Krisen-Moloch HRE: Steinbrück startet Übernahmekampf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Krisen-Moloch HRE Steinbrück startet Übernahmekampf

Neuer Akt im Drama um die HRE: Der Bund will den taumelnden Pfandbriefanbieter übernehmen. Im Vergleich zu den Erwartungen an der Börse ist die Übernahmeofferte großzügig ausgefallen - trotzdem droht sie lediglich der Startschuss für einen zähen Übernahmekampf zu sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Für einen historischen Einschnitt ist die Mitteilung recht dürr. "Die Bundesrepublik Deutschland, handelnd durch den Finanzmarktstabilisierungsfonds (Soffin), beabsichtigt, den Aktionären der Hypo Real Estate Holding AG (HRE) ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot zu unterbreiten", heißt es in der Mitteilung vom Donnerstagmorgen. "Der Soffin strebt den Erwerb von 100 Prozent der Anteile an."

An der Bedeutung des Papiers ändert die nüchterne Form wenig: Zum ersten Mal seit mehr als 60 Jahren will die Bundesregierung ein Geldinstitut komplett verstaatlichen. Nur so ist nach Auffassung des Bundesfinanzministeriums der wankende Immobilienfinanzierer HRE noch zu retten.

HRE-Zentrale: Anteilseigner Flowers will sich nicht rausdrängen lassen

HRE-Zentrale: Anteilseigner Flowers will sich nicht rausdrängen lassen

Foto: AP

Das Übernahmeangebot allerdings droht nur der Anfang eines zähen Kampfes zu werden. Zwar bietet Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) 1,39 Euro pro HRE-Aktie - deutlich mehr als an der Börse erwartet wurde. Doch der Ärger scheint trotzdem programmiert. Großinvestor Christopher Flowers, dem rund 24 Prozent der HRE gehören, hat bereits recht deutlich signalisiert, sein Investment nicht so einfach aufgeben zu wollen. "Es gibt weiter eine klare Präferenz, als Aktionär im Unternehmen zu bleiben", sagte ein Sprecher und erklärte, die Offerte werde in aller Ruhe geprüft. Kein Wunder: Als Flowers im vergangenen Jahr einstieg, legte er noch 22,50 Euro pro Aktie hin.

Steinbrück hat deshalb vorgesorgt: Seit Donnerstag ist ein Enteignungsgesetz in Kraft, das im Notfall in Sachen HRE herangezogen werden soll. Doch derart leicht dürfte Flowers kaum einzuschüchtern sein. "Ich gehe davon aus, dass Flowers klagen wird, wenn es zu einer Enteignung kommt", sagte Martin Peter, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg bereits, bevor er das genaue Angebot Steinbrücks kannte.

Flowers Aussichten wären nicht schlecht, glaubt Hans-Peter Schwintowski, Jura-Professor an der Berliner Humboldt-Uni. Das Enteignungsgesetz sei zu offensichtlich allein für die HRE gestrickt, sagt der Finanzexperte. Einzelfallgesetze aber seien nach herrschender Auffassung des Bundesverfassungsgerichts "völlig unzulässig". Flowers könne sich leicht darauf berufen, "dass alles danach riecht, dass sich das Gesetz vor allem gegen ihn richtet".

Dirk Schiereck, Professor an der TU Darmstadt, wundert sich deshalb gewaltig, warum Steinbrück Flowers unbedingt aus der Bank herausdrängen will. Der Bankenexperte glaubt, man könne die nötigen Reformen bei der HRE genauso gut gemeinsam angehen - der Finanzinvestor habe bereits signalisiert, wichtige Restrukturierungsschritte mittragen zu wollen.

Doch das Bundesfinanzministerium beharrt darauf: Eine vollständige Übernahme durch den Bund sei unumgänglich, um die HRE "nachhaltig zu stabilisieren", sagt Sprecherin Jeanette Schwamberger. Dabei gehe es nicht nur um die notwendige Sanierung der angeschlagenen Pfandbriefbank, sondern vor allem um deren Refinanzierungsmöglichkeiten an den Kreditmärkten.

