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LUFTFAHRT Kostet weniger

Die britische Air Europe will, zusammen mit einem deutschen Regionalflieger, der Lufthansa Passagiere abjagen.
• aus DER SPIEGEL 8/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Besucher aus England, die Ende vergangenen Jahres bei der Kölner Charterfluggesellschaft Germania vorsprachen, wußten genau, was sie wollten: einen deutschen Partner. Und davon ließen sie sich nicht abbringen.

Bei der Germania in Köln kamen die Briten, Abgesandte der Fluggesellschaft Air Europe, nicht zum Zuge. Ein paar Wochen später hatten sie in Nürnberg mehr Glück.

Hans-Rudolf Wöhrl, Mehrheitsaktionär des Nürnberger Flugdienstes (NFD), fand die Vorschläge der Briten verlockend, weil er selbst schon seit längerem nach einem Partner Ausschau hielt. Er war sich rasch mit den Unterhändlern des Air-Europe-Präsidenten Harry Goodman einig: Die britische Fluggesellschaft, eine hundertprozentige Tochter von Goodmans Reisekonzern International Leisure Group, beteiligt sich mit 49 Prozent am Nürnberger Flugdienst. Am Donnerstag dieser Woche wird der Vertrag unterzeichnet.

Der Einstieg der Engländer in das fränkische Flugunternehmen markiert einen neuen Abschnitt in der bundesdeutschen Luftfahrtgeschichte. Mit der Liberalisierung des europäischen Flugverkehrs werden mehr und mehr ausländische Gesellschaften auf den deutschen Markt drängen und der Lufthansa oder ihrer Tochter Condor Passagiere abjagen. Kleinere Gesellschaften verbünden sich mit den Eindringlingen, weil sie nur so den Konkurrenzkampf der Giganten überleben können.

Der Nürnberger Flugdienst liefert das erste Beispiel. Als der fränkische Textilkaufhaus-Teilhaber Wöhrl vor 15 Jahren die Firma gründete, begann er mit einer einzigen Maschine. Inzwischen ist das Unternehmen mit acht 19sitzigen Metrolinern und sechs 48sitzigen Turboprop-Maschinen des Typs ATR 42 das zweitgrößte Regionalflugunternehmen der Bundesrepublik.

Die rot-gelben NFD-Maschinen fliegen von Nürnberg oder Hannover aus Großstädte wie Paris, Amsterdam, Brüssel, Mailand oder Zürich an. Fast 300 000 Passagiere reisten 1988 mit dem NFD - 53 Prozent mehr als im Jahr davor.

Wöhrl rechnete schon seit längerem damit, daß der Erfolg seiner Flugfirma eines Tages kapitalkräftige Konkurrenten anlocken würde. Er hatte zunächst mit anderen Regionalgesellschaften, etwa der Lufthansa-Beteiligung DLT, Kooperationsmodelle geprüft. Doch keiner dieser Pläne ließ sich verwirklichen. »Die Regionalflieger«, resignierte Wöhrl schließlich, »sind alle Individualisten.«

So hatten die Briten leichtes Spiel. Goodman will mit seiner Air Europe die erste »multinationale Fluggesellschaft Europas« (Goodman) aufbauen. Er gründete in Amsterdam eine Holding-Gesellschaft, unter deren Dach in sechs europäischen Ländern nationale Flugunternehmen operieren sollen. Außer der Air Europe ist Goodman bereits an der spanischen Air Europa und der Norway Airlines beteiligt.

Jede seiner europäischen Gesellschaften soll von einem eigenen Management gesteuert werden, doch alle sollen unter dem Firmennamen Air Europe fliegen und einen einheitlichen Service-Standard bieten. Verkauf und Marketing werden zentral gelenkt.

Goodman möchte seine Gesellschaft zu einem der größten Flugunternehmen des Kontinents machen. Vom Beginn der neunziger Jahre an sollen insgesamt 70 moderne Jets jährlich etwa acht Millionen Passagiere transportieren - so viele, wie die Swissair zur Zeit mit ihren Flugzeugen befördert.

Die Air Europe wächst bereits jetzt in einem erstaunlichen Tempo. Innerhalb von zwei Jahren stockte das Unternehmen seine Flotte von 5 auf 14 Maschinen auf. Bis 1995 sollen weitere 30 Boeing-Jets und bis zu 18 Langstreckenflugzeuge des Typs MD 11 von McDonnell Douglas in Dienst gestellt werden.

Bis 1986 flog Air Europe fast nur im Charterverkehr; jetzt baut sie vor allem ihre Liniendienste aus. In diesem Winter fliegt die Gesellschaft von London aus regelmäßig sieben europäische Ziele an. Vom kommenden Sommer an sollen, neben anderen, Verbindungen nach Rom, Barcelona, Stockholm und Frankfurt geknüpft werden.

Goodman, der sich mit seinen Reiseunternehmen in England als Preisbrecher profilierte, setzt auch mit seiner Fluggesellschaft auf Billigangebote. Die Air-Europe-Tarife liegen in der Regel etwa 15 Prozent unter denen der Konkurrenz. Ein Flug von München nach London und zurück kostet bei Air Europe zum Flieg- und Spar-Tarif 552 Mark, 131 Mark weniger als bei der Lufthansa.

Trotz der Niedrigpreise erwirtschaftete Air Europe im vergangenen Geschäftsjahr einen ansehnlichen Gewinn. Goodman führt das darauf zurück, daß er seine Maschinen sowohl im Charter- als auch im Linienverkehr einsetzt. Dadurch sind sie im Schnitt täglich 13 Stunden in der Luft - erheblich länger als die Maschinen anderer Fluggesellschaften.

Mit der Beteiligung am Nürnberger Flugdienst hat Goodman nun auch in der Bundesrepublik eine Startbasis. Der 49jährige, der in England als »Freibeuter der Lüfte« bezeichnet wird, will hierzulande nach dem gleichen Muster vorgehen wie in England und Spanien: Zunächst soll der Charterverkehr ausgebaut werden.

Goodman und sein Kompagnon Wöhrl haben vor, auf den Stammflughäfen des NFD, in Nürnberg, Hannover und Köln, gegen die bisherigen Platzhalter Condor, Hapag-Lloyd und Aero Lloyd anzutreten. Noch in diesem Jahr soll die erste Boeing 737 mit der Aufschrift Air Europe Urlauber in den Süden fliegen. Im Linienverkehr hingegen will Wöhrl mit seinen NFD-Maschinen vorerst so weitermachen wie bisher.

Daß die neuen Partner sich zunächst auf den Charterverkehr beschränken, hat gute Gründe. Der NFD führt etwa 40 Prozent seiner Flüge im Auftrag der Lufthansa und ihrer Beteiligungsfirma DLT durch. Diese Gesellschaften würden es kaum hinnehmen, daß statt der NFD-Flugzeuge Air-Europe-Maschinen in ihrem Auftrag fliegen.

Die Lufthansa beginnt bereits, sich gegen die unliebsame Konkurrenz aus England zu wehren. Bisher konnten Passagiere, die einen Air-Europe-Flug von München nach London gebucht hatten, auch auf eine Lufthansa-Maschine umsteigen. Das geht nun nicht mehr. Vergangenen Monat kündigte die Lufthansa das entsprechende Abkommen mit Air Europe. #

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