Konjunktur: Volkswirte warnen vor Rezessionspanik - DER SPIEGEL
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Konjunktur Volkswirte warnen vor Rezessionspanik

Alarmierende Zahlen über die US-Kreditkrise versetzen die Finanzmärkte in Unruhe. Viele Experten sehen Amerika auf dem Weg in die Rezession. Volkswirte sehen darin keine Gefahr für Deutschland: Das Risiko einer importierten Wirtschaftskrise ist ihrer Ansicht nach gering.
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Berlin – Konjunkturpessimisten haben dieser Tage leichtes Spiel: Wer Argumente sucht, um finstere Prognosen insbesondere für die amerikanische Wirtschaft zu begründen, wird rasch fündig. So ist die Summe der offenen Kredite an US-Unternehmen laut "New York Times" dramatisch gesunken: von 3,3 Billionen Dollar im August auf 3,0 Billionen im November, ein Minus von beinahe neun Prozent.

Besucher in New York: US-Verbraucher als Risikofaktor Nummer eins

Besucher in New York: US-Verbraucher als Risikofaktor Nummer eins

Foto: AP

Auch die US-Banken selbst haben zunehmend Probleme mit der Kreditbeschaffung. Der Libor – der Zinssatz, den die Geldhäuser untereinander für Kredite berechnen – ist in den vergangenen Wochen so stark gestiegen wie seit Beginn der Finanzkrise im August nicht mehr.

Geht Amerikas Wirtschaft die Liquidität aus? Der Harvard-Ökonom Larry Summers befürchtet einen Wirtschaftseinbruch, der noch über Jahre zu spüren sein wird. Die Investmentbank Goldman Sachs bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer Rezession jüngst mit 40 bis 45 Prozent. Klaus Kaldemorgen wähnt die USA sogar von der japanischen Krankheit befallen. Der Chef des größten deutschen Fondsanbieters DWS sagte dem SPIEGEL, ihn erinnere der gegenwärtige Zustand der US-Wirtschaft schon jetzt an Japan den Anfang der neunziger Jahre. Damals rutschte das Land nach einer Immobilienkrise in eine mehr als zehn Jahre währende Dauerkrise ab.

Alarmierende Kennzahlen

Besonders Besorgnis erregend erscheint, dass im Stammland des Kaufrausches der Konsum schwächelt. Pessimisten verweisen auf die schlechten Quartalszahlen und die massiv gesenkten Prognosen der großen US-Handelsketten. So meldete die drittgrößte US-Kaufhauskette JCPenney zuletzt den ersten Gewinnrückgang seit drei Quartalen – und senkte ihre Prognose für das laufende Quartal um gleich 28 Prozent. Die Konkurrenten Macy's und Kohl's schauen ebenfalls mit Skepsis auf das Weihnachtsgeschäft.

Die Kauflaune der US-Verbraucher ist ungewöhnlich stark gesunken, das bestätigt auch das New Yorker Umfrageinstitut Conference Board. Sein Index für das Verbrauchervertrauen fiel im November auf 87,3 Punkte - ein unerwartet deutlicher Abschwung gegenüber dem Vormonat, als der Wert noch 95,2 Punkte betrug. Der gravierende Wertverlust von Immobilien trägt dazu bei, den Wohlstand der Verbraucher zu schmälern. Im dritten Quartal gingen die Preise im Durchschnitt um 4,5 Prozent zurück. Der alarmierende Trend des Vorquartals setzt sich mit unverminderter Geschwindigkeit fort.

Gefahr ist größer geworden

Reißt Amerika jetzt die deutsche Wirtschaft in den Strudel? "Unwahrscheinlich", lautet die erstaunlich selbstsichere Antwort vieler Volkswirte – die US-Wirtschaft sei robuster, als viele glaubten.

Natürlich sei die Gefahr einer Rezession in den Vereinigten Staaten größer geworden, erklärt Joachim Scheide, Leiter der Prognoseabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. 2001 etwa hätten ähnliche Indikatoren den beginnenden Abschwung angezeigt. Doch akuten Grund zur Sorge sieht er nicht. "Damals haben wir lediglich zwei Quartale mit leichtem Rückgang verzeichnet, das fiel kaum ins Gewicht." Auch jetzt sei allenfalls mit einer Schrumpfung in ähnlichem Ausmaß zu rechnen, "wenn überhaupt".

