ROHSTOFFE Labile Situation
Malaysia, verriet kürzlich Rohstoffminister Paul Leong, hat Ungewöhnliches vor: Die Zentralbank will als Währungsreserve nicht mehr Gold einlagern, sondern Zinn.
So seltsam sie zunächst scheint, so einleuchtend ist die Idee auf den zweiten Blick. Denn Malaysia ist der Welt größter Zinnproduzent.
Der asiatische Staat liefert fast ein Drittel der gesamten Welt-Zinnproduktion. Würde Malaysia seine Schätze horten, könnte es die meisten Industriestaaten, die Zinn für ihre Elektronik-Industrie benötigen, in arge Bedrängnis bringen.
Die Malayen wissen inzwischen, was andere Rohstoff-Produzenten auch längst erkannt haben: Politische Krisen wie in Afghanistan und Iran, Kriegsangst und Inflationsfurcht, drastische Ölverteuerung und rapider Wertverfall der Währungen haben Rohstoffe zu einem krisenfesten Investment gemacht.
Nach dem Run auf Gold und Silber sind Experten inzwischen davon überzeugt, daß institutionelle und private Anleger in vielen Ländern der Welt ihr Geld in Rohstoffe umtauschen. Gefragt ist alles, was nicht beliebig vermehrbar ist und stets gebraucht wird: Kupfer und Blei etwa, Platin, Titan, Kobalt und Stahlveredler wie Chrom.
Die Entwicklung beim Öl habe gezeigt, beschreiben die Volkswirte der Commerzbank die neue Lage, »daß nicht allein der Preis, sondern auch die Menge zum Problem geworden ist«.
Die meisten Verarbeiter interessieren sich inzwischen mehr dafür, daß sie S.158 überhaupt produzieren können, als dafür, die Kosten für die Rohware niedrig zu halten.
Tatsächlich wären fast alle Industrienationen an ihrem Lebensnerv getroffen, wenn einzelne Rohstoffproduzenten ihre Lieferungen einstellten. In kurzer Zeit wären -- auch in der Bundesrepublik -- Hunderttausende von Arbeitsplätzen bedroht.
Fachleute des Bonner Wirtschaftsministeriums haben Chrom als den Stoff erkannt, der das größte Risiko birgt. Über 96 Prozent der Weltvorräte an Chrom -- unentbehrlich in vielen hochwertigen Spezialstählen -- lagern in Südafrika und Rhodesien, in zwei politisch überaus instabilen Ländern also.
Die Bundesrepublik bezieht aus dem südlichen Afrika immerhin 48 Rohstoffe. Neben Chrom gelten Asbest, Wolfram und Mangan als besonders anfällig für Versorgungsstörungen.
Auf der Liste der politisch gefährdeten Rohstoffe stehen aber auch Kobalt und Platin, Antimon und Vanadium, Molybdän, Titan und Niob/Tantal ganz oben.
Die deutsche Industrie bezieht etwa 15 Prozent der benötigten Chromerze und 23 Prozent des Ferrochroms aus der Sowjet-Union. Daß die Russen ihre Partner mit verzögerten Lieferungen in ernste Schwierigkeiten bringen können, haben sie bereits bewiesen.
So lieferten die Sowjets im vergangenen Jahr plötzlich kein Titan mehr, offenbar weil sie wegen verstärkter Rüstungsanstrengungen selbst alle produzierten Mengen brauchten. Französische und deutsche Flugzeugbauer konnten Titan, das fast so leicht ist wie Aluminium und hart wie Stahl, nur mit Mühe in Fernost kaufen -- zu überhöhten Preisen.
Politische Spannungen gefährden nicht nur die Importe, sie treiben auch die Preise. Die Verbraucher versuchen, Vorräte anzulegen; je eifriger sie dabei sind, desto rascher geht es auch mit den Preisen aufwärts.
Obendrein verbrauchen die Industrienationen selbst bei mäßigem Wachstum immer mehr Rohstoffe -der globale Bedarf wird sich nach Expertenschätzungen bis zum Jahr 2000 etwa verdoppeln. Weil gleichzeitig die Zahl der Entwicklungsländer steigt, die zum Industriestaat heranwachsen, wird auch die Konkurrenz um die Versorgung zunehmend härter.
Und für die knapper werdenden Angebote muß zunehmend mehr gezahlt werden. So kauften die Sowjets im vergangenen Jahr plötzlich auf dem Weltmarkt große Mengen Blei, das sie offenbar -- in Autobatterien -- für ihr forciertes Motorisierungsprogramm sowie für den beschleunigten Ausbau der S.159 Atomwirtschaft brauchen. Die Bleipreise erreichten dadurch zeitweilig Rekordhöhen.
In der Bundesrepublik sind Rohstoffe bereits seit längerem die entscheidenden Inflationstreiber. Binnen Jahresfrist wurden Rohstoffe bis Dezember 1979 um durchschnittlich 21 Prozent teurer, rechnet das HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung vor. Unter Einschluß der Energierohstoffe war das Preisniveau sogar um 39 Prozent höher als ein Jahr zuvor.
»Rohstoffe werden 1980 kaum billiger«, formulieren vorsichtig die HWWA-Ökonomen. Das Gegenteil, weiter steigende Preise, ist in der Tat wahrscheinlicher.
Denn selbst wenn, wie erwartet, weltweit die Konjunktur wieder mehr lahmen sollte, werden die Rohstoffproduzenten frühzeitig bemüht sein, die Preise hochzuhalten. Sie werden das Angebot verknappen, wenn sie damit die Preise nach oben drücken können.
Überdies müsse damit gerechnet werden, so die HWWA-Forscher, daß sich die »labile Situation wichtiger Währungen an den Devisenmärkten in Sicherungskäufen und entsprechenden Preisausschlägen auf den Rohstoffmärkten niederschlägt«.
Jagen die Rohstoffpreise weiter nach oben, schlägt das zwangsläufig auf die Verbraucherpreise durch. Schon meinen professionelle Konjunkturbeobachter, die von der Bundesregierung für dieses Jahr angepeilte Inflationsrate von höchstens 4,5 Prozent sei zu niedrig angesetzt.
Anders als in den letzten Jahren können die Bundesdeutschen sich nicht mehr darauf verlassen, daß die Mark an den internationalen Devisenbörsen gegenüber dem Dollar ständig aufgewertet wird. Der Anstieg der Rohstoffpreise wurde bislang zum Teil durch den Kursgewinn der Mark gegenüber dem Dollar wieder ausgeglichen.
Nun aber läßt der Aufwertungsdruck nach, seit feststeht, daß die Bundesrepublik zum erstenmal seit 1965 mit ihrer Leistungsbilanz (Saldo zwischen importierten und exportierten Gütern, Leistungen und Zahlungen) nachhaltig ins Minus rutschte. Das Defizit von neun Milliarden Mark könnte in diesem Jahr auf das Doppelte wachsen.
Und das würde bedeuten, daß sich die deutsche Leistungsbilanz innerhalb von zwei Jahren um 35 Milliarden Mark verschlechtert hat.
Den Bundesdeutschen wird damit die Öl- und Rohstoffrechnung präsentiert. Ziehen die Preise weiter davon, würde die Bundesrepublik vielleicht schon bald auch zum chronischen Defizitland -- mit schwacher Mark und sinkendem Lebensstandard.