Leitzinsen: EZB-Rat im Zugzwang - DER SPIEGEL
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Leitzinsen EZB-Rat im Zugzwang

EZB-Chef Wim Duisenberg und seine Ratskollegen von der Europäischen Zentralbank müssen Farbe bekennen. Die Währungshüter hatten zuletzt nahezu jede Möglichkeit genutzt, um die Finanzwelt auf eine Zinserhöhung einzuschwören. Jetzt rätseln die Volkswirte der Banken, wie schnell die EZB die Leitsätze anhebt.
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Frankfurt am Main - Auffällig deutlich hatte die Führungsspitze um EZB-Präsident Wim Duisenberg wiederholt die Risiken für die Geldwertstabilität betont: anziehende Inflationsraten in den elf Euroländern, unerwartet hohe Drehzahlen des Konjunkturmotors, eine rasant wachsende Nachfrage nach Krediten und nicht zuletzt die "große Sorge" um den schwachen Euro. "Da war ganz klar eine Vorbereitungskampagne der EZB in den vergangenen Tagen", sagt Axel Siedenberg von der Deutschen Bank. Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung schon am Donnerstag sei "sehr groß". Der Volkswirt schränkt aber ein: "Ich glaube, die EZB-Ratsmitglieder wissen selbst noch nicht, was sie tun werden."

Die Zentralbank sei vom kräftigen Aufschwung in Euroland etwas überrascht worden. Zudem müsse sie schon heute die Weichen für 2001 stellen, argumentiert Siedenberg. Denn erst nach etwa einem Jahr macht sich ein Zinsschritt in der realen Wirtschaft überhaupt bemerkbar. "Außerdem wäre es clever, wenn die EZB der Fed diesmal zuvor kommt", so der Ökonom. Eine Zinserhöhung der US-Notenbank (Fed) bei ihrer Sitzung am 21. März gilt als sicher.

Sollte die EZB in Frankfurt stillhalten und erst am 30. März in Madrid die Zinsanhebung beschließen, könnte ihr dies erneut als Nervenschwäche und Nachlaufen hinter den Entscheidungen von US-Notenbankchef Alan Greenspan ausgelegt werden. Dann wäre Duisenberg wiederum der Hase, der dem berühmten Igel mit Verspätung folgt. Dies war ihm bereits Anfang Februar vorgehalten worden, als die EZB nur einen Tag nach Greenspan auch an der Zinsschraube gedreht hatte. Seitdem liegt der wichtigste Leitzins für Euroland bei 3,25 Prozent.

Angesichts des anhaltenden Inflationsdrucks - ausgelöst vor allem durch den hohen Ölpreis und den schwächelnden Euro - wäre auch diesmal keine Zeit für eine Schamfrist. "Die schnelle Zinserhöhung muss und wird kommen", ist daher DG Bank-Chefvolkswirt Michael Heise überzeugt. Sein Institut erwartet die Anhebung für Donnerstag. "Der Druck ist krass", sagt er. Die EZB werde die Chance ergreifen, eine "aktive, führende Rolle" zu übernehmen und dieses Mal Greenspan zuvorkommen. Dies könne auch dem Euro gegenüber dem Dollar helfen.

Bei der Dresdner Bank werden unterdessen noch Wetten angenommen. "50 zu 50", schätzt ihr Konjunktur-Experte Rolf Schneider die Chancen für eine Zinsanhebung am Donnerstag. Commerzbank-Chefvolkswirt Ulrich Ramm sieht die EZB nicht unter Handlungsdruck. Entscheidend sei die Datenlage über Konjunktur und Preisstabilität. Diese habe sich in den vergangenen Tagen nicht geändert. Sein Institut erwartet die nächste Zinserhöhung deshalb Ende März oder im April. Die EZB-Spitze brauche zudem keinen effektvollen Symbolakt. "Wir können den USA ruhig wieder den Vortritt lassen."

Olaf Zapke