KONJUNKTUR »Leitzinsen runter«
SPIEGEL: Die Konjunktur springt nicht an, die Aktienkurse fallen weiter. Sollte die Europäische Zentralbank die Zinsen senken?
Schmieding: Jetzt noch nicht. Aber wenn sich die Lage an den Finanzmärkten weiter zuspitzen sollte, wird die Zentralbank handeln müssen. Dann sollte sie vor Jahresende mit den Leitzinsen einen halben Prozentpunkt runtergehen. Einige Monate später wird sich dann zeigen, ob sie diesen Schritt zurücknehmen kann oder notfalls noch einmal nachlegen muss.
SPIEGEL: Wäre damit die Gefahr einer Deflation gebannt, also eines anhaltenden Preisverfalls, wie ihn Japan erlebt?
Schmieding: Deflation ist in Europa nicht das Problem. Die Verbraucher halten sich zwar zurück. Aber sie tun dies nicht, weil sie erwarten, dass die Preise sinken und sie in einem Jahr deshalb mehr für ihr Geld bekommen, sondern weil sich die Wirtschaftsaussichten verschlechtert haben. Statt einer echten Deflationsgefahr gibt es einen hausgemachten Inflationsdruck: Die Preise für Dienstleistungen steigen deutlich schneller als vor zwei oder drei Jahren.
SPIEGEL: Warum plädieren Sie dann für Zinssenkungen?
Schmieding: Um die Wirtschaft zu stabilisieren, falls die Finanzmarktkrise sich noch weiter verschärfen sollte. In nur drei Monaten haben die Börsen im Euro-Raum fast 30 Prozent verloren. Allein dieser Schock wird die Region im kommenden Jahr nach unseren Schätzungen 0,4 bis 0,7 Prozent Wachstum kosten.
SPIEGEL: Die Aktienkrise schlägt auch in Europa auf die Konjunktur durch?
Schmieding: Mittlerweile ja. Der Kursverfall und die schwächere Weltkonjunktur beeinträchtigen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Wenn sich die Lage nicht bald bessert, besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft im Euro-Raum zeitweilig stagniert und dass Deutschland sogar kurzzeitig in die Rezession abgleitet. In Deutschland kommt noch hinzu, dass die Löhne weit stärker steigen als die Wirtschaft wächst. Welches Unternehmen mag da noch investieren?