Kurzfristige Crash-Aktion - DER SPIEGEL
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ENERGIEPOLITIK Kurzfristige Crash-Aktion

Was Umweltschützer mit all ihren Protesten nicht schafften, wird nun durch Geldmangel möglich: das Aus für den Schnellen Brüter in Kalkar und das Ende für den Hochtemperaturreaktor in Schmehausen.
• aus DER SPIEGEL 14/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Kernforschungsanlage Jülich ehrte der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Hans Schwier einen renommierten Physiker. Feierlich dekorierte er den Professor Wolf Häfele mit dem Bundesverdienstkreuz.

Der Festakt wurde nicht nur mit Beifall bedacht. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz gratulierte dem Professor zur Verleihung des »teuersten Bundesverdienstkreuzes aller Zeiten«. Die Umweltschützer über die Verdienste des Gelehrten: »Seinem unermüdlichen Schaffen ist es zu verdanken, daß der Schnelle Brüter in Kalkar noch nicht eingemottet wurde.«

Das, in der Tat, hat Wolf Häfele, der sich gern »Brüter-Vater« nennen läßt, fertiggebracht: die Politiker von der Idee zu faszinieren, daß mit der umstrittenen Brüter-Technik die Energieprobleme der Zukunft zu lösen sind. Der Schnelle Brüter, so das Versprechen, werde mit seiner ersten Ladung Kernbrennstoff irgendwann mehr spaltbares Material in Form von Plutonium »erbrüten«, als er selbst für die Stromerzeugung braucht.

Obwohl der Preis für das gigantische Atomprojekt im Laufe der Jahre von 500 Millionen Mark auf rund sieben Milliarden Mark emporschnellte und obwohl sich die Vollendung des Bauwerks Jahr um Jahr weiter hinauszögerte, standen die Politiker der bisherigen Bundestagsparteien unverbrüchlich zu ihrem Brüter.

Die Erkenntnis, auf welches Unternehmen sie sich eingelassen hatten, dämmerte den Forschungsministern der sozialliberalen Koalition immer erst nach Verlust ihres Amts. Kaum zum Finanzminister vorgerückt, beklagte der ehemalige Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD) seine Entscheidung, Häfeles Brüter nicht schon im Jahr 1977 gestoppt zu haben. Das sei sein »größter politischer Fehler« gewesen.

Der letzte sozialdemokratische Forschungsminister, Andreas von Bülow, überraschte die Öffentlichkeit nach wenigen Monaten in der Opposition gar mit dem Bekenntnis, er würde nunmehr keine Mark mehr in Kalkar investieren. Die finanziellen Risiken seien unübersehbar, der ökonomische Nutzen fragwürdig.

Der amtierende Forschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU) lernte aus solchen späten Erkenntnissen seiner Vorgänger nichts, er handelte nach der Wende wie seine Sozi-Kollegen: Seit dem Dienstantritt der christlichliberalen Koalition unterschrieb Riesenhuber widerwillig, aber rechtswirksam Schecks in Höhe von rund einer Milliarde Mark für das Milliarden-Grab Kalkar.

Die Steuermittel flossen schnell und reichlich, obwohl auch Riesenhuber nicht weiß, ob der Brüter je fertiggestellt wird. Nach wie vor fehlen mindestens 1,5 Milliarden Mark, nach wie vor ist nicht abzusehen, wieviel die gewaltige Atommaschine schließlich kosten wird.

Wie seine Vorgänger ist Riesenhuber darauf angewiesen, bei den Vorständen der Elektrizitätsunternehmen für den Brüter zu betteln. Doch die Chefs der Stromkonzerne zeigen sich dem Christdemokraten gegenüber bislang ebenso reserviert wie gegenüber dem Sozialdemokraten von Bülow. Auch nach dem Wahlsieg der unternehmerfreundlichen Koalition ist die Spendenbereitschaft keineswegs gewachsen.

Die Nuklear- und Stromkonzerne glauben sich in jedweder Hinsicht gegenüber dem Forschungsminister in einer guten Verhandlungsposition. Riesenhuber muß unter äußerstem Zeitdruck verhandeln. Steht die Gesamtfinanzierung nicht bis Anfang Mai, ist eine Entscheidung über den Abbruch des Brüter-Baus überflüssig: Weil kein Geld mehr vorhanden ist, läuft dann in Kalkar sowieso nichts mehr.

