Kräftiges Kursminus Börse bedauert Kleinfelds Abschied
Hamburg - Zwar ist in den vergangenen 24 Stunden viel spekuliert worden, der Rücktritt von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld kam für die Analysten dann allerdings doch überraschend. "Das sah in den letzten Tagen nicht so aus, das hat sich erst in den letzten Stunden abgezeichnet", sagte Stefan Schöppner von der Dresdner Bank. Als "Showdown" bezeichnet auch Rolf Drees, Leiter der Research-Abteilung der WGZ Bank, die entscheidende Aufsichtsratssitzung. Siemens hatte im Anschluss bekannt gegeben, dass Kleinfeld für eine Vertragsverlängerung nicht mehr zur Verfügung stehe.
Der Aktienkurs von Siemens, der am Morgen nach der Bekanntgabe von sehr guten Geschäftszahlen noch deutlich im Plus gelegen hatte, stürzte innerhalb weniger Minuten von 91,07 Euro um über drei Euro auf 87,80 Euro. Im späten Parketthandel erholte sich der Wert jedoch wieder minimal. "Der Aktienkurs wird morgen noch ein wenig heruntergehen, sich dann aber stabilisieren", so die Einschätzung Schöppners. Spätestens in vier Wochen sei dann alles überstanden.
"Die Korruptionsaffäre war eigentlich kein Thema für den Kapitalmarkt", so Schöppner, "denn die Zahlen, die Kleinfeld gestern vorgelegt haben, waren exzellent". Allerdings wäre Kleinfeld auf jeden Fall beschädigt gewesen, da die Streitigkeiten um die Vertragsverlängerung gezeigt hätten, dass Kleinfeld "nicht mehr das volle Vertrauen des Aufsichtsrates hatte". Auch Drees spricht von einer "Zwickmühle", in der sich der Aufsichtsrat befunden habe. "Zwar gab es bisher keine Anzeichen, dass es auch mit Kleinfelds Wissen oder unter seiner Verantwortung Schmiergeldzahlungen gegeben hat. Wäre das dann allerdings ein paar Tage oder Wochen nach einer Vertragsverlängerung doch herausgekommen, wäre das für den Aufsichtsrat fatal gewesen."
Einig sind sich die Analysten, dass die Strategie Kleinfelds auf jeden Fall weitergeführt werden müsse. "Die Veränderungen, die Kleinfeld bei Siemens angestoßen hat, sind von der Börse sehr positiv bewertet worden", sagt Drees. Siemens sei weltweit mit einem sehr heterogenen Produktportfolio vertreten und sei ein hochkomplexer Konzern. Diesen Konzern zu führen, sei deshalb eine der anspruchsvollsten Aufgaben in der deutschen Wirtschaft. "Es wird schwer, jemanden zu finden, der nicht nur das Format hat, sondern auch schnelle Entscheidungen treffen kann."
Denn darauf kommt es jetzt an: "Wie die Aktie in den nächsten Tagen reagiert, hängt entscheidend davon ab, wer Nachfolger von Kleinfeld wird", sagt auch Schöppner. Wichtig sei, dass es eine schnelle und vor allem endgültige Lösung gebe, alles andere sei "suboptimal". Der Nachfolger müsse Kleinfelds Strategie konsequent weiterführen: "Wir setzen darauf, dass es weiterhin Restrukturierung und ein aktives Portfoliomanagement geben wird", so Schöppner. Beide der bisher genannten Nachfolge-Kandidaten, sowohl Linde -Chef Wolfgang Reitzle als auch Ex-VW-Sanierer Wolfgang Bernhard, seien dabei geeignet. "Wir würden einen externen Vorstandschef begrüßen und auf diese beiden würde der Markt nicht negativ reagieren."
Mit völligem Unverständnis reagierten allerdings Aktionärsvertreter auf den Rückzug von Kleinfeld. "Ich kann's nicht nachvollziehen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Ich erwarte von Siemens Erklärungen und dass ganz, ganz schnell ein Nachfolger gefunden wird", sagte die Aktionärsschützerin. Sie lobte die guten Ergebnisse von Siemens unter Kleinfelds Führung. "Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jetzt eine Führungslücke entsteht", erklärte Bergdolt. Vom neuen Siemens-Chef fordere sie vor allem eine bessere Kommunikation und eine tief greifende Aufklärung der Bestechungsaffäre.