Lester R. Brown - DER SPIEGEL
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Artikel 41 / 98

Lester R. Brown

• aus DER SPIEGEL 3/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

ist Gründer und Leiter des Worldwatch Institute in Washington. Das privat finanzierte Forschungsinstitut analysiert in jährlichen Berichten die Fakten, die den ökologischen Niedergang der Erde belegen. Der Report »State of the World« wird in alle wichtigen Sprachen, darunter Japanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch, übersetzt; er dient über 400 Universitäten in aller Welt, internationalen Organisationen wie der Uno und Umweltschützern als Arbeitsgrundlage. Brown, 55, erwarb akademische Grade in Agrarwissenschaft, Ökonomie und Verwaltungswissenschaften. Er erhielt mehrere Umweltpreise, darunter 1989 den Sasakawa International Environment Prize der Uno. Der meist leger in Turnschuhen und mit offenem Hemd auftretende Wissenschaftler wird in seinem Heimatland häufig Dr. Doom (Weltuntergang) genannt. *GESPRAECH *ÜBERSCHRIFT:

»Für die Militärs bleibt genug« *UNTERZEILE: Umweltforscher Lester R. Brown über die Zerstörung der Erde und die Kosten ihrer Sanierung *

SPIEGEL: Mr. Brown, Sie haben mit Ihren Wissenschaftlern den Zustand unserer Welt gründlich untersucht. Ihre Prognose für das Überleben der Menschheit fiel düster aus. Haben Sie angesichts der Umwälzungen in der DDR und in Osteuropa Ihr Urteil korrigiert?

BROWN: Es sieht so aus, als ob die weltpolitische Bühne neu hergerichtet werden kann. Sowohl im Osten als auch im Westen ist es möglich geworden, ganz neu über die Probleme und die Lösungen nachzudenken.

SPIEGEL: Das Welttheater jetzt mit einem schöneren, besseren Stück?

BROWN: Vielleicht. In den letzten Jahrzehnten waren die internationalen Beziehungen doch geprägt durch den Ost-West-Konflikt. Er schrieb den Staaten zwangsläufig die Rangfolge aller Probleme vor, er diktierte die Höhe der Staatsausgaben.

SPIEGEL: Was berechtigt Sie zu der Hoffnung, daß die Regierungen ihre Milliarden künftig besser anlegen als in Rüstungsgütern?

BROWN: Unsere Zukunft, unser Überleben steht auf dem Spiel: Vernichtung der Regenwälder in der Dritten Welt, Waldsterben in vielen Ländern, Verödung riesiger landwirtschaftlicher Flächen durch Bodenerosion, Zerstörung der schützenden Ozonschicht, Verlust des biologischen Artenreichtums - wenn nichts geschieht, geht es rapide * Mit Redakteuren Hans-Georg Nachtweh, Peter Bölke in Frankfurt. dem Ende entgegen. Das begreifen, hoffe ich, allmählich auch die Politiker.

SPIEGEL: Läßt sich die Entwicklung noch aufhalten oder gar umkehren?

BROWN: Mit ein bißchen Feinabstimmung hier und da ist es nicht mehr getan. Was wir jetzt brauchen, sind fundamentale Veränderungen.

SPIEGEL: Sie haben vor kurzem gesagt, die Menschheit verliert den Kampf um den Planeten. Bleiben Sie dabei?

BROWN: Derzeit verlieren wir tatsächlich noch alle Schlachten zur Rettung der Erde. Seit Jahren verschlechtern sich sämtliche Trends, die Auskunft über den Gesundheitszustand des Patienten geben. Nicht ein einziger Befund ist besser geworden. Nehmen Sie den Energiebereich. Wenn eine Klimakatastrophe noch verhindert werden soll, müssen wir ganz schnell weg vom bedenkenlosen Einsatz fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl. Erneuerbare Energien, also Sonne und Wind, sind die einzig sichere und kostengünstige Alternative.

SPIEGEL: Werden nicht alle gutmeinenden Versuche, wie so oft, am fehlenden Geld scheitern?

