Krieg der Systeme - DER SPIEGEL
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UNTERHALTUNGSELEKTRONIK Krieg der Systeme

Werden Videorecorder demnächst verdrängt wie einst die Schallplattenspieler? Die Hersteller von Unterhaltungselektronik sind davon überzeugt, sie erhoffen sich von neuen DVD-Recordern einen Milliardenmarkt. Bislang konnten sie sich jedoch nicht auf eine einheitliche Technik einigen.
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 35/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf den ersten Blick fällt der Unterschied kaum auf. Nur ein kleiner Knopf mit einem roten Punkt unterscheidet den schlichten silberfarbenen Kasten von Dutzenden anderer Geräte mit dem Kürzel DVD auf der Frontseite.

Für Gerard Kleisterlee ist das unscheinbare Gerät aber weit mehr als nur ein neues Produkt im schier unübersehbaren Angebot der Unterhaltungselektronik. Die Maschine, versicherte der neue Philips-Chef am vergangenen Freitag, sei »ein entscheidender Schritt auf dem Weg in die Zukunft unseres Unternehmens«. Mit dieser Technik, fabulierte der Niederländer, stehe die Industrie am »Beginn einer neuen Ära« - ähnlich wie »nach der erfolgreichen Mondlandung im Jahre 1969«.

Das Gerät, das Kleisterlee kurz vor Beginn der Funkausstellung in Berlin präsentierte, soll den endgültigen Abschied vom Videorecorder einläuten und der Branche in den nächsten Jahren zu Umsätzen in Milliardenhöhe verhelfen. Statt auf empfindlichen Bändern in klobigen Kassetten sollen die Fernsehzuschauer ihre TV-Mitschnitte und Filmkopien demnächst auf silber glänzenden Scheiben von der Größe einer Musik-CD aufnehmen und Bild und Ton in digitaler Spitzenqualität genießen.

»Programm aussuchen, Scheibe einlegen, roten Aufnahmeknopf drücken, das ist alles!«, schwärmt Kleisterlees Deutschland-Statthalter Hans-Joachim Kamp. Anschließend ist die Aufnahme auf Knopfdruck ohne Spulen auf dem Schirm.

Schon in den nächsten Wochen sollen die ersten DVD-Recorder im Handel zu kaufen sein. Vor Weihnachten werden weitere Hersteller folgen. Und obwohl der Preis von etwa 4000 Mark viele Kunden abschrecken wird, will Philips in diesem Jahr rund 10 000 Geräte absetzen. Mehr Recorder sind im belgischen Hasselt, wo die Neuheit vom Band läuft, auch gar nicht für den deutschen Markt zu bekommen.

Im kommenden Jahr, so hoffen die Marketingexperten, könnte der Absatz bis auf 100 000 Stück steigen, 2003 soll sich die Zahl dann verdreifachen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre, glauben Branchenkenner, könnten die Preise für DVD-Recorder bis auf gut 1000 Mark fallen, und dann, so Kamp, »erobern wir einen neuen Massenmarkt«.

So viel Optimismus wie auf der diesjährigen Funkausstellung haben die Manager der Unterhaltungselektronik schon lange nicht mehr verbreitet. Seit Jahren schon fahndet die Zunft nach einer neuen Technik, die jung und alt gleichermaßen begeistern und die Fabriken auf Jahre hin auslasten könnte wie nach der Einführung der Musik-CD vor fast 20 Jahren.

Doch ob Mini-Disc oder Digital-TV, der flache Fernseher oder der MP3-Player - mehr als ein im besten Falle auskömmliches Nischenprodukt kam nicht heraus. Der DVD-Recorder, der als vollwertiger Ersatz für den Videorecorder eingesetzt werden kann, soll nun das Blatt wenden und Handel und Hersteller aus der sich abzeichnenden Flaute führen. Denn seit 1999, als die Branche 3,3 Millionen Videorecorder in Deutschland absetzte, geht das Geschäft zurück.

Der Markt ist gesättigt. Inzwischen steht hier zu Lande in mehr als drei Viertel aller Haushalte eine VHS-Maschine. Im laufenden Jahr werden bestenfalls noch 2,9 Millionen Geräte in Deutschland abgesetzt.

Als erster großer Hersteller zog Philips schon die Konsequenz und lagert die Videorecorder-Produktion aus. Einige Fabriken werden von der japanischen Firma Funai übernommen, andere auf die Produktion der DVD-Recorder umgestellt.

Doch die Branche startet mit einer schweren Hypothek in die hoffnungsvolle Zukunft. Denn wie vor gut 25 Jahren in der Anfangszeit der Videorecorder konnten sich die Hersteller auch beim DVD-Recorder nicht auf eine einheitliche Technik einigen. Erneut droht ein jahrelanger Systemkrieg, der die Verbraucher verunsichert.

