Krise global Afrika trotzt dem Bankenbeben
Auch in Kapstadt in Südafrika sind die Schlangen vor dem zentralen Arbeitsamt lang geworden. Früh morgens schon reihen sich die Arbeitslosen vor dem Gebäude in der Parade Street auf, an manchen Tagen bis zu 150 Menschen, auf der Suche nach einem Job oder ein bisschen Überbrückungsgeld.
Ursula Jacobs, 55, kommt jeden Morgen, seit sie vor einigen Tagen ihren Job als Schneiderin bei dem Textil-Unternehmen Chelsea West verloren hat. Sie hat sich hübsch gemacht, Ohrringe und eine Kette umgelegt, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Bei Chelsea West hat Jacobs Pullover und Jacken genäht. Sie war froh über die 50 Euro, die es pro Woche für die Arbeit gab. Hunderte wurden dort bereits im vergangenen Oktober entlassen, die letzten Verbliebenen hat es vor wenigen Tagen erwischt. "Die Firma wurde zugemacht, und alle mussten gehen", sagt sie. "Ich kenne viele, die ihren Job verloren haben." Der Grund? "Die globale Rezession." Nun steht sie in der Schlange als eine von vielen, und hofft auf einen neuen Job. Gesagt hat es Jacobs noch keiner - aber ihr Alter und ihre Qualifikation sind keine guten Voraussetzungen für eine schnelle Neuanstellung.
Auch Duncan Bailey, 41, ist in die Krise hineingeschlittert, freilich auf deutlich höherem Niveau. Bailey ist Immobilien-Makler, spezialisiert auf Anwesen auf Kapstadts Sonnenseite im Vorort Somerset West. Nicht zuletzt Deutsche und Amerikaner haben dort in den vergangenen Jahren gekauft, was das Bankkonto hergab. Ein gutes Viertel aller Immobilien in Somerset, so schätzt man, gehört inzwischen Ausländern - mit der Folge, dass die Preise in den Himmel gestiegen sind.
Bailey hat gut vom Boom gelebt. Nun sitzt er in seinem Büro, vor sich einen großen Rechner, hinter sich eine Karte von Somerset West, daneben Fotos der Anwesen, die er im Angebot hat. Er blättert in seinem PC die Seiten des Gewerbes durch: Im ganzen Land gibt es viele, zu viele Anbieter und wenig Käufer. Einerseits ist die Nachfrage zusammen gebrochen. Andererseits ist in Somerset der Exodus der Deutschen Tagesgespräch.
"Die Rezession musste irgendwann kommen"
Doch Bailey ist krisenerprobt und erstaunlich guter Dinge. Er sagt, er habe immer gewusst, dass der Goldrausch irgendwann ein Ende finden würde. Er hat in der Textilindustrie gearbeitet, als es bergab ging. Er war bei einer IT-Firma unter Vertrag, als die Internet-Blase platzte. Danach wechselte er ins Immobilienfach. "Die Rezession musste irgendwann kommen. Keine Branche der Welt kann dauerhaft um 30 bis 40 Prozent wachsen."
Nun ist die Party vorbei, der Immobilienmarkt in Somerset hat innerhalb von 18 Monaten 30 Prozent seiner Umsätze verloren, große Büros haben schließen müssen, und im ganzen Land, so vermutet Bailey, dürften an die 30 Prozent der Makler ihr Geschäft aufgeben.
Schuld daran ist nicht zuletzt ein Gesetz aus dem Jahr 2007, das dafür sorgt, dass Südafrika heute besser dasteht als viele andere Industrieländer: Schuldner müssen den Banken seither aufs Komma genau belegen, dass sie dazu in der Lage sind, ihre Kredite zu begleichen. Das Gesetz wurde heftig kritisiert, nicht zuletzt von den Banken - und hat zugleich dafür gesorgt, dass die südafrikanischen Geldhäuser heute deutlich besser dastehen als viele Finanzinstitute im Rest der Welt.
Gewiss, auch die Autoindustrie Südafrikas, die Hunderttausende von Mitarbeitern beschäftigt, leidet. 20 Prozent Umsatzrückgang waren es im vergangenen Jahr. 2009 rechnet die Branche noch einmal mit einem zehnprozentigen Minus.
Hoffen auf die WM
Doch die Gesamtverfassung der südafrikanischen Wirtschaft ist vergleichsweise robust. Die Banken brauchen keine staatlichen Rettungspakete. Die Goldminen machen weiterhin stolze Gewinne, zumal der Preis des Edelmetalls wieder kräftig steigt. Die Weinwirtschaft exportierte 2008 so viel wie noch nie, und auch der Tourismus boomt. "In Südafrika wächst und wächst der Tourismus", sagt Bailey. "Und wir erwarten noch mehr, wenn erst einmal die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt."
Auch Pieter le Roux, Professor an der Universität Kapstadt, ist vergleichsweise guter Dinge. "Die Rezession hat Südafrika nicht so hart betroffen wie andere Teile der Welt. Wir sorgen uns eher um unsere politische Zukunft." Die Bankenregulierung und die Devisenkontrolle hätten sich als gute Instrumente erwiesen und das Land vor Spekulationen weitgehend verschont.
Afrika, über Jahrzehnte der Krisenbrennpunkt, ist bei dem Wirtschafts-Desaster 2008/2009 offenbar vergleichsweise gut davon gekommen. Nicht nur, weil der Kontinent nur mit drei Prozent am weltweiten Handel beteiligt ist. "Afrika ist eine Enklave auf dem internationalen Finanzmarkt", sagt der französische Finanz- und Entwicklungsexperte Luc Rigouzzo. "Es war immer die Schwäche des Kontinents - diesmal ist es sein Schutz. "Natürlich, kenianische Wanderarbeiter kehren aus den Emiraten am Golf zurück, wo Zigtausende von Arbeitskräften nach Hause geschickt wurden. Und Kenia vermisst seine Touristen, doch bleiben die vor allem wegen der blutigen Unruhen vor Jahresfrist weg. Die internationalen Reiseunternehmen nehmen die Sandküste nördlich und südlich von Mombasa nur ganz allmählich wieder ins Angebot.
Bangen um die Entwicklungshilfe
Auch Angola, Nigeria und Sambia sind betroffen, weil die Weltmarktpreise für Öl und Rohstoffe wie Kupfer oder Zinn rapide gefallen sind. Die angolanische Regierung immerhin war vorsichtig, sie kalkulierte für 2009 einen durchschnittlichen Ölpreis von 55 Dollar pro Barrel ein, derzeit liegt er bei gut 40 Dollar. "Noch müssen wir im Haushalt nichts korrigieren", sagt Ölminister Jose Vasconcelos, "aber wenn der Preis im April immer noch so niedrig ist, kommen wir wohl nicht umhin."
Laut sagt es keiner, aber manche afrikanischen Regierungen fürchten auch, dass der bislang verlässliche Strom der Entwicklungshilfe aus dem Norden schmerzhaft nachlassen könnte. Doch verglichen mit den Schockwellen, denen die Industrieländer des Nordens ausgesetzt sind und deren Ende noch nicht absehbar ist, haben die afrikanischen Länder bisher wenig eingebüßt.