Medien Lawine losgetreten
Werner Klatten diktierte noch ein paar Hausmitteilungen, telefonierte mit seinen Anwälten und entschwand Anfang vergangener Woche in den Urlaub. Entnervt vom Streit mit seinen Gesellschaftern, wollte sich der Geschäftsführer des Kommerzkanals Sat 1 ein paar Tage Erholung gönnen.
Richtig entspannen wird Klatten kaum. Diesen Donnerstag muß er wieder ins Geschäft. Dann treffen sich, morgens um 9.30 Uhr, im Sitzungssaal der Mainzer Senderzentrale die Eigentümer zu einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung.
Viel mehr als stummer Zeuge wird Klatten diesmal nicht sein. Sein umstrittener Großeinkauf von Spielfilmen, für die Rekordsumme von 756 Millionen Mark, steht nur am Rande zur Debatte.
Vergleichsweise unbedeutend wird auch die Personalie Klatten sein, die auf der Tagesordnung ausgedruckt ist. Der Sat-1-Gesellschafter Leo Kirch will dem Geschäftsführer Klatten das Vertrauen der Eigentümer aussprechen lassen.
Die Gesellschafter des Kommerzsenders haben Wichtigeres zu bereden: Sie wollen sich gegenseitig aus ihrer Fernsehanstalt verjagen. Bei Sat 1 geht es spannender zu als in den Reißern, die der Sender nonstop abspult.
Zwei Medienmächte stehen sich zu allem entschlossen gegenüber: das Hamburger Verlagshaus Springer (Bild, Welt) auf der einen Seite, der Münchner Filmgroßhändler Leo Kirch auf der anderen (siehe Grafik Seite 122).
Überraschend hatte Mitte Mai Springer-Chef Peter Tamm den Ausschluß Kirchs aus dem gemeinsamen Sender ins Programm der Sitzung gebracht. Kirch habe, heißt es, dem Sender großen Schaden zugefügt. Die Begründung werde mündlich vorgetragen.
Kirch kontert auf seine Weise und verlangt nun seinerseits den Springer-Konzern aus der Gesellschaft auszuschließen. Genaue Begründung folgt ebenfalls Donnerstag.
Die gegenseitigen Rauswurfanträge haben zunächst nur Propagandawert. Mehrheiten sind nicht drin, die jeweils betroffene Seite darf bei derartigen Begehren nicht mitstimmen. Ohnehin wird der Krieg an anderer Stelle ausgetragen. Die in vielerlei Rechtshändel verstrickten Parteien werden sich wohl auch in diesem Streitfall durch die juristischen Instanzen hetzen.
Und was geschieht unterdessen mit Sat 1, neben RTL plus einer der beiden großen privaten Fernsehsender? »Hier wird eine Lawine losgetreten«, klagt Sat-1-Chef Klatten, »unter der unser Sender begraben zu werden droht.«
Klatten selbst hat an den Vorbereitungen für das Begräbnis kräftig mitgewirkt: Angetrieben von Kirch, kaufte der TV-Manager für Sat 1 Anfang April ein gewaltiges Filmpaket, 1300 Titel für alles in allem 756 Millionen Mark. Verkäufer war offiziell die Schweizer MH Medien-Handels AG des Metro-Gründers Otto Beisheim; der allerdings hatte die Filme zuvor von Kirch erworben.
Ebenso verbittert wie erfolglos hatte sich Springer gegen den Filmhandel gewehrt; die Springer-Leute wie auch der den Hamburgern verbundene dritte Gesellschafter APF sahen sich durch das »deutlich überteuerte« (Springer) Geschäft von Kirch ausgenommen. Mit dem Stimmenverhältnis von vier gegen vier war der Deal im Aufsichtsrat abgelehnt worden. Klatten kaufte dennoch, über eine eigens gegründete Gesellschaft.
Der Trick half wenig. Mitte Mai erklärte das Mainzer Landgericht den umstrittenen Großeinkauf für nichtig. Auch dieser Fall wird die Gerichte voraussichtlich dauerhaft beschäftigen.
Vergebens jammerte Klatten, er brauche dringend die Ware aus dem Kirch/ Beisheim-Filmpaket. Programmzeitschriften drucken bereits Warnhinweise ab. »Bedingt durch einen Rechtsstreit«, heißt es da etwa, »sind in dieser Woche leider größere Programmänderungen bei Sat 1 möglich.«
Der Krach zwischen Kirch und Springer hat unterdes dafür gesorgt, daß fast nur noch diese beiden Medien-Gewaltigen über die Geschicke des Fernsehsenders befinden können. Die meisten Anteilseigner haben sich davongemacht oder wurden vergrault. Mitte April trennten sich auch Helmut Guthardt und seine DG Bank von ihrem Anteil am Sat-1-Gesellschafter PKS. Guthardt ist der Hausbankier von Kirch. Während der Affäre um die DG Bank, die sich mit französischen Geldhäusern um Anleihe-Milliarden stritt, hatte Springers Bild völlig wirklichkeitsfern getextet: »DG Bank - Millionen Sparer in Angst«. Guthardt mußte fürchten, daß Springer in diesem Stil weitermacht.
Immerhin hatte Tamm vergeblich versucht, die Anteile der DG Bank zu übernehmen. Trotz des Gebots von bis zu 300 Millionen Mark ging das Paket, zu einem entschieden geringeren Preis, an Kirch.
Unlängst übernahm der Münchner Medien-Mogul auch die AV Euromedia des Stuttgarter Großverlegers Dieter von Holtzbrinck (Wirtschaftswoche, Handelsblatt). Zusammen mit dem Kirch-Freund Diether Stolze hielt Holtzbrinck über die AV Euromedia 15 Prozent an dem Sender.
Er habe Befürchtungen, begründete von Holtzbrinck seinen überraschenden Ausstieg, daß seine Verlagsgruppe durch die ständigen Konflikte Schaden nehmen könnte. Schlagzeilen wie »Skandal bei Sat 1« (Bild) in Springer-Blättern, die gegen Kirch und den Kommerzkanal gerichtet waren, hatten den öffentlichkeitsscheuen Verleger genervt.
Nun fürchtete von Holtzbrinck Springer-Attacken gegen das eigene Unternehmen. Schließlich hatte sich Tamm schon lange über den Stuttgarter Verleger geärgert, weil der im Aufsichtsrat stets mit Kirch gestimmt hatte und so die mögliche Mehrheit der Verlegerseite verhinderte.
Ihm gegenüber, schrieb Tamm vergangene Woche erbost an seinen ehemaligen Mitgesellschafter, habe »Herr Dr. Kirch schon vor dem offiziellen Verkauf Ihrer Anteile erklärt, er würde über die Stimmen Ihres Hauses verfügen«.
Sat 1 wird wohl noch eine ganze Weile mit seinen kriegführenden Gesellschaftern leben müssen. Weder Kirch noch Tamm läßt Kompromißbereitschaft erkennen.
Entspannung dürfte es nur mit einer neuen Besetzung geben. Die könnte, so die Hoffnung bei Sat 1, Günter Wille heißen. Der Manager, gegenwärtig noch Vorstandschef der Münchner Tabakfirma Philip Morris ("Marlboro"), soll spätestens im Mai nächsten Jahres in den Springer-Vorstand wechseln und dort als Tamm-Nachfolger eingearbeitet werden.
Doch das braucht seine Zeit. Tamms Vertrag als Springer-Lenker läuft noch bis Mitte 1993.