Kurioser Markt in Kabul: Shoppen wie in Amerika
Kurioser Markt in Kabul Maden USA
Für Geld gibt es alles - das gilt auch in Kabul. Abdul Wasir kramt in einem Pappkarton hinterm Tresen seines Lädchens. Er holt ein paar sandfarbene Stiefel hervor. "Das hier sind amerikanische Modelle", sagt er. Die Stiefel haben schon bessere Tage gesehen: Die Sohlen sind abgelaufen, das Leder ist zerknautscht. Mit schwarzem Stift hat jemand seine Initialen auf den Schaft geschrieben, "A. B." steht da.
Ob Soldat A. B. seine Schuhe wohl vermisst? "Nein, nein", sagt Abdul Wasir. "Die Sachen, die wir hier verkaufen, kommen alle aus dem US-Stützpunkt in Bagram." Der Ort liegt ein paar Kilometer nördlich von Kabul. "Es sind Gegenstände, die die Soldaten ihren Fahrern oder Übersetzern geschenkt haben und die wir ihnen abkaufen", sagt Wasir und lächelt.
Ein paar Meter entfernt hockt ein junger Afghane in einem Laden so groß wie eine halbe Garage. Vor dem Eingang stehen Berge an Getränkedosen, "Mega Monster Energy" steht in neongelber Farbe darauf. Daneben eine Pyramide aus Fünf-Liter-Eimern Tomatenketchup. "Alles aus Bagram, sehr gute Qualität", verspricht der Verkäufer. Manches Zeug hat seine Haltbarkeitsdauer bereits überschritten. Aber darauf achten weder Verkäufer noch Käufer. Es sind überwiegend Afghanen, die durch die engen Gassen schlendern. Hier gibt es westliche Ware zu halbwegs erschwinglichen Preisen.
Ein paar Häuser weiter hat jemand gigantische Transportkisten aus olivgrünem Kunststoff im Angebot, wie das Militär sie nutzt, außerdem Rucksäcke, in denen ein halber Kleiderschrank Platz findet - und Hunderte Rollen amerikanisches Toilettenpapier.
Welcher Soldat verschenkt eine Tonne Klopapier?
"Bush-Markt" heißt diese kuriose Ansammlung vieler kleiner Geschäfte, benannt nach dem früheren US-Präsidenten. Zu Zeiten der sowjetischen Invasion gab es in Kabul einen "Breschnew-Basar", auf dem gestohlene oder verschenkte Ware der Roten Armee gehandelt wurde. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan im Herbst 2001, kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September in New York und Washington, kamen dann US-Produkte ins Land: Bier, Fertiggerichte, Limonaden, Taschenmesser, Sonnenbrillen. Uniformjacken und -hosen, Kampfstiefel und militärische Orden.
Ein paar Monate später, Anfang 2002, bildete sich ein Markt dafür, viele Händler fanden hier Arbeit. Der erste Bush-Markt war neben dem afghanischen Verteidigungsministerium angesiedelt. Doch kürzlich vertrieb das Ministerium die Händler, weil auf dem Grundstück ein neues Gebäude entstehen soll. Jetzt haben sich die Händler ein neues Gebiet gesucht, direkt am Fuße des "Fernsehsenderhügels", jenem der vielen Berge, die Kabul umgeben, auf dem die TV-Stationen ihre Antennen aufgebaut haben.
Manche Händler meinen, man müsse den neuen Basar jetzt Obama-Markt nennen, schließlich sei George W. Bush nicht mehr Präsident. Aber man hat sich an den alten Namen gewöhnt, Bush-Markt bleibt Bush-Markt.
Uhren, Rasierapparate, Zahncreme, Seife, Shampoo
Nach achteinhalb Jahren Anti-Terror-Krieg mit vielen zivilen Opfern haben die Afghanen genug von den Amerikanern. Aber sie lieben ihre Produkte - auch wenn manche nicht zur islamischen Kultur des Landes passen, Alkohol zum Beispiel oder Lebensmittel mit Schweinefleisch. Aber das interessiert hier keinen - Hauptsache, die Sachen sind amerikanisch.
Wie die Ware tatsächlich vom US-Stützpunkt in Bagram auf den Basar gelangt, weiß niemand so genau. "Manchmal sind es wirklich afghanische Übersetzer, die uns die Sachen verkaufen", sagt Haji Tor, der ein Bekleidungsgeschäft auf dem Bush-Basar betreibt und so etwas wie der inoffizielle Sprecher der Markthändler ist. "Manchmal kommen aber auch Amerikaner selbst, die uns Ware direkt verkaufen." Es sei auch vorgekommen, dass ausländische Truppen Lebensmittel und Kleidung an Dörfer verschenkt hätten; später seien die Dorfbewohner gekommen und hätten die Sachen verkauft, weil sie mit Uniformhosen nichts anfangen konnten oder weil ihnen die Lebensmittel nicht schmeckten.
Das bestätigt auch Mohammed Usman, der Uhren, elektrische Rasierapparate, Zahncreme, Seife und Shampoo aus US-Herstellung anbietet. "Das Problem ist, dass immer wieder Zwischenhändler kommen und uns sagen, sie hätten Ware aus Bagram für uns. In Wahrheit sind das dann aber billige Produkte aus China", schimpft er. "Wir können das manchmal nicht unterscheiden und bezahlen dann viel zu viel für das Zeug." Manchmal erkennt man die gefälschte Ware aber auch sofort an der miserablen Qualität oder an der Etikettierung in holprigem Englisch.
"China oder USA - sehen Sie einen Unterschied?"
Stiefel-Verkäufer Abdul Wasir hat aus der Not eine Tugend gemacht: "Ich schicke manches US-Produkt nach China und lasse vergleichbare Ware zu viel günstigeren Preisen herstellen", erklärt er und zeigt ein paar Stiefel aus chinesischer Produktion. "Sehen Sie einen Unterschied? Ich nicht." Trotzdem würden die meisten Afghanen lieber US-Ware kaufen. Ob er seinen Kunden wohl selbst chinesische Stiefel als amerikanische unterjubelt? Er lächelt - und schweigt.
Samir hat sich auf den Handel mit Medaillen, Hüllen für Truppenausweise, Taschenlampen und Sonnenbrillen spezialisiert. In seinem Schaufenster steht eine Thermostasse neben einer Wasserpfeife, angeblich aus Bagram, aber die Aufschrift "Maden USA" statt "Made in USA" verrät die Fälschung.
Ob geschenkt bekommen, gekauft oder gestohlen - für die Kosten dieses Handels kommt letztlich der Steuerzahler in den USA auf. Ein Sprecher der US-Truppen in Kabul will das bunte Treiben auf dem Bush-Basar nicht kommentieren. "Wir kennen diesen Markt, es gibt noch ein paar kleinere dieser Art in Kabul", sagt er. "Wir wissen, dass dort Ausrüstungsgegenstände und Verpflegung aus unserem Stützpunkt gehandelt werden." Aber man habe keine Kapazitäten, sich weiter darum zu kümmern. "Solange dort keine Waffen oder andere sicherheitsrelevanten Dinge auftauchen, nehmen wir das so hin."