KOPIERER Kunden verschreckt
Einstimmig wurde Hans-Adolf Barthelmeh im Oktober 1980 zum Deutschland-Chef von Rank Xerox gewählt, und dankbar versprach er dem Aufsichtsrat, sein Bestes zu geben. Die Mitarbeiter sollten »wieder gern bei Rank Xerox arbeiten«.
Doch sein Bestes war offenbar nicht genug: Die Erträge der Firma und das Klima in der Belegschaft haben sich im dritten Amtsjahr Barthelmehs deutlich verschlechtert.
Die deutsche Tochter des weltweit operierenden amerikanischen Konzerns steckt in einer schweren Krise. Für das laufende Geschäftsjahr muß das Management bei Verkauf und Vermietung von Kopiergeräten, Schreibmaschinen S.126 und Computern mit Millionen-Verlusten rechnen.
Und dafür machen seine Manager-Kollegen und die Betriebsräte in Deutschland den Mann an der Firmenspitze verantwortlich.
Sie werfen Barthelmeh vor, durch schwere Management-Fehler und durch einen Dauerstreit mit der Belegschaft Rank Xerox geschwächt zu haben.
In der Tat: Statt sich mit den Betriebsräten zu verständigen, provozierte Barthelmeh den Konflikt. Ihre Arbeit tat er als »Kasperei« ab, und er verstrickte die Firmenspitze in langwierige Prozesse vor Arbeitsgerichten.
Dabei hatten der US-Multi Xerox und sein englischer Partner Rank den hemdsärmeligen Barthelmeh angeheuert, damit er die deutsche Dependance nach Jahren sinkender Gewinne wieder auf Erfolgskurs brächte. Mit der größten Auslandstochter von Rank und Xerox (763 Millionen Mark Umsatz) war es seit 1977 ständig bergab gegangen.
Im Jahre 1974 nämlich waren die Xerox-Patente auf Trockenkopierer ausgelaufen. Fortan war es vorbei mit den gewohnten schönen Renditen von 30 Prozent des Umsatzes. Vor allem die japanischen Konkurrenten Canon, Minolta und Mitsubishi holten rapide auf und nahmen Rank Xerox immer mehr Kunden weg.
Barthelmeh versuchte daraufhin, verlorenes Terrain durch drastische Preiszugeständnisse zurückzugewinnen. Um den Umsatz anzukurbeln, nahm er ein Jahr alte Kopierer fast zum Preis neuer Geräte in Zahlung.
Auch beim Service setzte Barthelmeh zu. Fast jeder Käufer eines Kopiergerätes erhielt eine Garantie über die kostenlose Wartung für die Dauer von zwei Jahren.
Das konnte nicht gutgehen. Gerade beim Service nämlich macht die Kopierer-Branche das meiste Geld.
Der Umsatz sah zwar besser aus, Barthelmeh drückte über 10 000 neue Geräte mit seinen Niedrigpreisen in den Markt. Aber die Endabrechnung war wenig erfreulich: Rank Xerox setzte beim Verkauf der Geräte gewaltig zu und verschreckte obendrein noch die Stammkunden.
Den versprochenen Service kann Rank Xerox kaum bieten, weil die alte Mannschaft mehr Geräte warten mußte und die Fristen für die Wartung dadurch länger wurden.
Auch der Versuch, nach dem Vorbild der japanischen Konkurrenten eine Fachhändler-Organisation für den Kopierer-Verkauf aufzubauen, schlug fehl. Zu einem Vertrag mit Rank Xerox waren nur wenige Händler bereit, weil Barthelmeh den eigenen Vertrieb, der dann den Händlern scharfe Konkurrenz machen würde, nicht auflösen wollte.
Noch ärger erging es Barthelmehs Leuten in einem Bereich, den die Muttergesellschaft in den USA stärker ausbauen will - der Planung für das »Büro der Zukunft«, das mit elektronischem Gerät vollgestopft werden soll.
Mit hochdotierten Verträgen lockte Barthelmeh der Konkurrenz Manager weg. Kaum im Haus, zerstritten sich die Neuen über Kompetenzen und Marktstrategien.
Dem Absatz bekam das überhaupt nicht. Vom Tischcomputer 820 sollten in vier Monaten über 300 Stück verkauft werden, aber nur 24 Exemplare wurde Rank Xerox schließlich los.
Nicht einmal das eigene Spitzenprodukt, für das Xerox sogar ein Weltpatent hat, konnten Barthelmeh und seine Mannschaft gut vermarkten. Xerox-Ingenieure haben ein Spezial-Kabel entwickelt, mit dem gleichzeitig computergesteuerte Informationssysteme, Kopierer, Schreibautomaten, Telephon-Netze und Fernsehsysteme miteinander verbunden werden können.
Seit Bonn sich für eine Verkabelung der Bundesrepublik entschieden hat, bestehen zwar für dieses Ethernet-Kabelsystem beste Absatzchancen. Die Bosse in der Konzernzentrale aber trauten ihrer Deutschland-Filiale offenbar nicht zu, den Auftrag gegen die Konkurrenz einiger Lizenznehmer an sich zu bringen.
Um wenigstens mit Teillieferungen dabeizusein, verbündeten sich die Amerikaner über den Kopf Barthelmehs hinweg mit Siemens. Der Münchner Elektrokonzern soll für Xerox seine guten Beziehungen zur Bundespost nutzen. Siemens erhielt sogar den Auftrag, auch für andere schlechtgehende Xerox-Produkte wie Textverarbeitungsgeräte den Verkauf zu übernehmen.
Weil der Elektromulti dabei inzwischen mehr Erfolg hatte als die Mannschaft von Rank Xerox, könnten die Konzernlenker in den USA den neuen Partner womöglich mit noch mehr Aufgaben betreuen. Für die eigene Tochter in Düsseldorf hätte das verheerende Folgen.
Auf Druck seiner Vorgesetzten läßt Barthelmeh derzeit nachrechnen, wieviel Leute entbehrlich sind. Von den knapp 4000 Beschäftigten muß mindestens jeder fünfte Rank-Xerox-Mitarbeiter um seinen Arbeitsplatz fürchten.
Barthelmeh selbst, der 1973 als Vorstandsvorsitzender bei Ford und fünf Jahre später als Chef der Maschinenfabrik Gildemeister gefeuert wurde, sorgt sich wenig um seine Zukunft. Der 59jährige weiß, wie er bis zur Pensionierung durchhalten kann.
»Ich bin«, sagt der Chef, »ein guter Soldat und führe die Befehle aus.«