Kursverlust: Prügelstrafe für den Musterschüler Google - DER SPIEGEL
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Kursverlust Prügelstrafe für den Musterschüler Google

An normalen Maßstäben gemessen, hat Google im vergangenen Geschäftsjahr einen exorbitanten Gewinn erwirtschaftet. Aber was sind schon normale Maßstäbe, wenn es um Google geht. Die Wall Street verlangte mehr, und entsprechend hart war die Strafe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mountain View/New York - Nach Börsenschluss ging die Hektik erst richtig los, in den Büros der Wall Street Broker. Gleich reihenweise gingen Verkaufsorders ein. Die Enttäuschten und die Nervösen zogen die Reißleine, nachdem Google seine Zahlen für das im Dezember abgelaufene vierte Quartal veröffentlicht hatte. Zeitweise verlor die Google-Aktie fast 17 Prozent. An den Börsen Asiens gerieten Technologie- und vor allem Internetwerte in den Sog.

Der Uneingeweihte reibt sich die Augen: die Strafe der Börse traf ein Unternehmen, das soeben eine Gewinnsteigerung gegenüber dem Vorjahr um satte 86 Prozent auf 372 Millionen bekanntgegeben hatte. Umgerechnet in Dollar pro Aktie sind das 1,54 Dollar. Auch das Umsatzplus (86 Prozent) kann sich sehen lassen. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz weit schlechter abschnitt. Yahoo nahm im gleichen Zeitraum gerade einmal 197 Millionen Dollar ein.

Die Google-Websites verbuchten im Oktober-Dezember-Abschnitt einen Umsatz von 1,1 Milliarden Dollar oder 57 Prozent des Gesamtumsatzes. Die Internet-Sites der Werbepartner brachten Umsätze von 799 Millionen Dollar. Google führte 629 Millionen Dollar an die Partnerfirmen ab.

Jahresumsatz verdoppelt

Der Jahresumsatz verdoppelte sich von 3,2 Milliarden Dollar im Vorjahr auf nahezu 6,1 Milliarden Dollar. Der Gewinn im gesamten Jahr 2005 betrug 1,5 Milliarden Dollar oder 5,02 Dollar je Aktie. Die Google-Seiten erhöhten ihren Umsatz um 112,5 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar, während die Partner-Sites Umsätze von 2,7 Milliarden Dollar beisteuerten - das sind 72,9 Prozent mehr als in 2004.

Trotzdem ist die Abstrafung der Wall Street gerecht - so gerecht eben, wie es an der Börse zugeht, zumal sich in erster Linie die Anleger selbst bestraft haben. Denn die Erwartungen von Analysten und Investoren hatten Google erheblich mehr zugetraut und dies auch mit entsprechend hohen Preisen für die Aktien honoriert. Seit dem Börsengang im August 2004 hat sich der Wert des Papiers vervierfacht. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 118 Milliarden Dollar ist Google mehr wert, als Yahoo und Ebay zusammen. Vor dem Kursrutsch lag der Suchmaschinen-Anbieter sogar vor dem weltgrößten Computerkonzern IBM (rund 128,5 Dollar). Kein Wunder also, dass so mancher die Entwicklung mit zunehmender Nervosität verfolgt.

Die Messlatte lag dementsprechend hoch - Analysten hatten im Schnitt 1,74 Dollar Gewinn pro Aktie geschätzt. Gemessen daran, schnitt Google schlecht ab.

Eine Erklärung hatte Google-Chef Eric Schmidt zwar parat - ein höherer Steuersatz und gestiegene Kosten hätten sich belastend ausgewirkt (der Google-Steuersatz betrug im Schlussquartal 41,8 Prozent und für das Gesamtjahr 31,6 Prozent, während Google für 2005 nur mit einem Steuersatz von 30 Prozent gerechnet hatte) - doch am Markt setzte sich der Verdacht durch, die Aktie könnte überbewertet sein. Bereits kurz nach der Veröffentlichung der Zahlen waren die Papiere um sechs Prozent gefallen und mussten kurzzeitig vom nachbörslichen Handel ausgesetzt werden. Doch auch die erzwungene Pause trug nicht zur Beruhigung der Gemüter bei. Direkt nach Wiederaufnahme des Handels stürzte der Kurs weiter ab.

Google bleibt auf Wachstumskurs

Doch mehr als eine Kurskorrektur, die die Phantasie der anleger ein wenig erdet, bedeutet der Absturz der Aktie freilich nicht. Denn dem Konzern selbst geht es prächtig. Google hat weiterhin großen Erfolg mit neuen Produkten, gewinnt schneller Werbekunden als die Konkurrenz und baut durch gezielte Akquisitionen Geschäftsfelder aus. Erst im Januar hatte der Konzern den Kauf der auf Radiostationen und deren Werbekunden spezialisierten US-Firma dMarc Broadcasting angekündigt.

Einen Monat zuvor war Google mit einer Milliarde Dollar bei AOL eingestiegen. Gestern berichtete die "New York Post", dass Google an einer weit reichenden Kooperation mit der Onlinemusikbörse Napster interessiert sein soll. Die Überlegungen der Zusammenarbeit erstreckten sich bis hin zur Übernahme, schrieb die Zeitung. Google dementierte zwar: Weder gebe es Pläne für eine Übernahme noch Interesse an einer Musikbörse, hieß es - doch die Meldung sorgte für erheblichen Wirbel an der Börse.

Entsprechend gelassen gibt sich Schmidt auch gegenüber den Kapriolen der Google-Aktie. "Wir sind sehr zufrieden mit unseren Ergebnissen für das vierte Quartal", sagte er nur. In allen Kerngeschäften habe der Umsatz signifikant zugelegt. Google werde unverändert hohe Summen in den Ausbau der Technologien und die Entwicklung neuer Produkte investieren.

Schmidt trug auch wenig dazu bei, die Phantasien der Anleger neu zu beflügeln. Zu den Aussichten für 2006 äußerte er sich nur allgemein und eher vage. Ein wenig Zuversicht ließ er dennoch durchblicken: Er sehe für Google enorme Wachstumsmöglichkeiten. Bei den Innovationen werde Google im laufenden Jahr erheblich zulegen. Auch seien die internationalen Märkte noch sehr wenig von Google durchdrungen.

mik/dpa/reuters

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