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Korruption Langer Arm

Als erster prominenter Wirtschaftsführer Italiens gab Olivetti-Chef De Benedetti freiwillig Schmiergeldzahlungen zu.
• aus DER SPIEGEL 21/1993
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Als Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen verfolgte Carlo De Benedetti jahrelang nur ein Ziel: Er wollte als dynamischer Unternehmer und geschickter Finanzjongleur anerkannt werden.

Nun jedoch hat »Tiger Carlo«, wie der Chef und Großaktionär der Computerfirma Olivetti in Italien hochachtungsvoll genannt wird, seine Ansichten geändert. »Früher«, gibt er zu, »wollte ich reich werden. Heute interessiert mich am meisten die Entwicklung der Gesellschaft.«

Den Wandel des Olivetti-Chefs bekamen als erste die Staatsanwälte in Mailand zu spüren. Unaufgefordert und ohne Druck präsentierte De Benedetti, 58, den Ermittlern des Spezialkommandos Mani pulite (Saubere Hände) ein elfseitiges Bekennerschreiben.

Rückhaltlos gibt der Olivetti-Chef darin zu, daß seine Firma in den achtziger Jahren Millionensummen als Bestechungsgelder an staatliche Auftraggeber gezahlt hat. Allein an das Postministerium flossen innerhalb von vier Jahren mehr als elf Millionen Mark.

De Benedetti ist nicht der erste Unternehmer, der über die Bakschisch-Mentalität im skandalgeschüttelten Italien berichtet. Zuvor hatten schon verschiedene Manager des Autokonzerns Fiat zugegeben, beträchtliche Summen an Politiker und Staatsbeamte gezahlt zu haben.

Doch anders als die per Haftbefehl gesuchten Fiat-Manager kam De Benedetti freiwillig. Noch vor wenigen Wochen hatte er allerdings abgestritten, jemals Schmiergelder gezahlt zu haben.

Der Verdacht, daß er die Unwahrheit gesagt hatte, verdichtete sich aber. Mit seinem Besuch beim Staatsanwalt vermied der als virtuoser Stratege bekannte Olivetti-Chef vermutlich nur eine peinliche Vorladung; oder gar eine Verhaftung.

Im Gefängnis sitzen schon Manager der schwedischen Firma Ericsson und des britischen Konzerns GEC-Marconi, verhaftet wurde auch der Chef der italienischen Siemens-Niederlassung (siehe Kasten).

Gleichwohl löste die Beichte des Präsidenten des fünftgrößten Privatunternehmens in Italien einen gewaltigen Wirbel aus. »Sogar Olivetti hat gezahlt«, titelte eine italienische Tageszeitung.

Mehr als 5000 Milliarden Lire (5,5 Milliarden Mark), so schätzen die Juristen der Abteilung Mani pulite, wechselten im Kreislauf von Erpressung und Korruption in Italien jährlich den Besitzer.

Ein Großteil der gigantischen Summe, behauptet De Benedetti, sei in Wahrheit kein Schmiergeld gewesen. Systematisch hätten Politiker und Beamte die Industrie erpreßt: »Wer nicht zahlte, war außen vor.«

Der Aufsteiger aus Turin hatte Anfang 1978, nach diversen Finanzspekulationen und einem kurzen Gastspiel im Fiat-Vorstand, eher zufällig ein großes Aktienpaket der maroden Büromaschinenfirma Olivetti übernommen. Zielstrebig steuerte er das Wachstum versprechende EDV-Geschäft an und baute Olivetti zu einem dynamischen Konkurrenten im europäischen Computermarkt um.

Inzwischen jedoch hat die flaue Konjunktur auch die Italiener eingeholt. Seit zwei Jahren steckt Olivetti wieder tief in den roten Zahlen (siehe Grafik Seite 105).

Anfangs, beschreibt De Benedetti seine Erfahrungen mit den Großabnehmern in Behörden und Staatsunternehmen, habe Olivetti dem »starken, aber noch erträglichen Druck« widerstehen können. Mit »großzügigen direkten Zuwendungen an die Schatzmeister der Parteien« glaubte De Benedetti sich die Sympathie der Herrschenden erhalten zu können.

Tiger Carlo hatte sich wohl geirrt. Seit Mitte der Achtziger nämlich registrierte er »ein beeindruckendes Crescendo der Drohungen und Erpressungen«. Schließlich erreichten die Forderungen der Regierungsparteien, allen voran der Christdemokraten und Sozialisten, »fast das Stadium von Gangstertum«.

Weil sich Olivetti zunächst weigerte, dem Druck nachzugeben, stand die Firma zum Beispiel bei der staatlichen Eisenbahn auf der schwarzen Liste. Olivetti wurde selbst von kleinsten Aufträgen ausgeschlossen und nicht einmal aufgefordert, Angebote für neue Computer oder Büromaschinen abzugeben.

Die Folge waren nicht nur Umsatzeinbrüche im Heimatmarkt. Auch im Ausland, etwa bei den Schweizerischen Bahnen oder bei der niederländischen Post, stießen die Olivetti-Abgesandten auf Mißtrauen. Eine Firma, die nicht einmal im eigenen Land gut im Geschäft war, so meinten die Einkäufer im Ausland, könne ja nichts Gescheites zustande bringen.

Schließlich sackten die Geschäfte, die Olivetti mit italienischen Staatsbetrieben erzielte, auf weniger als fünf Prozent des Konzernumsatzes. Statt dessen gingen die Aufträge an ausländische Konkurrenten wie IBM, Bull oder Siemens.

Um nicht ganz aus dem Geschäft zu fliegen, vereinbarte De Benedetti Anfang 1988 mit dem Postministerium, bei allen staatlichen Aufträgen zwei Prozent der Rechnungssumme als Kommission zu zahlen.

Das Zugeständnis wirkte Wunder. Plötzlich flossen die Aufträge reichlich. Doch Ende 1991 stellte Olivetti die Schmiergeldzahlungen wieder ein.

Prompt wurde Olivetti erneut vom Geschäft ausgeschlossen. Doch der lange Arm der politischen Kaste reichte offensichtlich noch weiter. Plötzlich erschien in den italienischen Zeitungen eine ganze Serie mysteriöser Meldungen über schwere Konstruktionsfehler an den Olivetti-Computern.

Das war, behauptet De Benedetti, »ein gezielter Racheakt«. Doch erst jetzt könne er die »Vorherrschaft der Korruption demaskieren«, ohne das ganze Unternehmen aufs Spiel zu setzen.

Der Mailänder Generalstaatsanwalt, der die Kommission Mani pulite leitet, denkt anders über das lange Schweigen der italienischen Industriellen. Die Schuld der Großunternehmen, so seine Maxime, sei größer; »denn sie hatten die Macht, den Geldforderungen stärkeren Widerstand entgegenzusetzen«.

[Grafiktext]

_105b Gewinne des Computer-Herstellers Olivetti''86 bis ''90

[GrafiktextEnde]

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