Telekommunikation Leere Versprechen
Für den Konzernlenker war es Liebe auf den ersten Blick: »Zwischen der Veba und der Telekommunikation«, frohlockte Ulrich Hartmann kurz nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren, habe es »mächtig gefunkt«.
Entsprechend legte sich der Manager ins Zeug: Schon in wenigen Jahren, versprach er vollmundig, werde der Düsseldorfer Mischkonzern zum »führenden Telekommunikationsanbieter« nach der Telekom aufgestiegen sein. Rund sechs Milliarden Mark werde die Veba in neue Dienste und Leitungen investieren.
Der Lohn für diesen Kraftakt, versprach der Veba-Boß den Aktionären, sei fürstlich: Rund zehn Prozent Marktanteil könne der Konzern nach dem Wegfall des Telefonmonopols 1998 erobern. Bei einem Markt, den Experten schon in wenigen Jahren auf ein Umsatzvolumen von 100 bis 120 Milliarden Mark schätzen, würden damit rund 10 bis 12 Milliarden jährlich in die Kassen der Veba fließen.
Von den hochtrabenden Plänen ist wenig geblieben. Im Poker um den Zukunftsmarkt Telekommunikation steht Hartmann mit dem Rücken an der Wand. Geplante Bündnisse kamen nicht zustande, ein schlüssiges Konzept, wie die zusätzlichen Milliarden verdient werden sollen, ist nicht in Sicht.
Konkurrenten wie die Stromproduzenten RWE und Viag oder der ehemalige Röhrenkonzern Mannesmann haben die Veba weit hinter sich gelassen. Der Unmut im eigenen Konzern über Hartmann wächst.
Vergangene Woche gab sogar Finanzchef Kurt Lauk entnervt auf. Der international angesehene Manager hatte immer wieder vor übertriebenen Erwartungen gewarnt und Hartmanns Pläne, weitere Milliarden in die Telefoninfrastruktur zu stecken, auch öffentlich kritisiert - ohne Erfolg. Nun wechselt Lauk zum Daimler-Benz-Konzern nach Stuttgart.
Bis vor wenigen Monaten sah es so aus, als würden Hartmanns ehrgeizige Pläne tatsächlich aufgehen. Anfang 1995 hatte der Konzernchef der verblüfften Konkurrenz ein Bündnis mit der englischen Telefongesellschaft Cable & Wireless präsentiert. Schon vorher war Veba mit einem knapp 30prozentigen Anteil beim Mobilfunkbetreiber E-Plus eingestiegen.
Das neue, dynamische Image des einst biederen Chemie- und Energiekonzerns zahlte sich aus. Der Kurs der Veba-Aktie (siehe Grafik) stieg unaufhaltsam.
Doch den Höhenflügen der Startphase folgte ein Mißerfolg nach dem anderen. So hatte der Vorsitzende schon vor eineinhalb Jahren eine »Kooperation mit der Deutschen Bahn AG« angekündigt. Zusammen wolle man entlang der Bahntrassen ein schnelles Telefon- und Datennetz errichten, um von den teuren Mietleitungen der Telekom unabhängig zu werden.
Eine Absichtserklärung, so Hartmann, sei bereits unterschrieben, nur die Aufsichtsräte müßten noch zustimmen. Einen Vertrag mit der Bahn gibt es bis heute nicht, auch kein eigenes flächendeckendes Telefonnetz, auf das die Veba zurückgreifen könnte.
Das sicherte sich vor zwei Wochen Mannesmann. Nach monatelangem Tauziehen mit Thyssen erhielt der ehemalige Röhrenkonzern den Zuschlag zu einer 49,8prozentigen Beteiligung an der Bahntochter DBKom, die sämtliche Rechte an dem 40 000 Kilometer langen Telefonnetz entlang der Trassen hält. Hartmann ging leer aus.
Auch im Poker um eine Zusammenarbeit mit der englischen Telefongesellschaft British Telecom, einem der größten Anbieter auf dem Weltmarkt, konnte der Veba-Chef keinen Erfolg verbuchen. Als sich im Frühjahr durch Kooperationsgespräche zwischen Cable & Wireless und British Telecom die Chance auftat, den größten englischen Telefonkonzern als Partner zu gewinnen, kämpfte Hartmann ebenfalls auf verlorenem Posten. Die Kooperation scheiterte, British Telecom will in den nächsten Wochen einen Pakt mit den Konkurrenten RWE und Viag endgültig besiegeln.
Auf der letzten Hauptversammlung der Veba im Mai kündigte Hartmann den Aktionären dann ein europäisches Jointventure mit der italienischen Telefongesellschaft Stet an. Auch von diesem Plan ist nicht mehr viel zu hören. Es gebe Verzögerungen, heißt es jetzt.
Derweil haben die Konkurrenten kräftig aufgerüstet. Neben dem Superbündnis zwischen RWE, Viag und British Telecom ist mit Mannesmann, der DBKom und dem amerikanischen Telefonriesen AT&T eine zweite große Allianz entstanden. Im Kampf um Marktanteile, der 1998 voll entbrennen wird, werden den beiden Telefonriesen von allen Experten die besten Chancen eingeräumt.
Besonders Mannesmann hat sich hervorragende Ausgangsbedingungen geschaffen. Mit dem Bahnnetz steht eine Infrastruktur zur Verfügung, die sich zügig ausbauen läßt. Die Teilnehmerzahlen im Mobilfunknetz D2 wachsen seit Jahren, und mit AT&T steht einer der erfahrensten Anbieter von Telefondienstleistungen zur Seite. Das Bündnis von Veba und Cable & Wireless gilt angesichts solcher Übermacht auf dem deutschen Markt als chancenlos - der Aktienkurs fällt seit Tagen.
Hartmann versucht hektisch, die zahlreichen Einzelaktivitäten wie E-Plus, die angeschlagene Telefongesellschaft Meganet oder den Satellitenfunk Iridium in ein vernünftiges Konzept zu integrieren. Doch die Zeit drängt, denn im Konzern regt sich inzwischen Widerstand.
Die mächtigen Gebietsfürsten der Veba, die Spitzen von Stinnes, Raab Karcher, Aral oder PreussenElektra hatten das Telekommunikationsengagement des Konzernchefs schon immer kritisch begleitet. Nach dem Weggang des Finanzvorstandes wittern einige Gegner des Hartmann-Kurses ihre Chancen.
Doch der Veba-Boß hält fürs erste an seinem Konzept fest. Anfang September will er dem Aufsichtsrat eine neue Vorlage präsentieren, in der die weiteren Planungen im Telekommunikationssektor skizziert würden. Bereits jetzt gibt sich Hartmann kämpferisch: »Wir fahren unser Engagement nicht zurück.« Zur Zeit verhandele die Veba mit einigen hochkarätigen Partnern, heißt es.
Ob dem Veba-Chef der große Befreiungsschlag tatsächlich gelingt, wird in der Branche bezweifelt. Marktführer Telekom hat bereits reagiert: »Von der Liste unserer ernsthaften Konkurrenten«, so Telekom-Vorstand Herbert May, »ist die Veba schon seit Wochen gestrichen.«
[Grafiktext]
Aktienkurs der Veba gegenüber dem Dax
[GrafiktextEnde]