MANAGER Langer Weg
Der neue Boß gab sich gelöst: »Das kam ja völlig überraschend«, witzelte er am Mittwoch vorletzter Woche, als der Aufsichtsrat sein Votum bekanntgab.
Bernhard Plettner, 56, war zum Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG gekürt worden -- zum dritten Vorstandschef des Elektrotrusts nach dem Kriege. Nach VW hatte damit auch das zweitgrößte deutsche Unternehmen (12,6 Milliarden Mark Umsatz, 300 000 Beschäftigte) in diesem Jahr seinen Chefstuhl neu besetzt.
Anders als bei VW aber verlief der Machtwechsel programmiert: Der Pfälzer Plettner war seit drei Jahren Stellvertreter seines Vorgängers Gerd Tacke; der Herbstabschied des Schlesiers Tacke, 65, war seit langem geplant.
Im Wittelsbacher Palais beschwor der neue Konzernherr denn auch gleich nach seiner Wahl »die Kontinuität des Siemens-Managements«. Von der Personalpolitik des Käfer-Konzerns in Wolfsburg, bei dem ein Auto-Laie -- Kurt Lotz -- zum Generaldirektor ernannt und dann nach erfolgloser Geschäftsleitung schnell wieder geschaßt wurde, wollte er die Führungsprinzipien seines Unternehmens schaff getrennt sehen: »Ich könnte mir nicht vorstellen. daß unser Aufsichtsrat eine solche Dummheit wie bei VW jemals begangen hätte.«
In der Tat geht kein anderes Unternehmen in der Bundesrepublik bei der Auswahl seiner Spitzenmanager so häuslich vor wie der Münchner Elektrotrust: Wer bei Siemens Karriere machen will, muß nach Möglichkeit bereits als Lehrling dort anfangen.
Der gesamte Vorstand des 124 Jahre alten Unternehmens setzt sich aus Siemens- Veteranen zusammen, die zumeist schon vor dem Krieg von der Firma als Sachbearbeiter eingestellt worden waren. Lediglich Finanzchef Heribald Närger, 47, kam 1963 als Karrierist von außen (er war vordem stellvertretendes Vorstandsmitglied der Bayerischen Vereinsbank).
Plettner begann seine Laufbahn bei Siemens 1940 als Projektingenieur; sein Vorgänger Tacke heuerte bei den Elektroproduzenten 1932 als Lagerrevisor an. Zu den Glaubenssätzen des Unternehmens gehört, Führungskräfte langsam auszubilden und bedächtig zu befördern.
Beinahe nichts kann den neuen Generaldirektor Plettner so sehr in Wallung bringen wie »das Verhalten erfolggewohnter amerikanischer Großmanager« -- jenes Job-Karussell unter den US-Direktoren von einer Branche in die andere. »Die Komplexität der heutigen Fertigungstechniken«, so meint er, fordere Spezialkenntnisse, die immer erst -- nach Jahren erreicht werden könnten: »Wie lange braucht denn jemand beim SPIEGEL, bis er dort zurechtkommt?«
Der Diplomingenieur aus Oberlahnstein will sich daher ganz besonders für die Ausbildung des hauseigenen Führungsnachwuchses einsetzen. Seine erste Arbeit wird eine neue Ausbildungskonzeption für Jungmanager sein, mit der er in Kürze »das Image der Betulichkeit, das uns nachgesagt wird« verbessern möchte.
Die 1966 aus den drei Unternehmen Siemens-Schuckert, Siemens Halske und den Siemens Reinigerwerken fusionierte Gesellschaft will er »kollegial« führen: Die sechs Organisationsbereiche des Konzerns (Energie-, Nachrichten-, Installations- und Datentechnik sowie medizinische Technik und Bauelemente) -- so Plettner -- »laden mich unentwegt ein. Über ganze Berge von Fragen sind wir dauernd im Gespräch«.
Anders als sein Vorgänger Tacke ist Plettner in seinen Formulierungen nüchtern und penibel; die verbale Gewandtheit des in Leipzig aufgewachsenen Tacke fehlt ihm. »Plettner ist«, urteilt ein Insider, »weniger blumenreich. Er geht à la Rommel an die Front.«
Der neue Boß ist allerdings auch nicht so sensibel wie sein Vorgänger. Tacke, der erst mit 62 Jahren den Vorstandsvorsitz übernahm, war in den 50er Jahren ob seiner sächsischen Sensibilität sogar für den Vorstand als ungeeignet erklärt worden, Auf seine Mitarbeiter wirkte der Diplomvolkswirt oftmals unausgeglichen; von Plettner erwarten sie mehr »Bonhomie«.
In seinem 40 Quadratmeter großen Chefzimmer zu ebener Erde am Wittelsbacher Platz hängen bei Plettner vier Motive des Windmühlenritters Don Quichotte. Dem Manager »liegt diese Figur« des spanischen Schwärmers, dessen Vorstellungen stets in Widerspruch zu seinen Handlungen standen. Don Quichotte soll ihn daran erinnern, »die Dinge zu relativieren, mit denen ich mich täglich herumzuschlagen habe«.
Fünf Pferdezeichnungen, die gleich. falls seine Suite schmücken, bebildern sein Hobby: An den Wochenenden reitet Plettner im Frankenland.
Nach den Glaubensmaximen im Traditionskonzern -- Kontinuität im Management -- wird Plettner aller Wahrscheinlichkeit noch neun Jahre, bis zu seiner Pension, Hausherr in München bleiben. »Heißa«, so ein Mitarbeiter, »auf in die Plettner-Ära!«