Leichen im Keller - DER SPIEGEL
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BANKEN Leichen im Keller

Die HypoVereinsbank kommt nicht zur Ruhe: Ein ehemaliger Manager wurde verhaftet, die Führung wackelt.
Von Dinah Deckstein und Wolfgang Reuter
• aus DER SPIEGEL 12/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ermittler hatten es eilig. Am Freitag abend vorletzter Woche präsentierten sie einem ehemaligen Generalbevollmächtigten der Hypo-Bank den Haftbefehl. Der Banker durfte noch das Nötigste einpacken, dann chauffierten ihn die Beamten nach Stadelheim, dem Gefängnis der bayerischen Landeshauptstadt.

Das ganze Wochenende verbrachte der Beschuldigte hinter Schloß und Riegel. Ihm wird im Zusammenhang mit der Vergabe von Immobilien-Krediten neben Untreue auch Bestechlichkeit vorgeworfen.

Auf die Spur des Bankers kam die Staatsanwaltschaft im Rahmen ihrer Ermittlungen gegen vier Vorstände des Instituts, das in den vergangenen beiden Jahren für faule Immobilien-Kredite insgesamt fünf Milliarden Mark zurückstellen mußte - in etwa der Betrag, den die Bank als stille Reserve in die Fusion mit der Vereinsbank einbrachte.

Am darauffolgenden Montag packte der Banker aus und belastete die ehemalige Führung des Finanzhauses, aber auch Kollegen und Untergebene schwer. Prompt weitete die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen stark aus.

Durch die Aussage des Beschuldigten ist der Druck auf Ex-Hypo-Chef Eberhard Martini und seinen ehemaligen Finanzvorstand, den jetzigen Chef der Hamburger Vereins- und Westbank, Werner Münstermann, noch stärker geworden. Gegen die beiden wird - wie auch gegen die Ex-Vorstände Hans Fey und Klaus Heiss - wegen Untreue und Bilanzfälschung ermittelt. Doch an Rücktritt denken Münstermann und Martini offenbar nicht.

Den Großaktionären, vor allem der Allianz, kommt die Affäre denkbar ungelegen. Ihr Zorn richtet sich gegen den Vorstandschef der HypoVereinsbank, Albrecht Schmidt. Der ehrgeizige Banker hatte das Verfahren Ende Oktober ausgelöst, indem er Altlasten der Hypo von 3,5 Milliarden Mark öffentlich anprangerte. Die Ermittlungen gegen die ehemalige Hypo-Spitze, fürchten die Kapitalvertreter, könnten das gesamte deutsche Finanzgewerbe in Mißkredit bringen.

Die Staatsanwälte bringen aber auch die ehemaligen Aufsichtsräte der Hypo, die heute teilweise die HypoVereinsbank kontrollieren, in die Bredouille. Sie müssen sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Haben sie die ungedeckten Risiken gekannt? Wenn ja, dann sind sie Mitwisser. Wenn nein, dann haben sie ihre Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigt. Keine angenehme Situation.

Bei der nächsten Sitzung des Kontrollgremiums am Mittwoch dieser Woche wollen Vertreter der Kapitalseite den Bankchef zur Rede stellen. Zudem wollen sie von Schmidt wissen, warum der Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr deutlich geringer ausgefallen ist als erwartet.

Die Kritik entzündet sich am Firmenkundengeschäft. Die alte Vereinsbank hatte Unternehmen wie etwa der mittlerweile konkursreifen Reha-Gruppe »Klinik Bavaria« allzu großzügig Kredite gewährt, jetzt muß sie 3,2 Milliarden Mark statt der ursprünglich geplanten 2 Milliarden wertberichtigen. »Der Schmidt hat doch selbst jede Menge Leichen im Keller«, erregt sich ein Kapitalvertreter im Aufsichtsrat.

Am Freitag vergangener Woche wollten die Schmidt-Gegner sogar öffentlich zum Gegenschlag ausholen. Für diesen Tag hatte HypoVereinsbank-Aufsichtsratschef Klaus Götte eine Rücktrittserklärung vorbereitet, in der Schmidt schwer angegriffen werden sollte.

Götte, 66, zuvor Chef-Aufseher der Hypo-Bank, hatte das mehrseitige Papier tagelang mit den Anwälten eines Großaktionärs abgestimmt. Schmidt, so der Entwurf, habe bereits im vergangenen Sommer von den Milliardenrisiken der Hypo-Bank gewußt.

Im letzten Moment jedoch zuckte Götte zurück. Am Freitag abend entschärfte er seine Erklärung - und in der Nacht zum Samstag kündigte er seinen Rücktritt an.

Schmidt kann sich dennoch nicht in Sicherheit wiegen. Hinter den Kulissen zimmern die Großaktionäre Allianz, Münchener Rück, Viag und der Freistaat Bayern, der noch rund sieben Prozent der Anteile hält, schon an einer neuen Führungsspitze für das angeschlagene Institut.

Wenn Götte endgültig abtritt, soll BMW-Finanzvorstand Volker Doppelfeld die Führung des Aufsichtsrats übernehmen. Lehnt der ab, ist BASF-Vorstand Max Dietrich Kley als Ersatz eingeplant.

Auch Martini soll gehen. Er nervt die Kapitalvertreter durch seine verbalen Ausbrüche, und die Arbeitnehmer werfen ihm vor, die ehemaligen Hypo-Mitarbeiter gegen die neue Bank aufzubringen.

Schmidt selbst, dessen Vorstandsvertrag erst im Januar verlängert wurde, soll nur dann noch eine Chance erhalten, wenn es ihm gelingt, das affärengeplagte Institut aus den Schlagzeilen zu bringen und in diesem Jahr ein besseres Ergebnis zu erwirtschaften. »Sonst«, prophezeit ein Allianz-Manager, »wird es eng für ihn.«

Schmidt scheint das zu wissen. Er hat sich in den vergangenen Monaten, wenn überhaupt, nur sehr dünnlippig zu dem Schlamassel geäußert. Seit der Durchsuchung am vorvergangenen Mittwoch ist er vollends verstummt.

DINAH DECKSTEIN, WOLFGANG REUTER

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