Kreml-Strategie: Großmachtspiele rund ums Gas - DER SPIEGEL
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Kreml-Strategie Großmachtspiele rund ums Gas

Der Kreml treibt die erneute Verstaatlichung des Energiesektors voran. Am Freitag will er offiziell die Mehrheit bei Gazprom übernehmen, dem größten Unternehmen Russlands. Schon tobt ein Machtkampf in der Regierung: Die letzten Reformer möchten den Konzernkoloss zerschlagen - das nationale Lager will ihn noch allmächtiger machen.
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Moskau/Hamburg - Wenn Gazprom-Chef Alexej Miller am Freitag auf der Hauptversammlung seines Konzerns auftritt, stehen ihm ein paar mühevolle Momente bevor: Er muss sich mit einem versprengten Häuflein kritischer Aktionäre befassen, die gegen seine Strategie aufbegehren. An der Spitze der Revoluzzer steht ein Amerikaner: William Browder, der streitfreudige Chef des Investmentfonds Hermitage. Seit Wochen schon trommelt er in der Finanzpresse für seine Positionen und hat eigens eine Brandschrift in Auftrag gegeben: Eine sorgsam recherchierte Studie wirft Gazprom  , Russlands größtem Konzern, dubiose Deals mit Briefkastenfirmen und wahre Orgien der Geldverschwendung vor. Browders Argumente sind gut - sein Plan, einen unabhängigen Vertreter in den Aufsichtsrat zu entsenden, ist wohl trotzdem zum Scheitern verdammt. Zu klein ist die Truppe der Anteilseigner, die er um sich versammeln kann. Und zu wichtig sind die Mächte, die Miller den Rücken stärken - hinter ihm stehen sein Förderer Wladimir Putin und der russische Staat. Der will 7,1 Milliarden Dollar investieren, um weitere 10,7 Prozent der Gazprom-Aktien in seine Depots zu legen. Pünktlich zur Hauptversammlung soll der Deal abgewickelt sein. Der Staatsanteil an Gazprom wächst damit auf 51 Prozent - das Unternehmen, das ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Erdgases liefert, fällt ganz offiziell wieder unter die Kontrolle des Kremls. "Gazprom bereitet sich auf den Coup d'Etat vor", ätzt das Wirtschaftsblatt "Wedomosti". "Nicht nur groß, sondern verhängnisvoll groß"Erst Jukos, jetzt Gazprom: Wieder signalisiert die Staatsmacht, dass sie in Energiefragen keine Autorität duldet außer sich selbst. Für Demokratie - und sei es nur eine Aktionärsdemokratie, wie Browder sie fordert - ist im Reich Putins kein Platz mehr, wenn es um die strategisch wichtigen Ressourcen des Landes geht. Was der Staat mit seiner wiedergewonnenen Allmacht über Gasfelder und Pipelines anfangen will, bleibt einstweilen noch im Unklaren. "Die Regierung ist zerrissen von widerstreitenden Interessen", sagte der Energieexperte Wladimir Milow der "Moscow Times". Liberale westlicher Prägung und nationale Kräfte ringen erbittert um das richtige Konzept. Im Wirtschaftsministerium an der Moskauer Twerskaja hat man besonders radikale Pläne ausgebrütet: Das Team um den reformfreundlichen Minister German Gref will den Konzern möglichst schon im kommenden Jahr in mehrere Teile zerschlagen. "Gazprom fördert 85 Prozent des russischen Erdgases und besitzt hundert Prozent des Pipeline-Systems - dieser Konzern ist nicht einfach groß, sondern verhängnisvoll groß", sagte Kyrill Androssow, einer der Ministerialdirektoren, jüngst vor Journalisten aus Deutschland und Österreich. Sein Appell: "Das kann so nicht weitergehen.""Ich bin kein Psychiater"Im November will das Reformlager den Zerschlagungsplan im Kabinett zur Abstimmung vorlegen. Der mächtige Gasmonopolist solle dann in "fünf, sechs Fördererunternehmen" zerlegt werden, fordert Androssow. Seine Begründung: Der ineffiziente Gigant habe seine Existenzberechtigung verspielt, weil er bei steigenden Kosten immer weniger fördere. Als Monopolist habe Gazprom auch "gar keinen Anreiz, neue Gasfelder zu erschließen." Scheitere der Versuch, der Gasbranche Effizienz einzupeitschen - dann gerate Russland womöglich "in die Situation, dass wir als gasreiches Land ein Defizit an Gas haben werden", warnt Androssow.Wird der Konzern, kaum wieder in Staatshand, also zertrümmert? "Früher oder später", gibt sich Androssow zuversichtlich, "werden wir unser Ziel auch erreichen." In Moskau glauben das nur noch wenige. Wie