STREIK Last verschoben
Dem Vorstandssprecher der Württembergischen Metallwarenfabrik WMF, Wilfried Bromm, wird »ganz schwarz vor Augen«, wenn er an die Aussichten seines Unternehmens im nächsten Jahr denkt.
Herbert Brauch, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Autozubehör-Firma Eberspächer in Esslingen, fürchtet, daß die Belastungen »nicht aus unserem Gewinn gedeckt werden können«. Und auch Ekhard Freiherr von Maltzahn sieht für die von ihm geführte Maschinenfabrik Voith in Heidenheim schwere Zeiten voraus: »Alles in allem werden sich die Lohnkosten um rund 25 Prozent erhöhen.«
Die Manager aus dem Schwäbischen hantieren mit großen Zahlen und düsteren Drohungen. seit 88,8 Prozent der IG-Metaller des Tarifbezirks Nordwürttemberg/Nordbaden letzte Woche beschlossen, für einen neuen Manteltarif in den Streik zu ziehen, und so die erste Runde in einem über Konjunktur und Preise entscheidenden Arbeitskampf eröffneten.
Dabei stehen die eigentlichen Lohnverhandlungen einstweilen noch nicht einmal auf dem Programm. Zwischen Mannheim und Stuttgart, Heilbronn und Heidenheim kämpfen Kollegen aus der Metallindustrie für Verdienstsicherung und Kündigungsschutz älterer Arbeitnehmer, für längere Pausen am Fließband und die schriftliche Garantie eines Mindesteinkommens für Akkordarbeiter.
Genau um diese letzte Forderung feilschen Arbeitgeber und Gewerkschaften seit Monaten. Die IG Metall wollte für die nach Akkord entlohnten Werkzeugmacher, Karosseriebauer oder Elektromonteure 140 Prozent des sogenannten Tarifrichtsatzes (derzeit 5,86 Mark) durchsetzen. Um zehn Prozentpunkte ließ sich IG-Metall-Bezirksleiter Steinkühler durch den von beiden Seiten. bestellten Schlichter herunterhandeln. Doch auch diesen Kompromiß lehnten die Unternehmer dankend ab: Sie seien nicht bereit, den »Tod des Leistungslohnes zu dulden.
In internen. Kostenrechnungen hatten sie inzwischen errechnet, wie teuer sie »die Humanität der Arbeitswelt« (Steinkühler) zu stehen käme. Freilich -- das Resultat reduzierte sich von Woche zu Woche. Zunächst hatten die Stuttgarter Metallarbeitgeber noch behauptet, alte Vorschriften des von den Gewerkschaften akzeptierten Schlichtungsvorschlags würden sich, zu stattlichen »30 bis 35 Prozent« Lohnzuschlag addieren. Kurz darauf ermäßigte sich die Kostenbelastung auf die Hälfte.
Und in der vergangenen Woche, angesichts der heraufziehenden Streiks, wurden die Kalkulationen noch freundlicher. Einzelne Arbeitgeber schätzten nun ihre Zusatzkosten so gering, daß sie dem Arbeitgeberverband signalisierten, sie seien an einem Arbeitskampf nicht interessiert.
Genau diese Haltung ihrer Unternehmerfreunde aber verbitterte die Verbandsoberen. Denn: Falls die IG Metall ihr Konzept durchsetzt, wird sich -- zunächst im Württembergischen und später in allen anderen Tarifbezirken -- Entscheidendes ändern: Nach geltenden Abmachungen nämlich müssen zumindest theoretisch »die Akkordarbeiter ihrem Arbeitgeber nachweisen, daß eine Minderleistung nicht durch eigene Schuld, sondern etwa durch das Durchbrennen einer Sicherung verursacht wurde. Nur dann haben sie Anspruch auf ihre gewohnten Zuschläge.
Diese Beweislast soll nach den IG-Metall-Plänen künftig verschoben werden. »Den Arbeitgeber«, klagte der Verband der Metallindustrie Baden-Württemberg, »trifft die Darlegungs- und Beweispflicht, daß die Minderleistung in der Person oder dem Verhalten des Arbeitnehmers begründet ist.«
Ärger noch als die neuen Pflichten schreckt die Unternehmer jedoch die kurz nach dem Konflikt um die Klauseln des Manteltarifvertrags beginnende eigentliche Lohnrunde. Denn auch optimistische Unternehmer glauben inzwischen nicht mehr daran, mit einem Lohnzugeständnis von weniger als zwölf Prozent davonkommen.
Selbst dieser Abschluß müßte in zähen Lohnkämpfen erhandelt werden. Denn noch verlangen Betriebsräte und Vertrauensleute in den Betrieben der Metallindustrie wesentlich mehr: Lohnforderungen zwischen 15 und 20 Prozent sind inzwischen branchenüblich geworden (SPIEGEL 40/1973).
Bei derlei anspruchsvollen Wünschen der Gewerkschaftsbasis fühlen sich die Arbeitgeber schon jetzt auf den Beistand der Bundesregierung angewiesen, die der Stabilität zuliebe an mäßigeren Lohnabschlüssen dringend interessiert ist.
Überdies hoffen die Industriellen auf die Knauserigkeit der Gewerkschafter. In vertraulichen Gesprächen erinnerten Mitglieder des Arbeitgeberverbandes die Kollegen von der IG Metall an den für die Streikkasse teuren Arbeitskampf von 1971. Damals hatte die IG Metall bei der Bank für Gemeinwirtschaft Kredite aufnehmen müssen, da die Kasse wegen der in Wertpapieren fest angelegten Gewerkschaftsgelder nicht langte. Inzwischen, mahnten die Industrie-Lobbyisten, seien Kredite nicht billiger, und die alten Schulden seien überdies noch nicht getilgt worden.
Ob diese Argumente ankommen, ist allerdings auch den Arbeitgebern überaus zweifelhaft. Denn bei den Gewerkschaften hat sich längst herumgesprochen, daß alle Metallindustriellen zu Unternehmersolidarität im Arbeitskampf kaum bereit sind. Hanns Martin Schleyer, Daimler-Benz-Vorstand und designierter Präsident der Deutschen Arbeitgeberverbände, resignierend: »In der Hochkonjunktur und in der Rezession fällt manchem die Aussperrung leichter als in den schwierigen konjunkturellen Zeiten, die wir jetzt haben. Da will niemand mit Lieferungen in Verzug kommen oder Aufträge verlieren.«