Lebensversicherer Ungenutzte Freiheit
Mehr Hedge-Fonds und Rohstoffe, zudem Immobilienaktien und außereuropäische Anlagen so könnte bald ein Portfolio deutscher Lebensversicherer bestückt sein. Das Bundesfinanzministerium plant eine neue Anlageverordnung, die die Investment-Freiheiten ausweiten soll. Zum genauen Inhalt und Zeitpunkt schweigt das Ministerium allerdings noch.
Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zufolge dürfte die Verordnung jedoch im September oder Oktober in Kraft treten. Sie soll der Assekuranz gestatten, künftig bis zu 10 statt bislang 5 Prozent des gebundenen Vermögens in Hedge-Fonds zu investieren. Auch Investments auf Rohstoffindizes sollen künftig möglich sein, zudem dürfen Versicherer dann auch außerhalb Europas sowie im Rahmen ihrer maximalen Immobilienquote von 25 Prozent in börsennotierte Real Estate Investment Trusts (Reits) investieren.
Vor allem Hedge-Fonds können Lebensversicherungs-Portfolios bereichern. Denn auch wenn Hedge-Fonds in der Öffentlichkeit vor allem als hochspekulative Investments wahrgenommen werden: Das Ziel vieler Manager ist, eine marktunabhängige Rendite zu erreichen, ohne zu große Risiken einzugehen. Da sie dazu auch Anlagen fernab der Aktienmärkte einsetzen, entwickeln sich Hedge-Fonds oft unabhängig vom Auf und Ab an der Börse und können ein Portfolio effizienter machen.
Die Versicherer scheint das jedoch wenig zu interessieren. Schon jetzt schöpft kaum einer die erlaubte 5-Prozent-Grenze aus. Bislang entfallen gerade mal 0,5 Prozent der Kapitalanlagen deutscher Versicherer auf Hedge-Fonds. Die Zahl zeigt, dass die Branche grundsätzlich eher risikoavers ist. Außerdem scheinen die Anbieter Chancen und Risiken sowie die Gebühren, etwa für das Management, sehr genau gegeneinander abzuwägen, sagt Volker Greve, Leiter des Kompetenzzentrums Finanzanlagen bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin).
Hedge-Fonds: zu riskant, zu schwer kontrollierbar
Einige Beispiele: Marktführer Allianz Leben hat diese Anlageklasse überhaupt nicht im Portfolio, und das, obwohl die konzerneigene Plattform für alternative Investments 10 Milliarden Dollar in Hedge-Dachfonds verwaltet. Auch die Talanx-Töchter Aspecta und HDI-Gerling Leben verzichten derzeit auf die umstrittene Anlageklasse. Rüdiger Will, Finanzvorstand bei der HDI-Gerling-Leben-Gruppe: Gerade Hedge-Fonds geraten immer wieder in negative Schlagzeilen, sind zudem häufig sehr riskant und schwer kontrollierbar. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen, ist schwierig.
Die bisher höchste Hedge-Fonds-Quote in der Branche hat nach eigener Aussage die Gothaer. Das Haus hält 4 Prozent seines gebundenen Vermögens in den Fonds viel mehr soll es auch nicht werden. Finanzvorstand Jürgen Meisch: Wir ordnen derzeit unsere Hedge-Fonds-Investments neu und wollen die Quote dabei auf 5 Prozent erhöhen.
Doch nicht nur die Angst vor unkalkulierbaren Risiken ist ein Grund für die Branche, Abstand von den alternativen Investments zu nehmen. Es gibt noch einen anderen: die Angst, den Stresstest der Bafin nicht zu bestehen. Mit dieser Szenarioanalyse prüft die Aufsicht regelmäßig, inwieweit die Lebensversicherer mittlere oder extreme Schwankungen am Kapitalmarkt verkraften. Der Knackpunkt: Die Behörde wertet die Volatilität der Hedge-Fonds im Test wie die der Aktien.
