Kuba Wachstum für wenige
Alles ziemlich unverändert, erklärt Daira Pérez gelangweilt während sie sich an den Verkaufstresen der Bäckerei lehnt. Dann steckt das Brot ein und macht sich auf den Weg. Die junge Frau wohnt in Centro Habana, im Herzen der kubanischen Hauptstadt, und wie ihre Nachbarn weiß sie, dass die kubanische Wirtschaft in den vergangenen Jahren stärker wuchs als alle anderen Volkswirtschaften der Region. Schöne Zahlen", bemerkt sie mit hörbarer Verbitterung. "Aber im Alltag habe ich davon nichts mitbekommen.
Den Frust kann Omar Everleny, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Havanna, gut nachvollziehen. Die wachsende Kluft zwischen dem Wohlstand der Nation und dem eigenen registrierten viele, gibt er unumwunden zu: Die Leute spüren von dem Wachstum kaum etwas. Zu dieser Einschätzung kommt auch Armando Nova vom Forschungsinstitut der kubanischen Wirtschaft (CEEC): Die drei grundlegenden Probleme Kubas sind die Lebensmittelversorgung, die Verkehrssituation und die Wohnungsnot. In allen drei Bereichen erwarte die Bevölkerung Lösungen jetzt wo eigentlich genügend Geld da sei.
Doch entscheidende Verbesserungen haben nur wenige Kubaner registriert. Der öffentliche Nahverkehr zum Beispiel bleibt ein ständiges Ärgernis. Everleny wähnt ihn sogar kurz vor dem Zusammenbruch. Die Regierung hat ihre Investitionen bisher darauf konzentriert Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen abzubauen. Das registrieren allerdings nur die Betroffenen, so der Familienvater. Auch die Erfolge im Wohnungsbau fallen bisher noch nicht so stark ins Gewicht, obgleich im letzten Jahr immerhin gut 100.000 der anvisierten 150.000 neuen Wohnungen fertig gestellt wurden. Fortschritte, die tatsächlich auf breiter Front sichtbar werden könnten, bleiben dagegen aus.
Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich
Kubas Problem, erklärt Everleny, ist, dass die wirtschaftliche Struktur der Ausbildungsstruktur nicht angepasst wurde. Im Klartext: Das Regime ist nicht in der Lage, den qualifizierten Menschen auch attraktive, dem Ausbildungsniveau entsprechende, Jobs im Land anzubieten.
Zum Teil sind es gerade die Hochqualifizierten, die jetzt für das enorme Wachstum sorgen - durch Arbeit im Ausland. Ärzte, Schwestern, Ingenieure und Lehrer verrichten ihre Dienste als Regierungsangestellte im Bruderstaat Venezuela - als Leiharbeiter sozusagen. Für ihre Leistungen erhielt Havanna nach Berechnungen der CEEC-Experten 2006 rund sechs Milliarden US-Dollar. Derzeit hat Kuba dort allein 27.000 Ärzte im Einsatz. Welches Land wäre dazu in der Lage?, fragt Everleny und ist sogar stolz darauf.
Die genannte Summe entspricht knapp sechzig Prozent der Einnahmen aus Exporten und Dienstleistungen, weshalb die weißen Engel der Revolution den Tourismus als Lokomotive der kubanischen Wirtschaft abgelöst haben. Kuba habe endlich ein Instrument gefunden, um die hohe Qualifikation der Bevölkerung auch ökonomisch zu nutzen, heißt es in der kubanischen Presse.
Die Elite bilden die Devisenbesitzer
Zum allem Überfluss hat Kuba auch noch mit Problemen zu kämpfen, die man nach offizieller Lesart längst überwunden zu habe schien. Die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich fast im gleichen Tempo, wie in den viel kritisierten westlichen Marktwirtschaften. Die da oben verfügen über Devisen, die breite Masse muss mit der nicht konvertiblen Landeswährung vorlieb nehmen.
Die Privilegien am ehesten verdient haben noch die Leiharbeiter, denn sie sorgen immerhin für den größten Teil des rechnerischen Wachstumswunders. In Kuba selbst verfügt - außer den hohen Beamten, Offizieren und Regierungsmitgliedern - nur noch eine kleine Schicht über konvertible Peso: diejenigen, die bei internationalen Unternehmen arbeiten, im Nickelbergbau bei Kanadischen Konzernen etwa oder in der Tabakbranche unter Regie von Spaniern oder Franzosen. Auch die Angestellten in den internationalen Hotels und die Erdölsucher von der Küste erhalten einen Teil ihres Gehalts in Devisen.
Der Großteil bei den staatlichen Unternehmen Angestellten muss sehen wie er mit dem kubanischen Durchschnittslohn von 404 Peso zurechtkommt. Ein triftiger Grund, weshalb der Ökonom Oscar Almeda als privater Zimmervermieter arbeitet und es nach wie vor Ingenieure und Mediziner gibt, die lieber als Taxifahrer oder Portier arbeiten, weil sie allein vom Trinkgeld besser leben als vom niedrigen Lohn, den der Staat gewährt.
Die Motivation fehlt
Daira Pérez hat gar noch nie in dem Job gearbeitet, für den sie ausgebildet wurde. Stattdessen führte die gelernte Möbeldesignerin Touristen durch Museen, oder verdient ihr Geld als Verkäuferin, wie sie selbst erzählt. Gerade habe sie sich für einen Computerkurs angemeldet, um sich für einen neuen Job zu qualifizieren. Um die dreihundert Peso soll sie dort verdienen und Daira ist klar, dass das Geld angesichts der hohen Lebensmittelpreise kaum reichen wird.
Entsprechend niedrig ist angesichts dieses Missverhältnisses zwischen Lebenshaltungskosten und Lohnniveau die Motivation der Angestellten. Viele staatliche Unternehmen dümpeln vor sich hin besonders in der Landwirtschaft. Dort fiel die Produktivität in den letzten Jahren immer weiter. Bei Zucker, Reis, Bohnen und Gemüse gingen die Erträge zurück und nicht nur in den USA, sondern auch in Vietnam oder Frankreich ordern die kubanischen Einkäufer Lebensmittel en Gros.
Laut Magalys Calvo, Vizeministerin im Wirtschaftsministerium, musste Kuba 2006 nicht weniger als 84 Prozent der Grundnahrungsmittel importieren. Insgesamt summieren sich die die Gesamtausgaben für Lebensmittelimporte nach Schätzungen von CEEC-Experten Nova knapp 1,8 Milliarden US-Dollar.
Trotzdem sind Gemüse oder Fleisch in den offiziellen Märkten oft überhaupt nicht und auf den privaten Märkten nur zu hohen Preisen zu bekommen. Das Pfund Schweinekotelett kostet 30 Peso, das sind mehr als zehn Prozent des offiziellen Mindestlohns von 250 Peso, moniert ein Kunde auf dem Bauernmarkt am Rande des Bahnhofs von Havanna. Wer nicht über Devisen verfügen, könne sich das nur an Festtagen leisten.