Schiefer Vergleich mit der KfW

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers hatte im vergangenen September das überlebensnotwendige Kreditgeschäft zwischen den Banken der Welt fast vollständig zum Erliegen gebracht - und kein deutsches Geldinstitut hat darunter derart dramatisch gelitten wie die HRE. Auf der Jagd nach Rendite hatte die Führungsspitze jahrelang waghalsige Geschäfte getätigt. Vor allem der Erwerb des irischen Staatsfinanzierers Depfa, der seine langfristigen Geschäfte mit hochrisikoreichen kurzfristigen Krediten abdeckte, brachten die HRE ins Taumeln. Ohne die Hilfe des Bundes und privater Investoren, die inzwischen mit der sagenhaften Summe von 102 Milliarden Euro ausgeholfen haben, wäre die HRE längst pleite.

Die Staatsübernahme soll der Trockenzeit nun eine Ende bereiten: Mit dem Bund im Hintergrund kehre das Vertrauen in das Geldinstitut automatisch zurück, so die Hoffnung in Berlin. Die Bewertung des Geldinstituts durch die Rating-Agenturen werde ähnlich hervorragend ausfallen wie das der staatseigenen Förderbank KfW, heißt es. Doch ob der Plan aufgeht, ist fraglich.

Ganz so einfach funktionieren die Geldmärkte dann doch nicht. "Wenn der Bund die HRE übernimmt, kann das schon positive Rating-Implikationen haben", sagt Stefan Best von der Rating-Agentur Standard & Poor's zwar. Ein AAA-Rating wie bei der staatlich garantierten KfW sei aber unwahrscheinlich. "Die Situation der KfW ist eine vollkommen andere." Die KfW erfülle außerdem einen öffentlichen Auftrag und sei dauerhaft in der Hand des Bundes. Bei der HRE dagegen soll der Einstieg zeitlich begrenzt sein. "Außerdem betreibt die HRE ein ganz normales kommerzielles Bankgeschäft."

Auch Banken-Professor Schiereck hält die Taktik des Bundes für fragwürdig. "Ob der Bund nun 80 oder 100 Prozent besitzt, wird an den Kapitalmärkten keine große Rolle spielen", sagt er.

Nur in einem sind sich die Experten mit dem Bund einig: Eine Alternative zur Rettung der HRE gibt es nicht. Eine Pleite würde zu unvorstellbaren Erschütterungen in allen Bereichen des Finanzsystems führen. Die Folgen könnten die Horrorerlebnisse nach dem Untergang von Lehman Brothers noch bei weitem übertreffen, fürchtet man selbst in der Bundesbank, der kaum ein Hang zur Dramatik nachgesagt werden kann.

Die HRE ist der weltweit zweitgrößte Herausgeber von Pfandbriefen. Nicht nur risikoscheue Bürger griffen in Massen auf die eigentlich kreuzsolide Anlagemöglichkeit zurück, sondern auch Sparkassen, Versicherungen, sogar ganze Länder wickeln Geschäfte über die HRE ab. Ein billionenschweres Sicherungsnetz aus hochkomplizierten Finanzinstrumenten wäre bei einer Pleite zudem in Gefahr - und nicht zuletzt das letzte Vertrauen in das Funktionieren der Finanzmärkte.

Bankenchef will die HRE gesundschrumpfen

Hinter den Kulissen wird deshalb schon eifrig daran gearbeitet, das wankende Geldinstitut zurück auf Kurs zu bringen. Der neue Chef im Haus, Axel Wieandt, hat bereits angekündigt, sich wieder voll auf die Immobilien- und Staatsfinanzierung auf Basis der Pfandbriefemission stützen zu wollen. "Aus dem internationalen Geschäft außerhalb Europas werden wir uns weitgehend zurückziehen. Und wir werden uns an der goldenen Bankregel orientieren, langfristige Engagements auch langfristig zu finanzieren", erklärte Wieandt zudem kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung".

Seine To-Do-Liste für die kommenden Monate ist bereits lang: Elf Standorte werden noch dieses Jahr geschlossen, rund 1000 Stellen sollen der "Börsenzeitung" zufolge abgebaut und die Tochter Deutsche Pfandbriefbank soll mit der HRE Bank verschmolzen werden. Die Infrastruktur-Finanzierung soll zurückgefahren, und die riskanten Kapitalmarkt- und Handelsgeschäfte eingestellt werden. Das Fernziel laut "Handelsblatt": eine Bilanzsumme von 70 bis 120 Milliarden Euro. Derzeit beträgt sie noch rund 400 Milliarden Euro.