Kriminalität Kapuzen und Pistolen
Eray S., 45, Chef des Brüsseler Reisebüros Mediterra, kam am Donnerstag, dem 22. September, spät nach Hause. Es war schon dunkel in der kleinbürgerlichen Brüsseler Avenue des Nénuphars. Vor seiner Haustür fragte ihn plötzlich ein Fremder nach der Uhrzeit. Ehe S. antworten konnte, standen vier schwarzgekleidete Männer mit Kapuzen auf dem Kopf und Pistolen in der Hand vor ihm und zerrten ihn in einen schwarzen 5er BMW.
Wie im Kino ging es weiter. Eray S. wurde mit Tränengas besprüht, gefesselt und mit verbundenen Augen nach Libin, nahe der Luxemburger Grenze, gebracht. In dem kleinen Ort hatten die Gangster für einen Monat ein Chalet gemietet. In das wurde S. eingesperrt und mit Handschellen an ein Eisenbett gekettet.
Acht Tage nach der Entführung wurde er, mitten in der Nacht, wieder in ein Auto verfrachtet, nach Brüssel gekarrt und ausgesetzt. Dort alarmierte er die Polizei.
Die mysteriöse Entführung war der Beginn einer an Geheimnissen reichen Gangstergeschichte - in deren Sog jetzt ein Prominenter aus Hamburg zu geraten droht: der deutschtürkische Vorzeigeunternehmer und SPD-Europaabgeordnete Vural Öger, 63. Mehrere Spuren führen zu ihm - dabei kann sich niemand vorstellen, dass der untadelige Geschäftsmann sich mit Kriminellen gemein machte. Eine "Verschwörung" oder ein "Rufmord", wie Öger vermutet?
Die belgische Polizei kam den Entführern schnell auf die Schliche. Der Entführte selbst lieferte so viele Details, dass die Polizei binnen wenigen Tagen das Versteck in Libin fand und vier dringend Tatverdächtige festsetzte: allesamt Türken.
Einer von denen oder Opfer S., das ist nicht ganz klar, brachte dann Öger als angeblichen Auftraggeber der vier Dunkelmänner ins Spiel. Die Brüsseler Kriminalpolizei verriet Hinweise auf dessen Identität. Natürlich, so Kripo-Chef Glenn Audenaert, sei Ögers Beteiligung an den Verbrechen nur eine "Arbeitshypothese".
Schon Audenaerts Hypothese scheint ungeheuerlich, ist Öger doch einer der erfolgreichsten deutschen Geschäftsleute: 1965 begann er Direktflüge von Hamburg in die Türkei anzubieten, um seinen Landsleuten den Heimatbesuch zu erleichtern. Heute ist die Öger Group Deutschland der fünftgrößte Reiseveranstalter in der Bundesrepublik. 2004 reisten rund 1,3 Millionen Passagiere mit Öger. Dabei erzielte die Gruppe mit 4100 Mitarbeitern einen Umsatz von 639 Millionen Euro.
Öger selbst avancierte zum Musterbeispiel gelungener Integration, wurde zum Freund von Wirtschaftsbossen und Politikern. Der Bundesverdienstkreuzträger parlierte mit Gerhard Schröder, Frankreichs Staatspräsidenten Jacques Chirac und dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau.
"Nicht vorstellen" kann sich ein Genosse Ögers im Europäischen Parlament, dass ein solcher Mann in diese dumme Sache verwickelt sein könnte. Der vermeintliche Polit-Krimi, warnen Parlamentskollegen, könne sich womöglich als Justizposse erweisen: Weder sei der Verdächtige bislang befragt worden, noch ist beantragt, seine parlamentarische Immunität aufzuheben. Gleichwohl werde sein Name schon öffentlich gehandelt - eine Frechheit der Beamten. So sieht es auch Öger. "Ich habe damit absolut nichts zu tun", sagt er. Am vergangenen Wochenende musste er sich erst mal ob der ganzen Aufregung ins Krankenhaus begeben, diese Woche will er mit Hilfe eines Anwalts versuchen, die verworrene Geschichte aufzuklären. Aber auch Ögers Position hat weiche Stellen: Er kennt nämlich sowohl den Entführten - als auch einen der mutmaßlichen Entführer.
Der Entführte Eray S. schuldet Öger nach dessen Angaben seit 1997 rund 1,5 Millionen Euro. Und der mutmaßliche Kopf der Entführer-Gang, Ahmet Y., war noch vor kurzem mit Öger essen - in Brüssel.
Damit nicht genug der Zufälle: Das Chalet in Libin, in dem die Kapuzenmänner S. gefangen hielten, hatten die Kidnapper über einen privaten Aushang gefunden. Der Zettel hing in einem Buchladen im Europäischen Parlament, wo die Schwester des Hauseigners arbeitet. Dort hat nicht jeder Zugang. Der Abgeordnete Öger hat Zugang - vielleicht aber auch der inhaftierte Öger-Bekannte Ahmet Y., denn der besitzt einen belgischen Presseausweis.
Y. soll sich bei Öger vor acht Monaten vorgestellt haben als einer, der dem Brüssel-Neuling viele Tipps geben könne. Er empfahl ihm Restaurants und Cafés und ging noch zweimal mit Öger essen. Beim zweiten Mal sei er "skeptisch" geworden, sagt Öger, der Mann erschien ihm wie ein Aufschneider. Auch gab es Streit um eine Wohnung, die Ahmet Y. für eine Praktikantin Ögers besorgt hatte. Im August untersagte Öger schließlich allen Mitarbeitern jeglichen Kontakt zu Ahmet Y. In der Türkei läuft laut der türkischen Zeitung "Hürriyet" ein Ermittlungsverfahren gegen Y., weil er einen Anwalt um 27.000 Dollar betrogen haben soll.
Auch das Entführungsopfer und seine Geschichte werfen Fragen auf. "Keinerlei Lösegeld" sei gezahlt worden, versichert Eray S. Warum die Gangster ihn gleichwohl nach einer Woche freiließen, kann er nicht erklären. Seine Wohnung in der Avenue des Nénuphars hat er inzwischen verlassen, und sein Reisebüro Mediterra, das offiziell in derselben Straße logiert, ist dort unbekannt.