Das hält Meisch für unangebracht: Es ist kontraproduktiv, ein Investment, das nur so gering schwankt wie ein Rentenportfolio, mit einem Aktiendepot zu vergleichen. Dies zwinge die Versicherer geradezu, ihre Hedge-Fonds-Quote niedrig zu halten, wollen sie nicht schlechter im Stresstest abschneiden. Die Gothaer will die künftige Obergrenze erst dann ausreizen, wenn der heutige Stresstest zum Beispiel durch Solvency II ab 2010 ersetzt werden sollte.
Nach dieser EU-Richtlinie muss die Assekuranz bis 2010 die mit ihren Policen und Kapitalanlagen verbundenen Risiken mit Eigenkapital unterlegen. Dabei wird es weniger auf den exakt definierten Anteil einer Anlageklasse im Portfolio ankommen, sondern auf die Qualität der einzelnen Investments und das Gesamtrisiko des Versicherers.
Unterstützung findet Meisch bei der Lebensversicherung von 1871 (LV 1871). Es ist aufsichtsrechtlich ein Minuspunkt, dass Hedge-Dachfonds im Stresstest wie Aktien gewertet werden. Das ist nur bei Single-Fonds angebracht, meint Wolfgang Reichel, Bereichsleiter Kapitalanlagen bei LV 1871. Die Gesellschaft hält insgesamt knapp 2 Prozent des gebundenen Vermögens in alternativen Investments wie Hedge-Fonds und Private Equity, jeweils über Dachfonds, und plant den Ausbau beider Segmente. Wir wollen die Hedge-Fonds-Quote in den nächsten fünf Jahren schrittweise auf bis zu 5 Prozent erhöhen, so Reichel.
Rohstoffanlagen sind hingegen für die Münchener kein Thema. Die Volatilität und damit das Risiko seien zurzeit viel zu hoch. Auch die Gothaer will die neue Freiheit nicht nutzen, dafür habe die Gesellschaft nach Aussage von Meisch schlichtweg keine Kompetenz.
Regionale Einschränkungen nicht mehr zeitgemäß
Auf etwas mehr Interesse stößt hingegen die regionale Ausweitung der Anlagemöglichkeiten. Laut Belegenheitsvorschrift sind Versicherer bisher weitgehend an die Länder des europäischen Wirtschaftsraums gebunden. GDV-Sprecher Peter Schwark: Künftig dürfen sie auch in den Mitgliedsstaaten der OECD investieren sowie in anderen Staaten, sofern die damit verbundenen Risiken sorgfältig geprüft sind. Damit sind beispielsweise Investments in den USA, Kanada, Japan oder Australien möglich.
Die Allianz Leben begrüßt diesen Plan. Die Belegenheitsvorschrift ist nicht mehr zeitgemäß. Allerdings schränkt sie uns kaum ein. Die Änderung holt formaljuristisch nur nach, was durch Einzelregelungen schon heute möglich ist, erläutert Andreas Gruber, Fachbereichsleiter Investment Management. Eine Abschaffung rufe deshalb keine großen Umschichtungen im Portfolio hervor. Denn bereits jetzt müsse etwa eine japanische Aktie lediglich an einer europäischen Börse notieren und ein US-Immobilienfonds in Europa aufgelegt sein, um für ein Investment infrage zu kommen.
Auch die Gothaer wertet den Wegfall der Vorschrift positiv, wenngleich ihre Anlageexperten ohnehin nicht vor Landesgrenzen stoppen. Vorstand Meisch: Wir wählen beispielsweise Konstruktionen wie GmbH & Co. KGs, um über Partnership oder geschlossene Immobilienfonds in US-Portfolios zu investieren. Die Gebühren solcher Strukturen drückten die Rendite allerdings bis zu einem halben Prozent, insofern würden Investments künftig rentabler.
Darüber hinaus sollen Versicherer bald in Reits investieren dürfen. Wir begrüßen diesen Punkt, erwarten aber keine allzu große Resonanz seitens der Gesellschaften. Denn leider hat der Gesetzgeber den Versicherern nicht erlaubt, eigene Reits zu gründen, sagt Schwark vom GDV. Er glaubt auch nicht, dass die anderen neuen Obergrenzen künftig ausgeschöpft werden: Für uns zählt, dass sich der Anlagespielraum überhaupt vergrößern wird. Denn das bereitet uns auf Solvency II vor.