Konjunktur: Industrie brummt, Handel stottert - DER SPIEGEL
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Konjunktur Industrie brummt, Handel stottert

Vom Konjunkturaufschwung profitieren nicht alle gleichermaßen: Die Industrie ist aus- und teils überlastet, macht Überstunden, muss dringend in Erweiterungen investieren. Der Einzelhandel dagegen beklagt Umsatzrückgänge - angeblich Schuld: das warme Wetter.
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Hamburg - Der Konjunkturaufschwung bringt die deutsche Industrie zunehmend an den Rand ihrer Kapazitäten. Grund sei eine Verknappung von Industrierohstoffen, sagte Hans Günter Russ vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo). Zehn Prozent der Industrieunternehmen klagte demnach über Behinderung ihrer Produktion wegen des Mangels an Rohstoffen. Hintergrund sei unter anderem der wachsende Rohstoffhunger der aufstrebenden Industrien in Asien.

Die Produktionsanlagen in Deutschland seien im September im Schnitt zu 86,5 Prozent ausgelastet gewesen, berichtet das Ifo heute weiter aus seinem jüngsten Konjunkturtest. Vor einem Jahr hatte der Auslastungsgrad nur bei 82,9 Prozent gelegen, im zweiten Quartal bei 86,3 Prozent. "Die Konjunktur steht unter Dampf", sagte auch die Deutschland-Expertin der Privatbank Sal. Oppenheim, Ulrike Kastens. Der Auslastungsgrad liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnitt und über dem im Boomjahr 2000.

Besonders gut geht es dem Ifo zufolge der Metallerzeugung und -bearbeitung, 42 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Lage als gut. Sehr gut sei auch die Auftragslage im Fahrzeugbau. In der Chemieindustrie ließ die aktuelle Nachfrage zwar nach, aber die Firmen rechneten mit einer neuen Belebung und empfänden daher ihre Lagerbestände als zu klein.

Ifo-Volkswirt Russ sagte, die Folge des industriellen Erfolgs seien Erweiterungsinvestitionen. Elf Prozent der befragten Industriefirmen hielten ihre derzeitigen Kapazitäten angesichts der Auftragslage und erwarteten Nachfrage für nicht ausreichend. Vor allem Hersteller von Investitionsgütern wie Maschinen und Anlagen würden weiter auf vollen Touren produzieren. Ihre Auslastung liege wie im zweiten Quartal bei 90 Prozent. "Manche Firmen lasten ihre Kapazitäten mit Überstunden zu über 100 Prozent aus", sagte Russ.

Der Einzelhandel hat indes im September mit einem unerwarteten Umsatzrückgang enttäuscht. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes verzeichnete die Branche inflationsbereinigt einen Rückgang von 1,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch gegenüber dem Vormonat verringerte sich der Umsatz um 1,7 Prozent. Konjunkturforscher hatten angesichts der Entspannung auf dem Arbeitsmarkt und erwarteter Vorzieheffekte wegen der geplanten Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2007 mit einem besseren Ergebnis gerechnet.

Die Branche selbst zeigte sich dagegen wenig überrascht. "Es war viel zu warm im September, das hat die Konsumfreude ein wenig gelähmt, insbesondere im Textilbereich", sagte der Sprecher des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr. "Wir haben nie an die Euphorie geglaubt, die von Forschungsinstituten wie GfK und Ifo verbreitet wurde." Für das Gesamtjahr, betonte Pellengahr, rechne man dann aber doch mit einem Umsatzplus von immerhin 0,75 Prozent.

kaz/Reuters/AP