Konjunktursorgen Starker Euro dämpft Ölpreis-Ängste
Hamburg 80 Dollar für einen Barrel Öl (159 Liter) wer das vorhersagte, galt lange als Schwarzmaler. Gestern Abend wurde der Wucherpreis Realität: Im New Yorker Handel kostete der Barrel US-Leichtöl erstmals mehr als 80 Dollar.
Am Morgen danach korrigierte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) seine Wachstumsprognose beträchtlich nach unten: Statt 3,2 Prozent traut es Deutschland dieses Jahr nur noch ein BIP-Wachstum von 2,7 Prozent zu. Nächstes Jahr seien statt 2,7 Prozent nur noch 2,4 Prozent drin.
Und das muss noch nicht das letzte Wort sein. "Die Berechnungen unterstellen einen Ölpreis von 70 Dollar pro Fass", sagt IfW-Konjunkturexperte Carsten-Patrick Meier. Was, wenn der Preis weitere Rekorde bricht?
Ein durchaus realistisches Szenario. Gerade braut sich Hurrikan "Humberto" im Golf von Mexiko zusammen, wo zahlreiche Förderanlagen stehen. "Das macht den Markt nervös", sagt Barbara Lambrecht, Konjunkturexpertin bei der Commerzbank . Ist die Hurrikan-Periode im Oktober zu Ende, steht schon die nächste Heizsaison an. "Und die Bestände in der größten Verbrauchernation, den USA, sind sehr, sehr gering", sagt DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert. Ein Nachfrageschub ist absehbar.
Droht also ein winterlicher Ölpreisschock? "Den Ölpreis kann kein Mensch wirklich prognostizieren", sagt IfW-Wissenschaftler Meier. Lambrecht beruhigt: 90 oder gar 100 Euro pro Fass "erwarten wir mittelfristig nicht". Kemfert hingegen hält vieles für möglich - 65 Dollar genau wie 90 Dollar.
"Das ist eine Kettenreaktion"
Ebenso umstritten ist, welche Folgen die Rekordfahrt am Rohstoffmarkt auf die Volkswirtschaft hat. "Der hohe Ölpreis ist prinzipiell schon ein Wirtschaftsnachteil", sagt Energieexpertin Kemfert. "Das ist immer eine Kettenreaktion: Mit dem Öl wird auch Gas und Strom teurer." Das belastet die Industrie und zieht den Verbrauchern das Geld aus der Tasche. "Ein zehnprozentiger Ölpreis-Anstieg kostet die deutsche Volkswirtschaft nach unseren Berechnungen im Durchschnitt 55 Milliarden Euro im Jahr." 0,2 Prozentpunkte vom Wirtschaftswachstum frisst dies anderen Studien zufolge normalerweise auf.
Doch diesmal ist alles ein wenig anders. Der Euro erreichte laut EZB heute einen Kurs von 1,3927 Dollar, ein neuer Höchststand. Was Unternehmen, die in den Dollarraum exportieren, fluchen lässt, ist mit Blick auf den Ölpreis ein Segen. Das merke man schon an der Tankstelle, sagt Kemfert: "Vor einem Jahr hätte ein Ölpreis von 80 Dollar pro Fass einen Benzinpreis von 1,50 Euro pro Liter Super bedeutet. Derzeit liegen wir bei etwa 1,40 Euro." Commerzbank-Expertin Lambrecht zufolge stieg der Ölpreis in Euro gerechnet seit dem 23. August nur um 14 Prozent, in Dollar aber um 17 Prozent.
Ein Ölpreisschock wie in den siebziger Jahren ist ohnehin nach einhelliger Expertenmeinung nicht zu erwarten. Schon allein, weil etwa die deutschen Unternehmen längst nicht mehr so abhängig sind vom Öl wie noch vor 30 Jahren: Dem DIW zufolge werden heute für die gleiche Wirtschaftsleistung 43 Prozent weniger Energie benötigt als vor der ersten Ölkrise 1973.
Auch IfW-Experte Meier beruhigt: "Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass der Einfluss des Ölpreises auf das Wirtschaftswachstum mittlerweile doch begrenzt ist." Die Wirkungen seien auch komplexer als oft dargestellt. "Ein Anstieg des Preises bedeutet beispielsweise höhere Einnahmen für die Opec-Länder das wiederum bedeutet eine höhere Exportnachfrage für uns." Allerdings gesteht Meier ein: "Wir wissen nicht wirklich gut, wie genau der Ölpreis sich auswirkt." Es gebe zahlreiche Studien zu dem Thema - doch alle haben nach Meiers Ansicht gravierende Mängel.
Viele Unbekannte
Nicht nur der Ölpreis ist eine Unbekannte bei der Berechnung der Wirtschaftsaussichten. Auch die Folgen der internationalen Kreditkrise sind noch lange nicht absehbar, wie Meier bestätigt. Erst in den nächsten Wochen wird klar, wie hoch das Engagement und die Verluste der Großbanken auf dem kriselnden US-Hypothekenmarkt wirklich sind. Und keiner weiß, wie schnell sich dann das heftige Misstrauen auflöst, das auf den Finanzmärkten eingekehrt ist und die internationale Kreditmaschinerie stocken lässt. Schließlich sei das Phänomen neu, sagt Meier.
Zudem wächst die Angst vor einer Rezession in den USA, die die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen würde. Die Zahl der Arbeitsplätze ist dort zum ersten Mal seit vier Jahren gesunken, immer mehr US-Ökonomen befürchten das Schlimmste. Einem regelmäßigen Stimmungsbarometer des "Wall Street Journal" zufolge ist nach Ansicht von Volkswirten das Risiko eines Abschwungs im Durchschnitt von 28 Prozent im August auf jetzt 36 Prozent gestiegen. Manch befragter Ökonom sprach dabei gar von 60 Prozent Rezessionswahrscheinlichkeit.
Auch in Deutschland mehren sich die Krisensymptome. Die Lebensmittelpreise etwa schießen nach oben. Die Angst vor einer Inflation sind der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) schon vergleichbar hoch wie vor der Einführung des Euro 2002.
Trotzdem wollen Experten nicht von einem Ende des Aufschwungs sprechen. Sogar beim IfW heißt es: Die deutsche Wirtschaft brummt zwar nicht mehr ganz so wie in den vergangenen Monaten, "gleichwohl sind die Aufschwungkräfte nicht erlahmt".