MAKLER Laut oder leise
Es ist wenige Minuten nach neun Uhr morgens, als Christian Bahrs in der ehemaligen Kantine der Karlsruher Nähmaschinenfabrik Singer zum Hammer langt. In den nächsten neun Stunden wird er das Schlag-Werkzeug nur einmal kurz zur Seite legen - für eine knapp halbstündige Mittagspause.
Bahrs hat viel zu tun an diesem Tag und an den nächsten beiden Tagen auch: Der Auktionator muß alle Maschinen und sonstigen Betriebseinrichtungen des Singer-Werks an den Meistbietenden losschlagen. Von der Universal-Fräsmaschine bis zum Putztuchständer, von der vollautomatischen Pulverpresse bis zur schlicht möblierten Frühstücksecke sollen rund 3000 Anlagen und Ausrüstungsstücke unter den Hammer kommen.
»Freiwillig« sei die Versteigerung, nicht etwa eine Zwangsauktion, betont Bahrs zu Beginn, um die Schar der über 700 Bieter auf angemessene Preise einzustimmen. Ein allzu günstiges Schnäppchen liegt wohl nicht drin.
Schließlich ist Nähmaschinen-Riese Singer ja nicht pleite, sondern hat das Werk von sich aus dichtgemacht. Nähmaschinen sind bei deutschen Hausfrauen kaum noch abzusetzen, für eine Exportproduktion liegen die Arbeitskosten im Badischen viel zu hoch.
Die Direktoren des Weltkonzerns Singer aus Stamford im US-Bundesstaat Connecticut waren es leid, die Betriebsverluste ihrer deutschen Tochter (1980/ 81: 13 Millionen Mark) noch länger hinzunehmen. Sie beschlossen, die Karlsruher Produktion nach anderen Konzern-Stützpunkten zu verlagern.
Insgesamt 1030 Positionen hat sich Bahrs für den ersten Tag vorgenommen - etwa 30 Sekunden pro Einzelposten. Kein Problem für den Auktionator: Er ist ein bestens trainierter Profi.
Bahrs arbeitet für die Hamburger Firma Horst F. G. Angermann, das einzige deutsche Unternehmen, das sich auf den Verkauf von anderen Unternehmen, von Industrie-Immobilien und von Maschinen aus zweiter Hand spezialisiert hat. Und in schlechten Zeiten haben Industrie-Auktionen Hochkonjunktur.
»Geht es der Wirtschaft gut, verkaufen wir komplette Unternehmen«, berichtet Harry Harders, Leiter des Ressorts Maschinen und Anlagen im Hause Angermann, »geht es der Wirtschaft weniger gut, verkaufen wir mehr Betriebsteile und Produktionsanlagen, und geht es der Wirtschaft schlecht, versteigern wir die Maschinen Stück für Stück.«
Bis Mitte der siebziger Jahre, als Pleiten noch nicht so häufig wie heute waren, hatte das Haus Angermann denn auch vornehmlich am Verkauf »lebender« Unternehmen verdient. »Auch heute noch«, so Firmeninhaber Horst Ferdinand Gerd Angermann, »sehen wir darin unsere Hauptaufgabe.«
Die Firmen, die mit Angermanns Hilfe den Eigentümer wechseln, sind meist mittelständische Unternehmen mit bis zu 2000 Beschäftigten. Bei den Großverkäufen dagegen, bei Beteiligungen an Konzernen etwa, lassen sich die Hausbanken dieser Unternehmen das lukrative Maklergeschäft nicht entgehen.
An den Hamburger Firmen-Makler wenden sich vor allem Familienunternehmer, die ihren Betrieb verkaufen wollen - weil sie im Wettbewerb nicht mehr mithalten können oder weil der Nachfolger für die Chefposition fehlt.
Jene Angermann-Kunden, denen das Geld ausgegangen ist, haben sich in den letzten Jahren besonders vermehrt. Meist kommen die Notleidenden zu spät: S.66 Ist die Pleite absehbar, steigen andere nicht mal mehr zum Null-Tarif ein. Die Interessenten warten erst einmal den Konkurs ab, bevor sie noch verwertbare Unternehmensteile übernehmen.
Angermann schätzt, daß 60 Prozent der Unternehmen zu retten gewesen wären, wenn die Inhaber sich ein Jahr früher an ihn gewandt hätten. Aber »die Unternehmer zögern«, so der Makler, »bis sie dann am Grabe stehen«.
So versuchte Angermann vergeblich, für den österreichischen Skifabrikanten Kneissl einen kapitalstarken Partner zu finden. Erst als die Firma pleite war, setzten andere Unternehmen die Kneissl-Produktion fort.
Findet Angermann auch nach dem Konkurs noch keinen Käufer für das gesamte Werk, bleibt nur die Versteigerung der Maschinen. »Wenn wir leise nicht zum Erfolg kommen«, trennt Angermann-Manager Harders das diskrete Makler- vom offenen Auktions-Geschäft, »dann werden wir eben laut.«
Auf die laute Tour schlug Angermann 1981 den Maschinenpark von 30 Firmen mit dem Hammer los - darunter 13 Unternehmen, die pleite gegangen waren. In diesem Jahr hat das Unternehmen bislang acht Auktionen durchgezogen - so beim Farbfernsehröhren-Hersteller Videcolor, beim Leichtmotorrad-Produzenten Kreidler und in einem Frankfurter VDM-Werk.