BROWN: Ich weiß, ungeheure Summen sind erforderlich. Aber wenn wir jetzt den Kalten Krieg beenden können, dann wird es möglich, Mittel vom Militär abzuziehen und in die Rettung der Umwelt zu stecken.

SPIEGEL: Die Militärstrategen und die Rüstungsindustrie werden Ihnen da kaum folgen.

BROWN: Ausgaben für die Rüstung, das muß jetzt allen Menschen deutlich gemacht werden, versprechen keinen spürbaren Sicherheitsgewinn mehr. Der Begriff Sicherheit muß ganz neu definiert werden.

SPIEGEL: Nämlich wie?

BROWN: Die wirklichen Bedrohungen gehen nicht mehr von fremden Armeen oder ideologischen Gegensätzen aus. Bedroht werden die Staaten von ganz anderen Gefahren, von der Zerstörung der ökologischen Kreisläufe auf dem gesamten Globus. Die Aufheizung der Erde mit ihren verheerenden Folgen, die Bodenerosion, die den Menschen die Ernährungsgrundlage entzieht, das sind doch die eigentlichen Bedrohungen unserer Sicherheit. Es gibt keine nationale ohne globale Sicherheit mehr. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir jetzt die ganze Welt umfassende Probleme, auf die wir alle gemeinsam antworten müssen.

SPIEGEL: Vor allem werden die Supermächte, die sich bislang in der Rüstung hochschaukelten, neue Antworten geben müssen.

BROWN: Ich glaube, sie haben den richtigen Weg eingeschlagen. Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow hat vermutlich schon vor einigen Jahren insgeheim damit begonnen, Sicherheit neu zu definieren. In seiner Rede vor den Vereinten Nationen in New York vor einem Jahr gebrauchte er eine Fülle jener Argumente, die bereits im Bericht des Worldwatch Institute über den Zustand der Erde im Jahre 1986 zu finden sind. Seither weist er immer wieder auf die Bedrohungen durch Umweltzerstörung und Klimakatastrophe hin.

SPIEGEL: Hat sich in der Sowjetunion in den nun schon bald fünf Jahren der Gorbatschow-Ära nicht nur im Bewußtsein der Menschen, sondern auch im wirklichen Leben irgend etwas geändert?

BROWN: Politisch eine Menge, nur leider sehr wenig in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht. Aber das Land ist offener geworden, und wir bekommen jetzt wenigstens mehr Informationen über das Ausmaß der Umweltschäden. Sowjetische Funktionäre sprechen über eine ökologische Katastrophe in der Landwirtschaft, sowjetische Wissenschaftler erzählen Horrorstorys über die Gesundheitsschäden, die auf Vergiftungen von Luft, Wasser und Pflanzen zurückzuführen sind.

SPIEGEL: Überall auf der Welt erkranken immer mehr Menschen durch die Vergiftung ihrer Umwelt. Haben Sie ausgerechnet, was es die Staaten insgesamt kosten würde, diesen Trend umzukehren?

BROWN: Ja. Wir haben alles zusammengezählt, was zur Rettung des Planeten erforderlich wäre: Stopp der Bodenerosion, Stabilisieren des Bevölkerungswachstums, Wiederaufforstung, bessere Luft, Säubern der Gewässer, Nutzbarmachung erneuerbarer Energien, Senken des Verbrauchs fossiler Brennstoffe. Um hier eine Wende herbeizuführen, wären in der kommenden Dekade 150 Milliarden Dollar pro Jahr erforderlich.

SPIEGEL: Woher sollen die kommen? Die Entwicklungsländer sind mit 1300 Milliarden Dollar verschuldet, schon dieses Problem erscheint unlösbar.

BROWN: In die Zahl von 150 Milliarden Dollar haben wir eine Verminderung der Schuldenlast schon mit eingerechnet. Ohne Schuldenerlaß können Bevölkerungs- und Umweltprobleme in der Dritten Welt nicht angepackt werden.

SPIEGEL: Noch einmal: Woher sollen die 150 Milliarden Dollar kommen?

