Lehrstellenkatastrophe Es fehlen 140.000 Jobs
Berlin - Unmittelbar vor Beginn der Beratungen appellierte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn deshalb an die Betriebe, im eigenen Interesse Lehrlinge anzunehmen. In der älter werdenden Gesellschaft sei es umso wichtiger, dass die wenigen jungen Leute eine gute Berufsausbildung bekämen, sagte sie im ZDF-Morgenmagazin. Die Berufsausbildung liege in erster Linie in der Verantwortung der Wirtschaft, und es sei nicht verantwortbar, sich aus kurzfristigen Gründen, etwa bei wirtschaftlichen Problemen, dieser Pflicht zu entziehen.
Bulmahn und Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement wollen den Unternehmern für jeden zusätzlichen Ausbildungsplatz ein zinsgünstiges Darlehen bis zu 100.000 Euro anbieten. Außerdem soll unter anderem die Ausbildereignungsverordnung für mehrere Jahre außer Kraft gesetzt werden.
Laut "Berliner Zeitung" droht jedoch die Einführung einer Ausbildungsabgabe zum Zankapfel des Lehrstellengipfels zu werden. Die Teilnehmer hätten sich vorab nicht auf einen entsprechenden Passus in einer gemeinsamen Erklärung einigen können. Uneinigkeit bestehe auch in Bezug auf eine Aussage zur Tarifpolitik.
Gewerkschaften fordern Zwangsabgabe für Lehrlinge
Auch in anderen Punkten gehen die Vorstellungen von Gewerkschaften und Arbeitgebern weit auseinander. Während die Arbeitgeber unter anderem einen mehrjährigen Lohnstopp für Lehrlinge sowie Kurzausbildungen für nur praktisch begabte Jugendliche fordern, lehnen die Gewerkschaften dies ab und bestehen darauf, dass Schröder seine Ankündigung, staatliche Zwangsmaßnahmen gegen nicht ausbildende Betriebe zu verhängen, in die Tat umsetzt.
In dieser Frage sind sich aber auch die Regierungsparteien nicht völlig einig. Grünen-Fraktionschefin Krista Sager drohte mit einer Lehrstellenumlage für nicht ausbildende Betriebe. Der wirtschaftspolitische SPD-Fraktionssprecher Klaus Brandner regte einen von allen Unternehmern gespeisten Fonds an, aus dem überbetriebliche Ausbildungsplätze finanziert werden.
Arbeitgeber dämpfen die Hoffnungen auf Lehrstellenboom
Unabhängig von einer Einigung auf dem Lehrstellen-Gipfel machten die Arbeitgeber jedoch auch deutlich, dass sie sich in der Pflicht sehen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt versprach im WDR-Morgenmagazin, die Wirtschaft werde alle Anstrengungen unternehmen, um die Nachfrage nach Lehrstellen so weit wie möglich zu befriedigen. Dazu seien aber auch konsequente Schritte von Politik und Gewerkschaften erforderlich.
Allzu große Hoffnungen dämpfte jedoch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wandsleben. Er sagte der "Stuttgarter Zeitung", wegen der schlechten konjunkturellen Lage sei dieses Jahr mit weniger Lehrstellen zu rechnen. Statt einer Ausbildungsplatzabgabe schlug Wandsleben eine Art Ablösesumme vor: "Man kann sich schon vorstellen, dass die ausbildenden Betriebe einen finanziellen Ausgleich bekommen, wenn die Auszubildenden unmittelbar nach der Lehre auf eigenen Wunsch das Unternehmen verlassen." Damit erhielten die Unternehmen einen Teil der Investitionskosten zurück.