Schon bei seinem Amtsantritt war Riesenhuber klar, daß seine Chancen, den angeblich so interessierten Stromfabrikanten S.69 Geld für den Brüter zu entlocken, mit jeder in Kalkar verbauten Mark sinken würde. Je mehr Steuergeld ausgegeben wird, desto weniger kann der Politiker Riesenhuber glaubhaft und ohne Gesichtsverlust mit dem Verzicht auf den Brüter drohen.

Die Gesamtkosten für den Betonklotz am Rhein werden gegenwärtig auf 6,9 Milliarden Mark geschätzt. Viele Experten halten diese Zahl noch für zu niedrig. Aber selbst von diesen 6,9 Milliarden Mark fehlen gegenwärtig noch 1,5 Milliarden. Finanzminister Gerhard Stoltenberg ist fest entschlossen, den Kollegen Riesenhuber bei den Etatverhandlungen knappzuhalten. Der Forschungsetat soll, zumindest im Jahre 1984, real leicht schrumpfen.

Riesenhuber sieht nun das Risiko, daß sein Ministerium am Ende nur noch Geld hat, um den Brüter und den zweiten Versuchsreaktor, den Hochtemperaturreaktor im westfälischen Schmehausen, zu bezahlen. Das Forschungsministerium wäre dann wieder das, was es in den Anfängen mal war, ein reines Atomministerium.

»Das will ich nicht, und das befürchte ich nicht«, macht Riesenhuber sich Mut. Es gebe eine Grenze, jenseits der er keine Chance für die Finanzierung des Brüters sehe: »Aber wo die Grenze liegt, sage ich jetzt nicht.«

Den Industrievertretern erzählte der Minister mehr. Sie berichten von seinem Angebot: 25 Prozent der fehlenden 1,5 Milliarden sollen die Stromkonzerne bezahlen und auf die Kilowatt-Preise überwälzen, drei Prozent der Hersteller des Brüters, die Siemens-Tochter KWU, sieben Prozent könnten aus der Investitionszulage des Finanzministers gedeckt werden.

Blieben für den Forschungsminister noch 65 Prozent oder rund eine Milliarde. Riesenhubers Parteifreund Lutz Stavenhagen, Brüter-Experte im Forschungs- und im Haushaltsausschuß, über diese Aufteilung: »Schön ist das nicht, aber es ist machbar.«

Schon jetzt gibt der Forschungsminister von seinem Sieben-Milliarden-Mark-Etat jährlich rund eine Milliarde allein für die Kernenergie aus. Sollte die Industrie die Lastenverteilung akzeptieren, müßte Riesenhuber diese Summe bis 1987 pro Jahr noch einmal um 200 Millionen aufstocken.

Riesenhuber will zuvor von der Industrie verbindlich wissen, ob der Kostenrahmen von 6,9 Milliarden eingehalten werden kann und ob keine dauernden Betriebsverluste entstehen. Das, so meint der Christdemokrat ganz richtig, könnten die beteiligten Firmen allein »durch Zusagen für das Übernehmen dieser Kosten deutlich machen«. Der Finanzminister werde anderenfalls »sehr kritische Fragen stellen«.

Solche kritischen Fragen beeindrucken die spitz rechnenden Konzernchefs weniger als den Minister. Die Strommanager haben nur noch begrenztes Interesse an dem Brüter.

Ihnen war schon lange klar, daß die Brüter-Technologie auch im Jahre 2050 noch keinen kostendeckenden Strom produzieren wird. Interessiert waren sie an dem Brutreaktor nur so lange, wie ihnen der Staat das gefährliche Forschungsspielzeug nahezu vollständig finanzierte.

Auch Unionsexperte Stavenhagen geht davon aus, daß die Elektrizitätsmanager das Ende des Brüters nicht sonderlich bedauern würden. Sie können die Schuld an der Fehlinvestition den Politikern aufbürden. Stavenhagen: »Die warten nur darauf]«

Zweifel am Sinn des Brüters wie auch des vier Milliarden Mark teuren Hochtemperaturreaktors S.71 kommen inzwischen selbst Unionspolitikern. Folgeprojekte für die beiden Demonstrationsanlagen sind nicht in Sicht. Für den Weiterbau spricht aus Unionssicht vorrangig nur noch, daß ein Abbruch nicht viel billiger käme als die Vollendung.

