Kritische Aktionäre Calpers heizt US-Konzernen ein
Hamburg/New York - Was verbindet Multimilliardär und Börsenguru Warren Buffett mit der Tennislegende Billie Jean King? Beide sitzen als Direktoren im Board eines Dow-Unternehmens. Was unterscheidet die beiden? Calpers, der größte Pensionsfonds der Welt, hat an der Arbeit der Wimbledon-Spezialistin King bei Altria (Marlboro, Maxwell Coffee) nichts auszusetzen. Dem ausgewiesenen Bilanzexperten Buffett, der im Board von Coca-Cola sitzt, hat der Fonds hingegen die Gefolgschaft verweigert.
Calpers hat eine Liste von insgesamt 2700 Direktoren börsennotierter US-Unternehmen erstellt, mit denen der Fonds unzufrieden ist. Schon vor Wochen haben die Kalifornier den betroffenen Firmen Briefe geschickt, in denen eine größere Unabhängigkeit der Direktoren angemahnt wurde. Ansonsten, so die Drohung, werde man die Wiederwahl der missliebigen Direktoren verweigern. Mit auf der Liste: Bekannte Konzerne wie Johnson & Johnson , Honeywell , Lockheed Martin oder Apple Computer .
Wie unabhängig sind die Prüfer?
Der Pensionsfond kritisiert vor allem die Arbeit der audit committees. Diese Unterausschüsse der Boards sind für die Zusammenarbeit mit den - formell unabhängigen - Wirtschaftsprüfern zuständig, die den Jahresabschluss testieren.
In vielen Fällen erhalten Prüfungsgesellschaften von dem Unternehmen, dass sie durchleuchten sollen, Aufträge für lukrative Beratungsdienstleistungen in Millionenhöhe - nicht gerade ein Anreiz, dem Kunden bei bilanziellen Unregelmäßigkeiten auf die Füße zu treten. Auch Buffett hat als Mitglied des audit committee von Coca Cola entsprechende Deals abgenickt.
Calpers fordert, Wirtschaftsprüfer nicht mehr gleichzeitig als Consultants einzusetzen, um so möglichen Interessenkonflikten vorzubeugen. "Nichts ist uns wichtiger, als eine ordnungsgemäße Prüfung der Bilanz", sagte Calpers-Fondsmanagerin Christy Wood gegenüber dem "Wall Street Journal", "Wenn wir den Zahlen nicht trauen können, ist es nur ein Frage der Zeit, bis wir den nächsten Fall wie Enron oder Adelphia haben."
Während der Hauptversammlung der Coca-Cola-Aktionäre in Wilmington (Delaware) war der Angriff von Calpers auf Board-Mitglied Warren Buffett Thema Nummer Eins. Aktionäre stellten Buffets Unabhängigkeit auch deshalb in Frage, da zu dessen Investment-Holding Berkshire Hathaway auch das Großhandelsunternehmen McLane sowie die Restaurantkette Dairy Queen gehören. Beide betreiben Geschäfte mit Coca-Cola. Buffett wurde zwar ebenso wie die anderen 15 Board-Mitglieder wiedergewählt - doch mit nur rund 85 Prozent Zustimmung erhielt er den stärksten Gegenwind.
Bei Apple soll das gesamte Board gehen
Ähnlich hoch her gehen wird es am Donnerstag bei Apple . Dort hat Calpers gleich dem gesamten Board seine Gunst entzogen - unter den Direktoren sind auch Firmenchef Steve Jobs und Ex-Vizepräsident Al Gore. Hintergrund ist, dass sich das Unternehmen hartnäckig weigert, Aktienoptionen als Personalkosten zu bilanzieren.
Auch Jobs dürfte den Angriff von Calpers überstehen und seinen Direktorenposten behalten. Um einen Wechsel durchzusetzen, hält der Fonds zu wenig Aktien: Seine Beteiligung an großen US-Konzernen ist auf maximal ein Prozent der Anteile begrenzt. Dennoch ist die Signalwirkung immens, denn Calpers zieht allein auf Grund seiner Größe und seines Ansehens Aufmerksamkeit auf sich.
SEC könnte Calpers entscheidend stärken
SEC könnte die Kritiker entscheidend stärken
Mit seiner Politik der aktiven Einmischung gibt Calpers ein Beispiel für weitere Investoren, die Konzernstrategie kritisch zu hinterfragen: Wenn sich - wie im Fall Walt Disney - weitere Pensionsfonds der Kritik von Calpers anschließen, wird es für die betroffenen Manager wie Disney-Chef Michael Eisner eng. In den Top-Etagen geht die Sorge um, dass im Windschatten einer Calpers-Kampagne ein durchschlagendes Bündnis großer Pensions- und Investmentfonds entsteht.
Eine von der US-Börsenaufsicht SEC geplante Reform würde den Einfluss kritischer Aktionäre wie Calpers entscheidend stärken. Bislang bestimmt allein das Konzernmanagement die Kandidaten für das Board: Aktionäre haben während der Hauptversammlung lediglich die Möglichkeit, den Vorschlägen zuzustimmen oder die Kandidaten abzulehnen. Nach Plänen der SEC sollen Aktionäre jedoch bald die Möglichkeit haben, selbst Kandidaten für das Aufsichtsgremium eines Konzerns vorzuschlagen - die Unternehmen laufen Sturm gegen das Vorhaben.
Geld verdienen mit Calpers
Bis Calpers mit eigenen Kandidaten für das Aufsichtsamt aufwarten kann, werden die kritischen Fondsbeamten noch allerlei Spott des Establishments ertragen müssen. Herb Allen, ebenfalls Direktor bei Coca Cola, kommentierte das Aufbegehren des Fonds gegen Board-Mitglied Warren Buffett folgendermaßen: "Ich habe es immer bedauert, die Hexenprozesse von Salem versäumt zu haben. Wie durch Magie bekam ich jetzt doch noch etwas von dieser guten alten Show zu sehen." Schließlich sei es Buffett gewesen, der sich als einer der ersten gegen exorbitante Managergehälter ausgesprochen habe. Buffett war es auch, der Aktienoptionen als Kosten gebucht sehen wollte und dies bei Coca Cola als einem der ersten großen US-Unternehmen durchgesetzt hat.
An der Wall Street setzen außerdem einige spekulative Investoren auf den "Calpers Effekt". Sie kaufen Aktien derjenigen Unternehmen, die auf der schwarzen Liste des Pensionsfonds gelandet sind, und hoffen auf Besserung. Sechs Unternehmen aus der Vorjahresliste - JDS Uniphase , Gemstar, Manugistics, Midway Games, Parametric und Xerox - haben seitdem deutliche Kurssteigerungen gezeigt und sich besser entwickelt als der breite Markt.
Calpers formuliere seine Kritik erst dann, wenn der Markt ein Unternehmen bereits abgestraft habe und ein Turnaround bevor stehe, spotten die einen. Für die anderen ist der "Calpers Effekt" dagegen ein Zeichen, dass sich eine bessere Unternehmensführung auch bald in einem steigenden Aktienwert auszahlt.
Von Thomas Hillenbrand und Kai Lange