Kreditkrise EU-Finanzminister geben keine Entwarnung
Porto - Derzeit seien Wirtschaft und Banken gut gewappnet, um
die Turbulenzen an den Finanzmärkten unbeschadet zu überstehen, erklärten die Finanzminister der Europäischen Union heute nach ihrem Treffen in Porto. Allerdings sei die Unsicherheit über die Konjunkturaussichten gewachsen. Mit Schnellschüssen in der Gesetzgebung wollten die EU-Länder aber nicht auf die Anspannungen im Bankensektor reagieren. Doch beauftragten sie ihr Expertengremium, den Wirtschafts- und Finanzausschuss, mögliche politische Konsequenzen aus der Krise zu prüfen.
"Wir hegen nicht die Illusion, dass die Turbulenzen schon
vorbei sind", sagte der portugiesische Finanzminister und
Ratsvorsitzende Fernando Dos Santos. Regierungen und
Zentralbanken seien wachsam und zum Handeln bereit.
Auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück bezeichnete die
Lage an den nervösen Finanzmärkten als sehr ernst. "In dieser
Zuspitzung an den Finanzmärkten stecken auch Chancen: Die Märkte müssen endlich herauskommen aus der Maßlosigkeit und den Übertreibungen", sagte Steinbrück. Ebenso wie
Bundesbank-Präsident Axel Weber beschwichtigte er Befürchtungen, das bisher auf den Finanzmarkt begrenzte Beben könnte den deutschen Bankensektor oder die gesamte Wirtschaft erschüttern. Es gebe gute Voraussetzungen, dass sich der Aufschwung in Deutschland im zweiten Halbjahr fortsetze. Auch sei der Bankensektor gesund. Doch sei es noch zu früh, die möglichen Auswirkungen der Turbulenzen auf das Wachstum zu beziffern.
Der Zusammenbruch am US-Hypothekenmarkt hatte weltweit eine Vertrauenskrise an den Finanzmärkten ausgelöst. Aus Furcht vor massiven Verlusten leihen sich die Banken untereinander fast kein Geld mehr. Das brachte die deutschen Institute IKB und SachsenLB bereits ins Schleudern und zwang jetzt die Bank von England zu einem Notkredit für Northern Rock, einem der größten Baufinanzierer des Landes. Die Notenbanken weltweit pumpten in den vergangenen Wochen Hunderte Milliarden Euro und Dollar an Krediten in die Märkte, um den rapiden Zinsanstieg zu bremsen.
Die Finanzminister wollen sich Zeit nehmen, die Geschehnisse
an den Märkten gründlich zu untersuchen. Ein Frage sei, wie die
Transparenz der hochkomplexen Finanzinstrumente, die im Zentrum der Krise stehen, erhöht werden kann. Auch solle die Rolle von Ratingagenturen überprüft werden, auf deren Bewertungen von Krediten sich viele Investoren offenbar zu leichtsinnig verließen.
Diskutiert wurde auch, wie die Zusammenarbeit in der Finanzaufsicht bei grenzüberschreitenden Bankenpleiten verbessert werden könnte. In einem Entwurf für die Tagung wurde unter anderem empfohlen, dass die nationalen Aufsichtsbehörden länderweise Kooperationsabkommen abschließen könnten. Doch betonte Bundesbank-Chef Weber, die Initiative dazu sei schon vor einem Jahr gestartet worden und habe nichts mit den aktuellen Ereignissen zu tun.
kai/Reuters