»Wenn wir noch einmal vor der Entscheidung stünden, damit anzufangen«, meint Stavenhagen, »dann sähe das anders aus.«

Das gilt wohl auch für den Hochtemperaturreaktor. Dringend benötigte 510 Millionen Mark für den Weiterbau dieser Anlage am östlichen Ende des Ruhrgebiets sollen durch ein Darlehen der Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH, die den Strom produzieren will, gedeckt werden. Diese »Betreiber-Gesellschaft« wird die Millionen nur pumpen, wenn der Bund dafür geradesteht. Daran jedoch hapert es.

Sowohl der Wirtschaftsminister als auch der Finanzminister sperren sich jedoch gegen eine Bürgschaft. Beide Ressortchefs bemängeln, daß nicht klargelegt werde, wie der Reaktor bis zur Fertigstellung finanziert werden soll.

»Eine Lösung ist nur durch eine kurzfristige politische Crash-Aktion auf Leitungsebene machbar«, fordern die Beamten des Forschungsministeriums in einem internen Vermerk an ihren Chef.

Die Aktion müßte sich auch gegen die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH wenden; dieses Unternehmen, Eigentum der Stromfabrikanten, soll den Schmehausen-Reaktor dermaleinst betreiben. Sie müßte sich zudem an die »Hochtemperatur-Reaktorbau-Gesellschaft« (HRB) richten; diese Firma, zu 55 Prozent dem Elektrounternehmen BBC gehörend, erstellt das Demonstrationsprojekt.

Den Elektrizitätsunternehmen werfen die Beamten vor, keine konkreten Absichten für ein Nachfolgeprojekt auf eigene Kosten erkennen zu lassen. Ohne ein solches Nachfolgeprojekt aber, das hat BBC-Vorstandsmitglied Wolfgang Mattick schon im November 1981 erkannt und verkündet, habe die Fertigstellung keinen Sinn.

Zusätzlich bezweifeln die Riesenhuber-Experten »aufgrund des bisher gezeigten Verhaltens«, daß die Stromfirmen den »Prototypreaktor mit dem notwendigen Einsatz« betreiben werden. Mangelndes Engagement aber könne sich auf das Betriebsergebnis auswirken und somit Einfluß auf »die Inanspruchnahme des Risikobeteiligungsvertrages und die Tilgung der verbürgten Darlehen haben«.

Im Klartext: Die Beamten fürchten auch für den Fall, daß der Reaktor ans Netz geht, hohe Staatszuschüsse.

Noch heftiger fällt die Schelte für die Baugesellschaft, die BBC-Tochter HRB, aus. »Insgesamt bestand der Eindruck«, heißt es über ein Gespräch mit dem BBC-Vorstandsvorsitzenden Herbert Gassert, »daß BBC aus dem Vertrag aussteigen würde, wenn dies ohne Verlust an Geld und Ansehen möglich wäre.«

Die Versuchung für die Lenker des Mannheimer Unternehmens ist groß genug. Bei einem Ende der Bauarbeiten am Hochtemperaturreaktor müßte die BBC-Gruppe laut Liefervertrag nur noch 20 Millionen Mark bezahlen. Bis zur Fertigstellung hätte sie dagegen noch über 100 Millionen Mark zuzuschießen. Fazit der Riesenhuber-Experten: »Das Risiko für den Hochtemperaturreaktor ist nicht kalkulierbar.«

Für den Fall, daß die vielen Unwägbarkeiten beim Hochtemperaturreaktor wie beim Schnellen Brüter zum vorzeitigen Bauende führen, könnte Minister Riesenhuber sich an die Firma Miller & Miller wenden, Auktionatoren in Fort Worth, Texas. Das Unternehmen betreibt vom 4. April an »eine der größten Auktionen der Welt«.

Miller & Miller versteigern in Surgoinsville, Tennessee, den zu etwa einem Drittel fertiggestellten Siedewasserreaktor Phipps Bend mit Ausrüstung und Material im Wert von zwei Milliarden Dollar. Der Eigner, die Tennessee Valley Authority, ist zu dem Ergebnis gekommen, daß sich der Weiterbau nicht mehr lohnt.

Die Erfahrungen von Miller & Miller beim Verschleudern unvollendeter Reaktoren könnten Riesenhuber vielleicht bald nützlich sein.

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