Länderrisiko: Groteske Nachrichten aus den USA - DER SPIEGEL
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Länderrisiko Groteske Nachrichten aus den USA

Die Kritiker des Wirtschaftsbooms in Amerika werden gerne mit allerlei Statistiken mundtot gemacht. Mittlerweile nimmt diese Schönfärberei aber schon groteske Züge an.
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Nachricht blieb weitgehend unbemerkt. "US-Wirtschaftsboom hilft Niedriglohnempfängern", so war zu lesen. Na bitte, endlich, ein Glück werden sich Wirtschaftsinteressierte mit sozialem Gewissen gedacht haben. Dann hätte der riesige Wirtschafts- und Aktienboom ja wirklich nicht nur die Reichen noch reicher gemacht, sondern auch den Niedrigverdienern etwas gebracht.

Man könnte sich also in Ruhe und befriedigt zurücklehnen, die neuesten Kurse beobachten und auf die nächsten Wirtschaftszahlen warten. Letztlich scheinen wir also alle von goldenen Wirtschaftzeiten zu profitieren. Denn immerhin 9,2 Prozent hat das Einkommen der am schlechtesten bezahlten amerikanischen Arbeiter und Angestellten in den letzten Jahren zugenommen, so die Studie "State of Working America", den das Washingtoner Economic Policy Institute (EPI) jetzt vorgelegt hat.

Doch wer nun nicht umgeblättert, sondern weitergelesen hat, stößt auf folgende Merkwürdigkeit: Im selben Zeitraum, in dem ihr Einkommen um 9,2 Prozent gestiegen ist, musste eine durchschnittliche Familie jedoch 246 Stunden oder fast sechs Wochen länger arbeiten. Nun gut, wird man jetzt sagen: Ohne Fleiß kein Preis.

Doch plötzlich wird die Merkwürdigkeit zur Groteske: Hier wird eine Prozentzahl mit einer absoluten Zahl verglichen. So etwas macht man immer dann, wenn man etwas im Unklaren lassen möchte. So auch hier: Denn da das Jahr nur 52 Wochen hat, bedeutet eine sechswöchige Verlängerung der Arbeitszeit in jedem Falle eine Zunahme um über 10 Prozent.

Doch wer mindestens 10 Prozent länger arbeitet und dafür nur 9,2 Prozent mehr Einkommen erhält, dessen Position hat sich nicht verbessert, sondern vielmehr verschlechtert. Die Niedriglohnempfänger haben deshalb vom gegenwärtigen Boom eben nicht profitiert, sondern verloren.

Die USA müssen daher durchaus aufpassen, dass sie nicht bald mit der statistischen Peinlichkeit einer negativen Arbeitslosenrate konfrontiert werden. Denn wenn bald wirklich jeder zwei Jobs braucht, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dann liegt die Arbeitslosigkeit exakt bei minus 100 Prozent. Doch die raffinierten Statistiker werden ganz sicher vermeiden, dass so ein Ergebnis tatsächlich einmal herauskommen wird.