Zwar unterscheiden sich die Systeme teilweise nur in Details, aber die haben folgenschwere Auswirkungen. Längst nicht jede mit einem DVD-Recorder bespielte Scheibe läuft auch auf einem Gerät anderer Bauart. Und statt einer DVD-Scheibe, die auf allen Recordern eingesetzt werden kann, muss sich der Kunde demnächst mit noch mehr Aufnahmemedien plagen, die äußerlich gleich aussehen, aber ganz verschiedene Einsatzmöglichkeiten bieten.

Dabei wären die Voraussetzungen für die erfolgreiche Ablösung der angejahrten Videokassetten durchaus positiv gewesen. Denn die neue Technik ist den Verbrauchern im Prinzip schon gut vertraut. Seit vor fünf Jahren die ersten Spielfilme auf vorbespielten DVDs im Handel erschienen, hat sich das Medium zu einem wahren Bestseller entwickelt.

Der durchschlagende Erfolg kam selbst für die nicht gerade zum Pessimismus neigenden Manager der Elektronikzunft ziemlich überraschend. Zu lange hatten sich die Streitereien innerhalb des Herstellerlagers über technische Details der Digital Versatile Disc (DVD) und mit der Filmindustrie über Fragen des Kopierschutzes hingezogen. Außerdem, so die weit verbreitete Ansicht, habe ein Gerät ohne Aufnahmefunktion, das nur vorbespielte Kaufvideos abspielt, ohnehin keine großen Chancen.

Zunächst schienen die Skeptiker sogar Recht zu behalten. Nach dem Start auf der Funkausstellung 1997 wurden gerade mal 3000 DVD-Player in Deutschland abgesetzt, im ersten vollen Geschäftsjahr waren es magere 40 000 Stück.

Doch dann begann mit einem Mal der Run auf die Silberscheiben. In Amerika stieg die Wachstumskurve sogar so steil an wie bei keinem anderen Heim-Elektronikgerät. Auch in Deutschland werden im fünften Jahr nach dem Start mehr DVD-Player verkauft als zum gleichen Zeitpunkt nach der Einführung des Videorecorders und der Musik-CD.

Ende des Jahres, so die Prognose der Branche, werden DVD-Player bereits in knapp 2,4 Millionen deutschen Haushalten stehen. Hinzu kommen ungezählte Playstation-Spielkonsolen und Personalcomputer, die ebenfalls mit einem DVD-Laufwerk ausgestattet sind. Weitere zwei Millionen DVD-Player sollen im nächsten Jahr hinzukommen.

Der eigentliche Gewinner des Booms jedoch ist die Filmindustrie. Denn während sich die Hersteller bereits heftige Preiskämpfe liefern und Abspielgeräte für 400 Mark in den Markt drücken, kann die Videobranche nicht nur ihre Neuheiten wie »Gladiator« oder »Die Mumie«, sondern auch das ganze alte Repertoire noch einmal zu stolzen Preisen verkaufen.

Obwohl die Herstellungskosten deutlich niedriger liegen als bei der Videokassette, ist die DVD mit durchschnittlich rund 40 Mark hier zu Lande fast doppelt so teuer wie ein vorbespieltes VHS-Band - ein Ärgernis, das sogar schon die Wettbewerbshüter der EU-Kommission in Brüssel zu Untersuchungen veranlasste, bislang allerdings ohne Erfolg. »Die DVD«, gibt Disney-Chef Michael Eisner aber immerhin unumwunden zu, »ist sehr profitabel.«

»Die Scheibe, die Hollywood rettete«, so das Magazin »Newsweek«, hat in den USA den Filmstudios allein in diesem Jahr bereits 2,2 Milliarden Dollar in die Kassen gespielt - fast die Hälfte der Summe, die an den Kinokassen eingenommen wurde. Auch in Deutschland, wo inzwischen gut 2500 Titel auf der Silberscheibe erhältlich sind, explodierte der Umsatz innerhalb eines Jahres von 83 Millionen auf 333 Millionen Mark.

Zufrieden sind aber nicht nur die Videohersteller. Auch die Fans sind zumeist begeistert. »Einige Wochen nach dem Kauf eines DVD-Spielers«, mahnte die Jugendbeilage der »Süddeutschen Zeitung«, »sollte man auch mal eine Nacht schlafen.«

Einziges Ärgernis sind die so genannten Regionalcodes, die verhindern, dass zum Beispiel eine in den USA gekaufte Scheibe ohne weiteres auf einem europäischen DVD-Player abgespielt werden kann. Umbauten, die die Begrenzung aufheben, werden jedoch schon von vielen Händlern angeboten.

Ansonsten vermitteln die schicken Scheiben aber echtes Kino-Feeling mit opulentem Sound, gestochen scharfen Szenen und Standbildern, die ihrem Namen alle Ehre machen. Endlich kann man auch mal hören, wie Julia Roberts als »Erin Brokovich« in der französischen Synchronversion oder im amerikanischen Original klingt, denn auf jeder Scheibe sind bis zu acht Sprachversionen in digitalem Mehrkanalton möglich. Und dazu kann der Benutzer in der Regel noch zwischen Untertiteln in diversen Sprachen wählen.

