Investitionen und die Belebung der privaten Nachfrage.

Entsprechend optimistisch blicken die Unternehmen in die Zukunft. Die Maschinen- und Anlagenbauer zum Beispiel: Ihr Verband VDMA rechnet mit einem Produktionswachstum von zwei Prozent, im laufenden Jahr betrage das Produktionsplus wahrscheinlich sogar fünf Prozent. Mit zweistelligen Zuwächsen werde vor allem in Indien, Russland, dem Nahen Osten und Asien gerechnet. Auch die Binnennachfrage ziehe weiter an. Bereits im Oktober hatte die Branche 30 Prozent mehr Binnen-Aufträge verzeichnet als im Vorjahresmonat.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Die positiven Absatzzahlen der Branche spiegeln sich den Angaben der Statistiker zufolge auch immer stärker in den Beschäftigungszahlen wieder. Zum Jahresende werde die Maschinen- und Anlagenbaubranche in Deutschland 874.000 Mitarbeiter zählen. Für 2007 sei ein weiterer Stellenaufbau geplant. Allerdings klagt laut VDMA bereits jedes zehnte Unternehmen über einen Fachkräftemangel.

Die Volkswirte bemühten sich nach Veröffentlichung dieser Zahlen nicht einmal, ihre Euphorie zu verbergen. "Der deutsche Außenhandel hat im Oktober einmal mehr eine faustdicke Überraschung bereit gehalten", sagte etwa Volkswirt Sebastian Wanke von der DekaBank. Nach den schon sehr starken September-Zahlen sei mit einer weiteren Steigerung nicht zu rechnen gewesen, zumal sich mit der US-Wirtschaft ein wichtiger Exportmarkt abkühle. Die deutsche Wirtschaft habe in den vergangenen anderthalb Jahren viele Großaufträge eingesammelt, die jetzt in Ausfuhren umgewandelt würden.

"Die Dynamik im Außenhandel ist ungebrochen", ergänzte Ulrike Kastens von Sal. Oppenheim. Nach dem guten Start in das vierte Quartal dürften die Exporte die deutsche Wirtschaft auch am Jahresende in Schwung halten. "Auch wenn die Daten für November und Dezember noch nicht vorliegen, zeichnet sich bereits jetzt ein positiver Wachstumsbeitrag vom Außenhandel im vierten Quartal ab", sekundierte Matthias Rubisch von der Commerzbank. Die Research-Abteilung der HypoVereinsbank erklärte, es scheine nicht voreilig, Deutschland jetzt schon zum Exportmeister 2006 zu erklären.

Mahner verweisen auf strukturelle Probleme

Die Mahner dagegen halten sich mit den aktuellen Zahlen gar nicht auf. Sie stellen eher die grundsätzlich strukturellen Probleme in den Vordergrund. Edmund Phelps ist einer dieser einsamen Rufer. Der diesjährige Gewinner des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften hegt ernste Zweifel, dass der derzeitige Aufschwung von Dauer sein kann. Zu marode seien die Strukturen, auf denen die Wirtschaft in Europa aufbaut. Sowohl der Arbeitsmarkt als auch die Finanzmärkte seien "in verheerendem Zustand", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Die Bremsklötze hat Phelps schnell ausgemacht: "Die Mitbestimmung, der Kündigungsschutz - all das ist schädlich." Er verwies darauf, dass seit den neunziger Jahren die Produktivität in Europa geschrumpft sei und die Arbeitslosigkeit zugenommen habe. "Es ist ein Wunder, dass es unter solchen Bedingungen in Deutschland und in Frankreich überhaupt noch Investitionen gibt."

Die ermutigenden Zahlen bieten nach Phelps' Einschätzung keinen Anlass, an dieser Bestandsaufnahme zu zweifeln. Denn sie änderten nichts an der seiner Überzeugung nach entscheidenden Schwachstelle der hiesigen Ökonomie: dem Sozialstaat. "Er macht die Leute unabhängig von ihrer Leistung und von den Arbeitgebern." Das sei sogar gewollt - und gleichzeitig das Problem, erklärt der Wissenschaftler der "FAZ". Denn er verleihe den Arbeitnehmern eine Unabhängigkeit vom "wohlwollenden Unternehmer der versucht neue Wege zu finden, um Geld zu verdienen".

Streit um die Früchte des Aufschwungs

Die derzeit in Deutschland geführte Diskussion um die gerechte Verteilung der Früchte des Aufschwungs scheint Phelps Recht zu geben. Umfragen zufolge empfindet die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, dass die Früchte des Aufschwungs ungerecht verteilt sind. Die Ergebnisse belegen nicht zuletzt auch den gewachsenen Anspruch gegenüber den Unternehmen, etwas von ihren in diesem Jahr eingefahrenen Gewinnen abzugeben. Politiker von SPD und Union schlagen mit ihren Empfehlungen nach großzügigen Lohnerhöhungen in dieselbe Kerbe.

Dabei birgt die derzeit brummende Konjunktur tatsächlich die Gefahr eines bösen Erwachens. Doch dies liegt weniger an den von Phelps benannten aufmüpfigen Arbeitern. Als viel schwerwiegender bewerten Experten, dass die Unternehmen trotz der Reformen in den vergangenen Jahren noch immer unter komplizierten Gesetzen, hohen Lohnnebenkosten und strengen Regulierungen zu leiden haben.

Doch anstatt den Kurs der Deregulierung fortzusetzen überböten sich SPD und Union mit neuen Modellen wie etwa denen zum flächendeckenden Mindest- und Kombilohn, ärgert sich der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Klaus Zimmermann. Dagegen würde es schon helfen, die bestehenden Reformen nachzubessern, sagte er in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Als Pessimist dürfte auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger durchgehen. Er sieht in der seit Jahren sinkenden Kaufkraft die entscheidende Klippe für die Entwicklung der Konjunktur im kommenden Jahr. "Der private Verbrauch ist das Herz der Wirtschaft", zitiert ihn die "Zeit". "Wenn das nicht bald anfängt regelmäßig und kräftig zu schlagen, dann sieht es schlecht aus.

mit Material von Reuters und dpa