im Fall Jukos gilt: Die liberalen Marktwirtschaftler um Gref genießen zwar bei vielen westlichen Politikern und Medien Sympathie, spielen in der Regierung aber zunehmend die Rolle von Außenseitern. "Ich will die Chancen dieser Pläne lieber nicht kommentieren", spottet denn auch der Moskauer Politologe Michail Deljagin über das Gref-Vorhaben: "Ich bin schließlich kein Psychiater". Bulldozer der "starken Männer"In Sachen Gazprom, so scheint es, geben derzeit allein die illiberalen, nationalen Kräfte um Premier Michail Fradkow den Ton an - wohl mit Ermutigung des Präsidenten. Die "starken Männer" benutzen den Gaskonzern als Bulldozer, um ihre Macht auch auf andere Branchen auszuweiten und möglichst den einen oder anderen Oligarchen aus dem Feld zu drängen. "Gazprom ist das Vehikel der Regierung für ihre geopolitische Strategie und für die Machtübernahme im gesamten Energiesektor", fürchtet die "Moscow Times". Im Westen sorgte Anfang Juni die Nachricht für Aufsehen, dass der Gas-Goliath nun auch die "Iswestija" aufkaufen wird - ein symptomatischer Fall. Bisher zählte die traditionsreiche Zeitung zum Imperium des Oligarchen Wladimir Potanin. Nach der Inhaftierung des ehemaligen Jukos-Chefs Michail Chodorkowski wollte oder konnte sich auch der Milliardär Potanin den Luxus, ein mitunter regierungskritisches Blatt zu fördern, offenkundig nicht mehr leisten. Gazprom Media ist durch derlei oft halb erzwungene Zukäufe zum mächtigsten Medienkonglomerat des Landes angeschwollen. Ihm gehören die TV-Sender NTW und NTW Plus, TNT, fünf Radiostationen sowie ein Magazinverlag - und das, obwohl die Gas-Männer öffentlich gern mit westlichen Management-Vokabeln wie "Konzentration aufs Kerngeschäft" um sich werfen. Sowjetischer SumpfLangfristig noch kritischer sind die Versuche Gazproms, in weitere Sektoren des Energie-Business vorzudringen. Beharrlich mutmaßt die Moskauer Presse, der Koloss wolle sich am Ölkonzern TNK-BP beteiligen oder sich dessen Konkurrenten Sibneft einverleiben, der bisher dem Oligarchen und Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch gehört. Im vergangenen Jahr kauften die Gas-Manager bereits eine Kontrollmehrheit am wichtigsten Atomstromlieferanten AtomStroiExport, außerdem steckten sie zwei Milliarden Dollar in eine Beteiligung am Stromkonzern UES - der wird vom liberalen Reformpolitiker Anatolij Chubais geführt, bis jetzt jedenfalls. Martktwirtschaftler wie Androssow warnen vor den Folgen der Expansionsgier: "Wir sehen keine Synergieeffekte dabei", klagt er. "Das heißt, dass Gazprom diese Anteile nicht kaufen sollte." Tatsächlich spielen die "starken Männer" im Kreml ein riskantes Spiel: Wird der gesamte Energiesektor unter dem Dach von Gazprom renationalisiert, könnte er in einem Sumpf von Ineffizienz versinken wie zu sowjetischen Zeiten. "Wir spielen mit ihnen"Kritik aus dem Westen erklingt nur vereinzelt. Anfang der Woche fand die OECD in einem Länderbericht besonders kritische Worte für Gazprom: Sogar in Russland falle das Unternehmen durch seine "extrem geheimniskrämerische Firmenkultur" und seine "außergewöhnliche Undurchsichtigkeit" negativ auf. Viel häufiger aber wird der Gasriese umworben und hofiert - etwa durch die Chefs von Energiekonzernen wie E.ON   oder Wintershall, Statoil oder Norsk Hydro. Zu verlockend ist die Aussicht, als Partner an der Ausbeutung gigantischer russischer Gasreserven wie dem Shtokman-Feld in der Barentssee beteiligt zu werden. Gerne treten auch Regierungschefs wie Gerhard Schröder oder jüngst der norwegische Premier Kjell Magne Bondevik als Lobby-Arbeiter auf, um bei Putin und Miller gute Worte für ihre nationalen Unternehmen einzulegen. Gazprom ist in einer komfortablen Position: Der Gigant kann in aller Ruhe denjenigen West-Konzern auswählen, der die vorteilhaftesten Konditionen anbietet. Ein Gazprom-Vertreter zeigt sich denn auch amüsiert-selbstsicher, wenn er auf E.ON, RWE, Wintershall oder andere mögliche Juniorpartner angesprochen wird. Er sagt: "Wir spielen mit ihnen."

Dieser Artikel wurde während einer Reise des "journalists network" nach Russland recherchiert. Teile der Kosten der Reise wurden von Ruhrgas und Gazprom übernommen.