Um ihren hohen Preis gegenüber den VHS-Versionen zu rechtfertigen, bieten viele Scheiben ein zusätzliches Programm: Hintergrundberichte über die Entstehung des Films, Kommentare des Regisseurs und immer öfter auch die Szenen, die in der Kinofassung der Schere zum Opfer fielen. Wenn »Star Wars«-Regisseur George Lucas am 16. Oktober seine »Episode 1« auf DVD herausbringt, wird das Bonusmaterial gut sechs Stunden Spielzeit umfassen.

Das Einzige, was der neuen Technik zum endgültigen Durchbruch fehlte, war der Aufnahmeknopf. Diesen Mangel sollen nun die DVD-Recorder beseitigen und damit den Videorecorder endgültig überflüssig machen. Dass die Aufnahmegeräte im Windschatten des DVD-Booms aber auf Anhieb genauso erfolgreich sein werden, wird von vielen Branchenkennern bezweifelt.

Denn anders als bei den Playern, wo sich zunächst auch rivalisierende Lager gegenüberstanden, ehe quasi in letzter Sekunde ein Kompromiss gefunden wurde, ist diesmal eine Einigung nicht in Sicht. Deshalb ist die Gefahr groß, dass die fehlende Standardisierung viele Käufer abschreckt und sie an Zeiten erinnert, in denen sie aufs falsche Videosystem gesetzt haben.

Diesmal wird der Kampf nach technischen Kriterien entschieden, in den achtziger Jahren gab dagegen vor allem die Verfügbarkeit von Videofilmen den Ausschlag. Doch die industriell bespielten Silberscheiben laufen problemlos auf allen DVD-Recordern. Kompliziert wird es nur, wenn es darum geht, die zu Hause aufgenommenen Videos auf anderen Geräten abzuspielen. Immerhin drei große Lager buhlen da mit unterschiedlichen Konzepten um die Gunst der Kunden.

Am weitesten ausgereift ist die unter Führung des japanischen Konzerns Pioneer entwickelte Technik namens DVD-RW (rewritable - mehrfach bespielbar), der sich unter anderen auch die Firmen Sharp und Kenwood angeschlossen haben. Bereits Ende 1999 kamen erste Recorder dieses Typs in Japan und später auch in den USA auf den Markt.

Ebenfalls schon in der Praxis erprobt ist die so genannte DVD-Ram, die von den japanischen Elektronikriesen Matsushita (Panasonic), Hitachi und Toshiba entwickelt wurde, aber auch von Firmen wie Apple und Samsung unterstützt wird.

Beide Systeme bieten zwar für engagierte Hobbyfilmer vielfältige Möglichkeiten zur Bearbeitung und Archivierung ihrer Home-Videos. Doch die von ihnen gebrannten Scheiben sind nur mit Einschränkungen auf normalen DVD-Playern abspielbar.

Nicht zuletzt deshalb haben beide Systeme den offiziellen Segen des so genannten DVD-Forums. Denn in dem Branchenverband, der alle technischen Normen des Mediums überwacht, redet die Filmindustrie ein gewichtiges Wort mit. Und die Hollywood-Konzerne möchten unter allen Umständen verhindern, dass das Kopieren von Spielfilmen zu einem ähnlichen Volkssport wird wie bei den Musik-CDs.

Digitale Kopien sind zwar auch bei der ganz neuen Technik des dritten Hersteller-Lagers - DVD+RW von Philips - nicht möglich. Doch immerhin lassen sich die auf diesen Recordern erstellten Scheiben auf den meisten DVD-Playern abspielen. Um dies durchzusetzen, riskiert die DVD+RW-Allianz, zu der insgesamt 27 Firmen gehören, sogar einen handfesten Krach mit dem DVD-Forum. Trotzig erklärt das Bündnis den fehlenden Segen des Verbandes: »Wir brauchen nicht die Erlaubnis des Forums, um im Markt erfolgreich zu sein.«

Ob die Kompatibilität als Argument für den Verkaufserfolg reicht, scheint allerdings selbst innerhalb der Allianz nicht unumstritten zu sein. DVD+RW-Mitentwickler Sony jedenfalls will, ganz entgegen seinen sonstigen Ambitionen, diesmal nicht in der ersten Reihe mitmischen und verschiebt den Start seiner Recorder bis weit ins nächste Jahr.

Bei der Einführung der Videorecorder hatte Sony auf das System Betamax gesetzt - das sich gegen das Konkurrenzsystem VHS nicht durchsetzen konnte. Einen solchen Flop will Sony sich nicht noch einmal leisten - und hält sich deshalb vornehm zurück. Offizielle Begründung der Konzernzentrale in Tokio: »Wir warten die Marktentwicklung ab.«

KLAUS-PETER KERBUSK

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