Langer Abend - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 42 / 100

LADENSCHLUSS Langer Abend

Ein Stuttgarter Großkaufhaus will abends länger aufhalten - Konkurrenten und Gewerkschafter sind in Aufregung.
• aus DER SPIEGEL 17/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zahlungskräftigen Kunden ist das Stuttgarter Kaufhaus Breuninger längst ein Begriff. Auf rund 40 000 Quadratmetern wird eine so erdrückende Auswahl exquisiter Kleider, Kosmetika, Schmuckstücke und Elektrogeräte geboten, daß Kenner den Vergleich mit berühmten Vorbildern wie dem New Yorker Bloomingdale's nicht scheuen.

In Gewerkschaftskreisen ist das feine Familienunternehmen neuerdings ebenfalls ein Begriff, wenn auch nicht der Auswahl wegen: Breuninger will sich als erstes Großkaufhaus in der Bundesrepublik an dem umstrittenen Dienstleistungsabend beteiligen, den Bonn im Einzelhandel durchsetzen möchte.

Schon seit Monaten müht sich die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) zusammen mit den großen Kaufhaus-Konzernen, den zum 1. September vorgesehenen langen Donnerstag durch Betriebsvereinbarungen zu unterlaufen. Bei den aktuellen Tarifverhandlungen in der Einzelhandelsbranche wollen die HBV-Funktionäre die bisherige Ladenschlußzeit endgültig festschreiben.

Die Verweigerungstaktik war bislang erfolgreich. Fast alle großen Konzerne wie Hertie, Horten, Kaufhof oder Karstadt wollen ihre Tore weiterhin um 18.30 Uhr schließen statt, wie von der Bundesregierung gewünscht, erst um 21 Uhr. Auch der Lebensmittelfilialist Rewe-Leibbrand und die SB-Warenhausgruppe Allkauf möchten von einem langen Einkaufsabend zumindest vorerst nichts wissen.

Der stellvertretende HBV-Vorsitzende Dieter Steinborn empfahl der Bonner Regierung daher schon, sie solle »den Dienstleistungsabend zu den Akten legen«. Andernfalls, warnte der HBV-Vize, werde das geplante Gesetz sich als gigantischer »Etikettenschwindel« entpuppen.

Doch der Funktionär hat wohl zu früh gejubelt. Mit den geschäftstüchtigen Schwaben hat die Bundesregierung nun erstmals mächtige Verbündete im Ringen um großzügige Einkaufsmöglichkeiten gewonnen.

»Wenn Breuninger aufsperrt«, sagt der Stuttgarter HBV-Sekretär Werner Wild, »müssen alle anderen nachziehen. Dann sind all unsere Vereinbarungen nichts mehr wert.« Wild hat den Ernst der Lage voll erkannt. Dank seiner Marktmacht kann Breuninger die Konkurrenz zum Einlenken zwingen - und das nicht nur in Stuttgart.

Mit einem Umsatz von knapp 700 Millionen Mark und rund 4000 Beschäftigten ist Breuninger eines der größten Kaufhäuser auf dem europäischen Kontinent. Neben dem Stuttgarter Stammhaus, das seine Stärke vor allem im Angebot an Textilien sieht, und zwei weiteren Filialen in Sindelfingen und Ludwigsburg hat Breuninger auch in anderen bundesdeutschen Metropolen Tochterfirmen, zum Beispiel in Düsseldorf und Würzburg.

Erst Anfang des Jahres hatten die Schwaben 50 Prozent der Hamburger Textilkette Von Spreckelsen gekauft. Das Familienunternehmen besitzt in Norddeutschland rund zwei Dutzend Ladengeschäfte. Bis Anfang der neunziger Jahre will Breuninger die Kette ganz übernehmen.

Kein Wunder, daß HBV-Sekretär Wild und seine Mitstreiter versuchen, Breuninger zu stoppen. So will die HBV zum Beispiel den Beschluß des Breuninger-Betriebsrats anfechten, beim langen Donnerstag mitzumachen.

Da der Bundestag das neue Ladenschlußgesetz noch nicht verabschiedet habe, argumentieren die HBV-Juristen, verstoße die Entscheidung gegen geltendes Recht. »So ein Blödsinn«, kontert der Breuninger-Betriebsratsvorsitzende Helmuth Bohnenstengel. »In dem Papier steht doch ausdrücklich drin, daß wir erst loslegen, wenn die Bundesregierung grünes Licht gegeben hat.«

Noch massiver wollten die Funktionäre der HBV gegen den unbotmäßigen Betriebsratschef selbst vorgehen. Durch sein Eintreten für den Dienstleistungsabend verstoße Bohnenstengel gegen Beschlüsse der Organisation, meint die HBV.

Die Gewerkschaftszentrale setzte deshalb ihren Mann vor Ort, wo immer es ihr möglich war, unter Druck: Sie drohte Bohnenstengel mit dem Ausschluß aus der Gewerkschaft; und sie wollte dafür sorgen, daß der Kollege, der in Esslingen SPD-Stadtrat ist, bei den Kommunalwahlen im Oktober nicht mehr als Kandidat aufgestellt wird.

Der Betriebsrat ließ sich nicht weichklopfen: »Die HBV ist doch keine Kontrollinstanz, der gegenüber der Betriebsrat seine Handlung zu rechtfertigen hätte.« Anfang April zog er von sich aus die Konsequenzen und trat aus der Gewerkschaft aus.

Derweil laufen die Vorbereitungen für den langen Einkaufsabend bei Breuninger auf Hochtouren. Schon seit Ende Oktober vergangenen Jahres bereitet eine Arbeitsgruppe aus Lehrlingen, Verkäuferinnen und Führungskräften, im Hausjargon »Do 21« genannt, das Ereignis vor.

Zur Zeit sind die Beschäftigten im Kaufhaus Breuninger dabei, den Dienstleistungsabend Abteilung für Abteilung bis ins letzte Detail durchzuspielen. Nur die Kunden fehlen noch. Mit der Generalprobe will die Geschäftsführung klären, wie viele Kräfte am langen Donnerstag zusätzlich eingestellt werden müssen.

Selbst die Stadt will mitmachen: Die Verkehrsbetriebe wollen durch zusätzliche Busse und Bahnen den Verkäuferinnen die späte Heimfahrt erleichtern.

Daß längere Öffnungszeiten sinnvoll und vielleicht ohnehin nicht mehr zu verhindern sind, haben inzwischen offenbar auch die Beschäftigten in anderen Unternehmen erkannt. »Streng vertraulich« erkundigte sich kürzlich der Betriebsratschef eines Stuttgarter Großkaufhauses, wie weit die Vorbereitungen für den Dienstleistungsabend bei Breuninger gediehen seien.

Da er selbst und ein Großteil der Belegschaft insgeheim für den langen Donnerstag seien, schrieb der Arbeitnehmervertreter an den Breuninger-Mann, möchte er gern mit den Kollegen Kontakt halten. Unter einer Bedingung: Die Gewerkschaft dürfe nichts davon wissen. #

Wolfgang Malanowski
Zur Ausgabe
Artikel 42 / 100