Die umfangreichste Auktion für Routinier Bahrs ist Singer. Ob ein Sinter-Druckluftofen (Zuschlag für 68 000 Mark) oder ein Posten Werkzeugkisten (50 Mark) - Angermanns stimmstärkster Angestellter zieht die Versteigerung von teuren Anlagen wie billigem Ramsch in fast gleich hohem Tempo durch.
So braucht er nur Sekunden, um die Gebote für eine Universalfräsmaschine von 30 000 Mark auf 48 000 Mark hochzulocken. Umgekehrt zögert er auch kaum mit dem Zuschlag, als sich für eine andere Fräsmaschine statt der zunächst geforderten 35 000 Mark nur ein Preis von 30 000 Mark erzielen läßt.
Bei Position 146, einer zehn Jahre alten Funkenerodiersenkmaschine, dauert es dann aber mehrere Minuten, bis der Hammer fällt. »180 000 ist meine Preisvorstellung«, eröffnet Bahrs die Auktion des wertvollsten Einzelstücks aus Singers Maschinen-Kollektion.
Kein Bieter hebt den Arm. »40 000«, kommt nach einer Pause ein erstes Gebot aus dem Saal. »So tief fang'' ich nicht an«, weist Bahrs das Gebot zurück. Und auch die 80 000 Mark, die ein zweiter Interessent bietet, sind dem Auktionator noch viel zu niedrig. »Unter 120 000 geb'' ich die Anlage nicht her«, legt der Auktionator seine Preisuntergrenze offen.
Am Ende klettern die Gebote doch noch über das Limit. Für 140 000 Mark erhält der erfolgreiche Bieter die robuste Anlage, die einst über 350 000 Mark gekostet hat. Selbst bei 13 Prozent Mehrwertsteuer und zehn Prozent Kavelingsgeld,
( Kaveling (aus dem Holländischen) ist ) ( die Mindestmenge, die bei einer Auktion ) ( ersteigert werden muß. )
die noch zusätzlich zu zahlen sind, ist der Käufer da gut bedient.
Den Zehn-Prozent-Aufschlag streicht das Auktionshaus ein. Damit deckt es zunächst einmal seine Kosten - beispielsweise den Aufwand für das Schätzen, für die Auktionswerbung und für die gesamte -organisation. Ein paar Prozentpunkte des Kavelingsgeldes sind dann der Gewinn für die Auktionsfirma.
Wieviel Gewinn das Makler-, Auktions- und Beratungsgeschäft des Hauses Angermann insgesamt abwirft, verschweigt Alleininhaber H.F.G. Angermann hanseatisch-vornehm. Bekannt ist nur, daß die Maklerfirma mit 65 Mitarbeitern Objekte im Wert von etwa 300 Millionen Mark im Jahr vermittelt.
Die teuerste gewerbliche Immobilie, die Angermann je makelte, war das Kröpcke-Center in Hannover. Für 51,4 Millionen Mark verkaufte die Maklerfirma den Geschäftsbau im Auftrag der Norddeutschen Landesbank 1981 an die Deutsche Grundbesitz Invest, eine Tochter von Deutscher Bank, Commerzbank und Wüstenrot.
Industriemakler Angermann, »noch« Mitglied der SPD, nimmt für sich in Anspruch, seinen Beruf selbst »kreiert« zu haben. Im Jahr 1954, als er seine Firma gründete, gab es noch niemanden, der sich auf den Handel mit Unternehmen und Industrie-Immobilien spezialisiert hatte.
Angermanns Startkapital waren ein paar Ersparnisse und die 10 000 Mark, die ihm die Mitgesellschafter einer Hamburger Außenhandelsfirma als Abfindung gezahlt hatten. Das Geld reichte, um wenige Jahre nach Firmengründung den ersten Coup zu landen.
Die britische Marine hatte 1957 beschlossen, ihren Flottenstützpunkt Scapa Flow auf den Orkney-Inseln abzureißen. Der ehemalige Leutnant zur See Angermann witterte ein Bomben-Geschäft. Er makelte den Verkauf der demontierten Lagerhallen, Unterkunftsbaracken und anderer Installationen an deutsche Interessenten.
Etwa zur gleichen Zeit kam Angermann auch mit der Royal Air Force ins Geschäft: Er vermittelte den Verkauf von 250 britischen Flugzeughallen aus Fertigteilen an die deutsche Industrie.
Wenn Angermann heute versteigert, lädt er rund um den Globus ein. 20 000 Versteigerungs-Kataloge mit dem Singer-Inventar hat sein Haus verschickt. Neben Mittelständlern aus der Südwestecke der Bundesrepublik hocken Firmen-Repräsentanten aus Spanien, Italien, England, Frankreich, Dänemark, Israel und den USA in Singers Ex-Kantine. Der Auktions-Besucher mit der längsten Anreise ist ein Anlagen-Händler aus dem kalifornischen San Diego.
Für den allerdings hat sich die Reise nicht gelohnt. Als der Drei-Zentner-Mann aus Übersee schon am zweiten Auktionstag abreist, registriert Harders: »Der hat keine müde Mark hiergelassen, der wollte nur abstauben.«
Andere ließen dafür um so mehr Geld da. »Unsere Schätzwerte«, zieht Harders am Ende der Auktion Bilanz, »sind deutlich überschritten worden.«
S.66Kaveling (aus dem Holländischen) ist die Mindestmenge, die bei einerAuktion ersteigert werden muß.*