Kostbare Pilotenehre - DER SPIEGEL
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STRAUSS Kostbare Pilotenehre

Bevorzugt der Hobby-Pilot Franz Josef Strauß den Tiefflug, um sich an Ortsschildern zu orientieren? *
• aus DER SPIEGEL 22/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach einer autorisierten Stichwort-Biographie des bayrischen Ministerpräsidenten ist »Fliegen« das »große Hobby von Franz Josef Strauß«.

Der CSU-Vorsitzende besitzt laut dieser Quelle die »Pilotenscheine für ein- und zweimotorige Propellermaschinen sowie für Turboprop-Flugzeuge« und ist »Inhaber der PPL- und IFR-Lizenzen für Instrumenten- und Blindflug«. Am liebsten und häufigsten steuert er, berichtet der Biograph, eine »Beechcraft Queen Air« oder eine »Beechcraft King Air«.

Sicherlich bringt es der Hobby-Pilot auch locker auf die Zahl der Flugstunden, die erforderlich sind, um die Lizenzen zu behalten. Zumal er seit langem eine »Bitte« des Bundeskriminalamts befolgt, »im eigenen Interesse und im Interesse der mitfliegenden Passagiere keine Linienmaschine mehr zu benutzen, sondern lieber mit privater Maschine zu fliegen« (Strauß), natürlich eigenhändig.

Wie gut und wie sicher jedoch der Flug-Fan sich und seine Passagiere durch die Lüfte schaukelt - das ist ein umstrittenes Thema und zudem gefährlich für Leute, die darüber Schmäh verbreiten.

Das erfahren gerade der Bonner Journalist August Franz Winkler, 45, und die in Kulmbach erscheinende »Bayerische Rundschau« in einem Zivilprozeß beim Landgericht München I: Flieger Strauß klagt, bei der üblichen Androhung von Ordnungsgeld bis zu 500 000 Mark, auf Unterlassung einer Darstellung, die ihn, so Strauß-Anwalt Georg Romatka, als »unfähigen, unzuverlässigen und unbeherrschten Piloten« verunglimpfe, der sich über luftverkehrsrechtliche Bestimmungen »bedenkenlos« hinwegsetze, ja sogar »das Leben Dritter rücksichtslos aufs Spiel« setze.

So todernst nahm der CSU-Chef eine Glosse Winklers ("Strauß im Tiefflug"), die nach der Bundestagswahl im März unter anderen Provinzblättern auch die Kulmbacher »Rundschau« abgedruckt hatte. Darin mokierte sich der Autor zunächst generell über die Stimmung der neuen Koalition: »... ist vergnügt wie nie, seit man weiß, daß Franz Josef Strauß in München bleibt«, dann speziell über den damaligen CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber: »... sei deshalb so blaß, weil er immer mit seinem Chef fliegen müsse«. Und in diesem Zusammenhang kolportierte Winkler schließlich die Behauptung: _____« Der Bayer sitzt selbst am Steuerknüppel und pflegt » _____« laut Augenzeugen öfter die normale Flughöhe zu verlassen, » _____« um sich an Ortsschildern und Eisenbahnlinien zu » _____« orientieren. Das führt bei den zum Mitflug » _____« vergatterten CSU-Politikern zu Schweißausbrüchen. »

Ein Tiefstflieger aus Passion? Der »Durchschnittsleser«, glaubt »Rundschau«-Anwalt Klaus Boele jedenfalls, werde die überspitzte Schilderung »eher als Witz« begreifen und den »Wahrheitsgehalt dahingestellt lassen«.

Nur »rein vorsorglich« beantragte Boele, zwei prominente CSU-Politiker - Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann und den CSU-Landesgruppenvorsitzenden Theo Waigel - als Zeugen dafür heranzuziehen, daß Strauß tatsächlich gern tief fliegt und Strauß-Passagiere »oft Angst bekommen«.

Der Antrag erwies sich als notwendig. Denn das Gericht schloß sich schon zu Prozeßbeginn der Auffassung von Strauß-Anwalt Romatka an, wonach die Tiefflugbeschreibung samt Schweißausbrüchen als aus dem Rahmen einer Glosse fallende Tatsachenbehauptung zu gelten habe, weil sie vom durchschnittlichen Leser auch so verstanden werde. Richter Friedrich Steinbrecht will nun, allen Ernstes, eruieren, ob der Pilot Strauß, falls er erwiesenermaßen ganz tief fliegt, dabei auch wirklich Ortsschilder entziffert.

Was auch immer dabei herauskommt, so völlig »frei erfunden«, wie Strauß-Anwalt Romatka meint, sind die Anmerkungen des Korrespondenten Winkler offenkundig nicht. Nach eigenem Bekunden gab er nur weiter, was er seinerzeit von »zwei CSU-Politikern« mit »nennenswerten Rollen« - Waigel und Zimmermann? - bei einem Umtrunk in der Bonner CSU-Dependance aufgeschnappt habe. »Wenn's irgendwie geht«, habe einer geäußert, »fliege ich nicht mehr mit Strauß.«

Daß Leute, für die es ein Vergnügen sein sollte, privat mit dem Vorsitzenden zu reisen, dessen Flugfertigkeiten nur vertraulich bemäkeln, versteht sich. »Die Pilotenehre des bayrischen Ministerpräsidenten ist«, wie die »Süddeutsche Zeitung« im vorliegenden Streitfall erkannte, »kostbar« - und gilt unter Parteifreunden normalerweise als Tabu.

Ein hoher CSU-Funktionär, der sich nach einer Strauß-Landung in München-Riem ebenfalls schwor, er werde »nie, niemals mehr« mit Franz Josef Strauß fliegen, möchte denn auch nicht beim Namen genannt werden. Er hatte auf dem Sitz hinter dem Piloten Schrecken durchlitten:

Beim Abflug war der Tank halbleer; das Kabinenlicht fiel aus, und die vorgeschriebene Handlampe war nicht an Bord, so daß der CSU-Chef die Karte aus dem Kabinenfenster halten mußte, um sie im fahlen Außenlicht zu studieren; später in der Luft stritten Pilot und Kopilot über Kurs und Position, und der Münchner Tower konnte lange Zeit die Maschine nicht orten.

An einen »dramatischen Anflug« erinnert sich auch ein Passagier, der den Parteivorsitzenden in einer von Strauß gesteuerten Turboprop-Maschine des »Wienerwald«-Konzerngründers Friedrich Jahn auf einem Flug von Zürich nach München begleiten durfte: Zur Landung sei der Pilot »viel zu steil runtergegangen«, habe deshalb mit überhöhtem Tempo aufgesetzt und die Maschine vor dem Ende der Landebahn »gerade noch herumreißen« können.

Dieser ehemalige Passagier hat auch die Vorliebe des CSU-Vormannes für Tiefflüge wahrgenommen: Strauß sei, obschon er den Autopiloten hätte steuern lassen können, »andauernd runtergegangen«, und »man bekam den Eindruck, daß er in jeder Wolke einen Gegner sieht«.

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