BROWN: Das Geld ist da. Jahr für Jahr werden 900 Milliarden Dollar für die Rüstung ausgegeben. Es genügt also, lediglich ein Sechstel davon umzulenken. Selbst wenn sich herausstellen sollte, daß wir den doppelten Betrag brauchen, bleibt noch genug für die Militärs.

SPIEGEL: Ihr Denkansatz erscheint trotzdem völlig unrealistisch.

BROWN: Der öffentliche Druck in Ost und West wächst. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel nahm im Sommer vergangenen Jahres das Interesse an der Umwelt und die Besorgnis über die Verschärfung der Probleme dramatisch zu.

SPIEGEL: Warum ausgerechnet in den USA?

BROWN: Die USA litten damals unter einer der schlimmsten Dürren aller Zeiten. Als Alarmzeichen für eine mögliche Katastrophe wurde die Tatsache gewertet, daß infolge der Dürre wahrscheinlich zum ersten Mal mehr Getreide verbraucht als erzeugt wurde. Ich meine, der Ruin unseres Planeten wird sich zuerst in einem Nahrungsmittelmangel offenbaren, der mit Hungersnöten in den Entwicklungsländern beginnt.

SPIEGEL: Ist der Nahrungsmittelmangel nicht eher ein Verteilungsproblem? Immer wieder werden Lebensmittel vorsätzlich vernichtet.

BROWN: Sie irren. Innerhalb von nur zwei Jahren sind die Weltgetreidevorräte vom höchsten je erreichten Stand auf den niedrigsten in der Nachkriegszeit gefallen, bei weiterhin explosivem Bevölkerungswachstum. Weltweit sinkt die Erzeugung von Getreide pro Kopf. Wer vor fünf Jahren noch gesagt hätte, in einer Hitzeperiode könnten die Nahrungsmittel knapp werden, der wäre ausgelacht worden. Heute lacht niemand mehr.

SPIEGEL: Die Dürre werten Sie als ein Warnsignal?

BROWN: Ja, und solche Warnsignale sendet der Planet jetzt in immer kürzeren Abständen aus. Die Veränderungen in der Umwelt schlagen zunehmend auf die wirtschaftliche Entwicklung durch. Früher war es doch immer so, daß wirtschaftliches Handeln die Umwelt formte. Jetzt erleben wir zunehmend den umgekehrten Zwang.

SPIEGEL: Nicht überall war Dürre. Wodurch könnten die Gefahren für die Ernährung der Menschen entstehen?

BROWN: Die Ernährungslage ist durch zwei Entwicklungen bedroht: erstens durch die Bodenerosion, die dazu geführt hat, daß die Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung nicht mehr Schritt hält mit dem Tempo der Bevölkerungsvermehrung; zweitens durch die Erwärmung der Erde. Zu den Regionen, in denen sich ein Klimawechsel mit höheren Temperaturen und weniger Niederschlag abzeichnet, gehören diejenigen, in denen die meisten Nahrungsmittel erzeugt werden, Nordamerika etwa.

Überall auf der Welt, ob in den USA, der Sowjetunion, in Indien oder China, wurden Böden zu stark genutzt, falsch behandelt, zu häufig bewässert. Diese Flächen sind unwirtschaftlich geworden, es könnte Generationen dauern, bevor sie wieder kultiviert werden können. Die intensive Bewässerung hat dazu geführt, daß der Grundwasserspiegel abgesunken ist.

SPIEGEL: Neues, fruchtbares Land läßt sich nicht urbar machen?

BROWN: Nein. Ich will Ihnen mal ein ganz einfaches Modell der Welternährungswirtschaft vor Augen führen. Jedes Jahr gehen den Bauern dieser Erde auf ihren Anbauflächen 24 Milliarden Tonnen Mutterboden unwiederbringlich verloren. Das entspricht etwa der gesamten Weizen-Anbaufläche Australiens. Zugleich aber müssen jedes Jahr 88 Millionen Menschen mehr ernährt werden. Das kann nicht gutgehen.

SPIEGEL: Mehr Nahrungsmittel zu erzeugen ist also keine Frage der Ökonomie, sondern der Ökologie.