Im dritten Quartal jedenfalls zeigte sich die US-Wirtschaft noch erstaunlich robust - trotz Finanzkrise. Dank höherer Exporte stieg das Bruttoinlandsprodukt auf das Jahr hochgerechnet um 4,9 Prozent, wie die Regierung in Washington mitteilte. Sie korrigierte damit wie erwartet ihre frühere Schätzung von 3,9 Prozent deutlich nach oben. Die Regierung änderte umgehend ihre Wachstumsprognosen: 2007 rechnet sie nun mit 2,7 statt 2,3 Prozent.

Auch Marcus Bargel, Chefvolkswirt der Postbank, hält alle Rezessionsängste für übertrieben: Er verweist auf die üppigen Wachstumsraten der US-Wirtschaft im vergangenen Jahr, die niedrigen Arbeitslosenzahlen und steigende Löhne. "In den ersten Quartalen 2008 wird die Durststrecke noch anhalten, aber danach wird sich die Stimmung wieder aufhellen." Alles im allem sei 2008 mindestens eine schwarze Null beim US-Wirtschaftswachstum zu erwarten.

Volker Dosch, US-Spezialist bei der DWS, begründet seine Zuversicht noch mit einem anderen Argument: dem schwachen Dollar. Erste Effekte seien bereits sichtbar. "Die Exporte tragen - anders als in den letzten zehn Jahren - wieder zum US-Wirtschaftswachstum bei."

US-Verbraucher als Risikofaktor Nummer eins

Ein echter Risikofaktor sei dagegen die Stimmung der Verbraucher, da stimmen die Experten überein. Geht durch den Verfall der Häuserpreise und Massenentlassungen massiv Kaufkraft verloren, könnte dies tatsächlich spürbare Folgen für die Konjunktur haben.

Die Gefahr einer Rezession in Deutschland schätzen Fachleute ebenfalls gering ein. "Die Panik, die derzeit an den Märkten gespielt wird, ist nicht angemessen", erklärte Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud heute. "Den Unternehmen geht es sehr gut, daher ist auch der Ausblick für die Konjunktur gut."

Auch ihr Kollege Jürgen Michels von der Citigroup rechnet nur mit einer Abschwächung des Wachstums. "Exporte in Schwellenländer und der Konsum in Deutschland können die geringere US-Nachfrage abfedern." Außerdem werde die US-Notenbank Fed die Zinsen in den kommenden Monaten voraussichtlich deutlich senken, um der Konjunktur neuen Schwung zu verleihen.

Genauso wie Traud und die Experten von der WestLB sagt Michels für 2008 einen rund zweiprozentigen Anstieg des deutschen Bruttoinlandsprodukts voraus. Davon dürfte auch der Dax profitieren. Die Experten sehen den Aktienindex Ende kommenden Jahres zwischen 8000 und 9000 Punkten.

Ähnlich gelassen äußern sich auch die Volkswirte der Bundesbank in einem heute veröffentlichten Bericht. Vor allem international tätige Großbanken müssten sich zwar auf sinkende Gewinne einstellen. Kleinere, regional agierende Institute seien dagegen nicht von den Problemen betroffen. Auch ein Übergreifen der Finanzkrise auf Industrie und den Dienstleistungssektor – etwa über eine Verschlechterung des Kreditangebots - sei derzeit unwahrscheinlich.

Zwar habe sich die Lage am Geldmarkt "noch nicht normalisiert". Viele Banken würden Geld horten und nicht mehr weiter verleihen, weil sie möglichen Geschäftspartnern nicht trauen. Aber selbst wenn sich der Ausblick in Folge der Finanzkrise weiter eintrüben sollte, wäre eine Rezession in Deutschland nicht zu erwarten, schreiben die Bundesbanker.

Wann wird die Zeit der Unsicherheit vorbei sein? Schon nach drei bis vier Monaten, sagt Postbank-Chefvolkswirt Bargel voraus. Bis dahin nämlich würden die Banken dies- und jenseits des Atlantiks ihre Jahresberichte präsentiert haben. "Dann herrscht endlich wieder Klarheit, mit wem man Geschäfte machen kann."

Mit Reuters