Konjunktur: Milder Winter erfreut die Ökonomen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Konjunktur Milder Winter erfreut die Ökonomen

Es ist ein erstaunlicher Stimmungswandel: Noch vor ein paar Wochen machten die Auguren eine schlechte Stimmung bei deutschen Unternehmen aus, jetzt schwingt sich die Wirtschaft zu einem neuen Rekordwachstum auf. Plötzlich wissen auch alle warum - es lag am milden Winter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Noch im April hatte das Ifo-Institut ein massiv verschlechtertes Geschäftsklima ausgemacht: Der entsprechende Index des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts fiel im April auf 102,4 Punkte - im März hatte er noch 104,8 Zähler betragen. Viele Ökonomen warnten schon, die Kredit- und Finanzmarktkrise, die enorm gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise sowie den schwachen Dollar im Blick, vor einer lang anhaltenden Rezession. Sogar von einer neuen Weltwirtschaftskrise war die Rede.

Jetzt meldet das Statistische Bundesamt, die deutsche Wirtschaft sei im ersten Quartal 2008 deutlich stärker gewachsen als die Prognosen es vermuten ließen. Das Bruttoinlandsprodukt erhöhte sich demnach von Januar bis März 2007 gegenüber dem vierten Quartal 2007 preis-, saison- und kalenderbereinigt um 1,5 Prozent, teilte das Bundesamt am Donnerstag mit. Ein solches Quartalsplus gab es seit zwölf Jahren nicht mehr.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), derzeit auf Lateinamerika-Reise, sieht hierin einen Beleg für die Widerstandskraft der deutschen Wirtschaft. Die hohe Wachstumsrate sei ein Ausdruck der Wettbewerbsfähigkeit in einem schwieriger gewordenen internationalen Umfeld, sagte sie. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) wertete die Daten der Statistiker als Anzeichen für die Robustheit der Wirtschaft, die "nicht mehr jeder Windhauch umwirft". Dieses "wertvolle Kapital" müsse mit weiteren Reformen abgesichert werden. Die Regierung liege mit ihren Erwartungen von 1,7 Prozent Wachstum in diesem und 1,2 Prozent 2009 richtig.

Schon meldet das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dass die Mehrheit der deutschen Unternehmen optimistisch in die Zukunft blickt. Einer Umfrage des arbeitgebernahen Instituts zufolge erwarten 41,6 Prozent der Firmen, dass sie in den kommenden drei bis fünf Jahren in Deutschland wachsen werden. Knapp die Hälfte - 46,7 Prozent - geht davon aus, dass sich nichts Grundlegendes verändert. Weitere Erkenntnis der Befragung: Große Unternehmen blicken deutlich optimistischer in die Zukunft als kleine. Nur 10,7 Prozent der Firmen befürchten, in den kommenden Jahren zu schrumpfen oder gar ihr Geschäft aufgeben zu müssen.

Ja, was denn nun? Kaum scheint in Deutschland ein paar Tage die Sonne, und schon rechnen Ökonomen plötzlich mit einem Aufschwung? Wegen des "milden Wetters" und des "unerwarteten Zunahme der Bautätigkeit" in Deutschland?

"Ganz so ist es nicht", sagt Christian Dreger, Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, zu SPIEGEL ONLINE. "Tatsächlich sind einzelne Wirtschaftsbereiche wegen des quasi ausgefallenen Winters stärker gewachsen als angenommen. Die grundsätzliche Entwicklung, nämlich ein außergewöhnlich starkes Wachstum im ersten Quartal 2008, haben alle Wirtschaftsinstitute vorausgesagt", erläutert Dreger. "Dass es nun 1,5 Prozent sind und nicht 0,8 Prozent, wie das DIW beispielsweise prognostiziert hat, liegt an Schwankungen bei Faktoren wie dem Wetter." Hier werde von einem Durchschnittswert ausgegangen. Falle der Winter sehr viel wärmer aus oder dauere sehr viel länger, wirke sich das entsprechend auf die Zahlen aus.

Dass der vergangene Winter mild war, konnte man schon im Februar absehen. Doch die Ökonomen rechneten trotzdem mit dem Mittelwert weiter - zwecks Vergleichbarkeit der Werte. Es müsse, heißt es unisono in den Instituten, einen einheitlichen Berechnungsstandard geben.

Auch das Ifo-Institut will seine Prognose für das Wirtschaftswachstum nun nach oben korrigieren. Nach dem starken Auftakt 2008 rechnet das Institut mit einem Plus von mehr als zwei Prozent in diesem Jahr. "Um unter zwei Prozent zu kommen, bräuchten wir schon eine kleine Rezession", sagt Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen. "Davon gehen wir eigentlich nicht aus." Das Ifo-Institut werde deshalb seine bisherige Prognose von 1,6 Prozent nach oben korrigieren.

Konjunkturexperte Dreger hält dagegen: "Wir befinden uns nach wie vor in einer Wachstumsphase, die aber an Dynamik verliert." Wachstumsschwächen in den USA hätten eine geringere Auswirkung auf die Weltwirtschaft, da die wachsende asiatische Wirtschaft dies ausgleiche. Die hohe Inflation, angetrieben vor allem von steigenden Nahrungsmittel- und Ölpreisen, werde sich wieder abflachen.

Ähnlich sieht es IW-Chef Michael Hüther: Insgesamt befinde sich Deutschland immer noch in einem Aufschwung. Als Grund dafür nennt Hüther die Strukturreformen in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts. "Das wirkt in Breite und Tiefe nach. Die deutschen Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren gut aufgestellt."

Erfreulich sei auch, dass das deutsche Wachstum auf einem "binnenwirtschaftlichen Fundament" stehe. "Das macht unsere Wirtschaft robuster, als sie es vor ein paar Jahren war." Das zweite Quartal, erklärt Hüther, könne zwar durchaus schwächer werden als das im Vorjahr und es gebe auch keine Garantie für ein weiteres Wachstum im Jahr 2009. "Aber deswegen muss man heute nicht gleich den Notstand ausrufen."

kaz/Reuters/AP/dpa