BROWN: Um das zu erkennen, braucht man ja wirklich kein Experte zu sein. Neben Bodenerosion und Verödung gibt es weitere Umwelteinflüsse, die kontinuierlich die Grundlagen unserer Ernährung zerstören. Die US-Umweltbehörde fand heraus, daß bis zu zehn Prozent der Ernteerträge Nordamerikas in den Jahren 1980 bis 1987 durch Luftverschmutzung vernichtet wurden. Ähnliches gilt sicher für alle Automobil-Gesellschaften in Europa und auch für Länder, die sich stark auf Kohle stützen, die DDR und ihre Nachbarn oder auch China.

SPIEGEL: Wirkt sich die Zerstörung der Ozonschutzschicht in der Stratosphäre, die durch verstärkte Strahleneinwirkung Krankheiten wie Hautkrebs fördert, auch auf die Ernteerträge aus?

BROWN: In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Ozonschild rund um die Erde wahrscheinlich um nahezu drei Prozent verringert. Wir wissen, daß mit jedem Prozentpunkt Ozon-Abnahme die ultraviolette Strahlung auf der Welt um zwei Prozent zunimmt. Wir wissen außerdem, daß bei empfindlichen Gewächsen, wie Sojabohnen, jede Erhöhung der Strahlung um ein Prozent die Ernteerträge ebenfalls um ein Prozent schmälert.

SPIEGEL: Ließe sich damit nicht leben?

BROWN: Die Wirkungen der Umweltzerstörung addieren sich. Vom Menschen verursachte Veränderungen im Wasserkreislauf, die Versalzung der Böden durch Bewässerungssysteme und ihre verringerte Speicherfähigkeit, die wiederum durch Entwaldung und Erosion verursacht wird, all das gefährdet auf dramatische Weise die Landwirtschaft.

SPIEGEL: Wo müssen die Staaten im Sinne Ihrer neuen Definition von Sicherheit zuerst den Kampf aufnehmen?

BROWN: Oberstes Ziel muß zum einen die Bewahrung des Klimas sein. Wir müssen neue Energiestrategien entwickeln, mit denen wir eine weitere Aufheizung der Erde verhindern. Zum anderen muß das Bevölkerungswachstum gebremst werden, durch Erziehung und Bildung, durch materielle Anreize, durch Familienplanung in der Dritten Welt . . .

SPIEGEL: . . . und vielleicht durch die Abschaffung des Papstes?

BROWN: Das könnte hilfreich sein.

SPIEGEL: Wie soll eine ökologisch richtige Energiepolitik aussehen?

BROWN: Ich sagte anfangs schon, wir müssen weg von den fossilen Brennstoffen. Atomenergie schließe ich aus ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen aus. Also müssen wir den Einsatz von erneuerbaren Energien fördern und Sparstrategien entwickeln.

SPIEGEL: Erneuerbare Energien gelten als zu teuer und nicht wettbewerbsfähig.

BROWN: Energiegewinnung aus der Erdwärme, aus Wasser, Wind, Sonne ist der sicherste und kostengünstigste Weg, um die weltweite Erwärmung aufzuhalten. In Kalifornien gibt es bereits wettbewerbsfähige Kraftwerke, die Strom aus Sonnenenergie liefern. Das modernste erzeugt Elektrizität für acht Cent die Kilowattstunde, das neueste Kohlekraftwerk produziert für nur zwei Cent darunter. Der billigste Atomstrom kostet zwölf Cent. Es gibt obendrein auch dort, wo nicht soviel die Sonne scheint wie in Kalifornien, große Einsparmöglichkeiten beim Strom.

SPIEGEL: Sind nicht Begriffe wie Klimawechsel oder Treibhauseffekt viel zu abstrakt für den Durchschnittsbürger, als daß er bereit sein könnte, auch unpopuläre Maßnahmen, höhere Preise etwa, zu akzeptieren?

BROWN: Ich glaube, die Bürger sind den Politikern schon längst einen Schritt voraus, zumindest in den USA. Wenn Präsident Bush nicht sehr schnell * Windgeneratoren in den USA. und sehr entschieden etwas tut, wird er vermutlich viel Ärger bekommen.

