Konjunktur: Nullrunden gegen die Flaute? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Konjunktur Nullrunden gegen die Flaute?

Immer mehr Wirtschaftsexperten warnen vor einem Abflauen der Konjunktur. Doch von einer Null-Runde wollen die Gewerkschaften nichts wissen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Nachdem bereits führende Wirtschaftforschungsinstitute, eine Reihe von Banken und Verbänden ihre Wachstumsprognosen bis auf 2 Prozent revidiert hatten, rechnet auch der Chefökonom der zweitgrößten deutschen Bank HypoVereinsbank, Martin Hüfner, mit einem Wirtschaftswachstum von maximal 2 Prozent in diesem Jahr.

Auch der Chef des Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, hielt es im "Focus" für möglich, dass sich das Wirtschaftswachstum in Deutschland weiter verlangsamt. Dagegen hält die Bundesregierung an ihrer Prognose von 2,6 bis 2,7 Prozent Wachstum fest. Das bekräftigte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in einen Fernsehinterview.

Angesichts der sich abflauenden Konjunktur forderte Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) Nullrunden bei Löhnen und Gehältern. "Im Interesse des Wettbewerbs und der Arbeitslosen wäre es auf absehbare Zeit richtig, die Lohnkosten beim derzeitigen Stand einzufrieren", sagte Braun der "Berliner Zeitung". Beschäftigung sei nur durch höheres Wirtschaftswachstum erreichbar.

IG Metall sagt Nein

Die IG Metall lehnte Brauns Forderung nach Null-Runden bei Löhnen und Gehältern ab. "Das ist ein illusionärer Wunschtraum, den wir den Arbeitgebern nicht erfüllen werden", sagte IG-Metallsprecher Claus Eilrich.

In der Tarifrunde 2002 strebe die Gewerkschaft "kräftige Lohn- und Gehaltserhöhungen" an, sagte der IG Metallsprecher. Die Voraussetzungen dafür seien günstig: Die Unternehmen machten glänzende Geschäfte, die Lohnstückkosten seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken.

Dennoch gehe der Abbau der Arbeitslosigkeit nur im Schneckentempo voran. "Das Märchen, dass Lohnverzicht Arbeitsplätze schafft, ist damit endgültig widerlegt", sagte Eilrich. Die Arbeitnehmer müssten jetzt endlich angemessen an der wirtschaftlichen Entwicklung beteiligt werden. Das stärke die Kaufkraft und kurbele die Binnenkonjunktur an.

Schröder mahnt Tarifpartner

Kanzler Schröder sprach sich indirekt für moderate Abschlüsse bei den kommenden Tarifrunden ausgesprochen. Es müsse "alles getan werden, um die Kräfte des Wirtschaftswachstums zu stärken", sagte er der "Bild"-Zeitung. Jeder müsse seinen Beitrag leisten, damit die Arbeitslosigkeit weiter sinken könne.

Die Bundesbürger zeigen sich allerdings gelassen. Trotz der Konjunkturschwäche rechnen aber zwei Drittel der Deutschen (66 Prozent) nicht damit, dass sich ihre persönliche wirtschaftliche Lage in den kommenden zwölf Monaten ändern wird. Das ermittelte das Meinungsforschungsinstitut "dimap" (Bonn-Bad Godesberg) in einer repräsentativen Umfrage unter 1100 Bürgern für die "Bild"-Zeitung und den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). 17 Prozent der Befragten sind sogar der Ansicht, dass sich die private wirtschaftliche Lage verbessern wird. Nur 15 Prozent meinen, dass das Geld in der Haushaltskasse knapper wird.