SPIEGEL: Vielleicht wissen viele zwar, was notwendig wäre, aber sie handeln nicht danach. Daß Autos die Umwelt vergiften, ist bekannt. Aber wer verzichtet schon gern auf Mobilität?

BROWN: Leicht wird es den meisten nicht fallen. Unser Institut erwartet jedoch einen entscheidenden Wandel: Wir sind sicher, daß auf lange Sicht das vorherrschende Transportmittel das Fahrrad sein wird.

SPIEGEL: Das Fahrrad?

BROWN: Das Fahrrad. Zwei Räder. Das Fahrrad.

SPIEGEL: Wie denn das?

BROWN: Ich gebe zu, hier bei Ihnen in Deutschland und bei uns in den USA klingt diese Prognose im Moment nicht gerade sehr überzeugend. Aber man muß die ganze Welt im Auge behalten.

SPIEGEL: Sie denken an China?

BROWN: Ja. Im vergangenen Jahr wurden weltweit 102 Millionen Fahrräder gebaut. Die Weltautomobilproduktion lag bei über 34 Millionen. Im Nahverkehr sind mehr Leute mit dem Fahrrad unterwegs als mit dem Auto. Auch in den Industriestaaten fahren immer mehr Menschen mit dem Fahrrad ins Büro.

SPIEGEL: Sie auch?

BROWN: Ich gehe zu Fuß.

SPIEGEL: Wie weit?

BROWN: Nur ein paar Ecken. Wenn ich weiter muß, nehme ich mein Rad. Ich habe kein Auto. Unsere Forschungen zeigen uns, daß eine Menge Leute das Fahrrad benutzen würden, zum Einkaufen, um Freunde zu besuchen, ins Freie zu fahren, wenn sie sichere Wege vorfänden. Aber die meisten Städte sind nicht fahrradfreundlich.

SPIEGEL: Sie werden den Menschen in den Industrieländern kaum China als Vorbild empfehlen wollen.

BROWN: Natürlich nicht, das ist gar nicht nötig. Wir können aber die Frage stellen, welches Verkehrssystem ist auf Dauer umweltverträglich? Ein Verkehrswesen, das beherrscht wird von Autos, die fossile Brennstoffe verbrauchen, ist das sicher nicht. Das werden die meisten Menschen einsehen.

SPIEGEL: Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen zu vernünftigem Verhalten oft erst unter Zwang bereit sind.

BROWN: Es gibt viele Wege, Änderungen im Verhalten herbeizuführen. Der Staat kann beispielsweise Vorschriften erlassen. In den Vereinigten Staaten sind schon seit 1976 Normen für den Benzinverbrauch der Kraftwagen gesetzlich festgeschrieben. Man kann auch Öko-Steuern einführen und so über den Preis bestimmte Verhaltensweisen erzwingen.

SPIEGEL: Selbst wenn in den westlichen Industriestaaten weniger Autos fahren, wird der Effekt doch sofort durch die gerade einsetzende Motorisierungswelle in den Ostblockstaaten und in der Dritten Welt wieder zunichte gemacht.

BROWN: Die hochindustrialisierte Welt diente bislang stets als Vorbild. Wenn wir also ein neues Verhaltensmodell verwirklichen, dann fällt es auch den anderen leichter, neue Wege zu gehen. In der Tat kann heute kein Land mehr allein etwas erreichen.

SPIEGEL: Da liegt eines der Probleme. Die Folgen der Umweltzerstörung machen an den Grenzen nicht halt, Entscheidungen werden aber meist allein auf nationaler Ebene getroffen.

BROWN: Ich behaupte nicht, daß es leicht wäre, hier etwas zu bewirken. Aber in den vergangenen Wochen zum Beispiel haben sich in Osteuropa Veränderungen vollzogen, die wir alle nicht zu unseren Lebzeiten erwartet hätten. Dadurch könnten ungeahnte Energien freigesetzt werden bei den Regierungen, bei internationalen Organisationen, bei einzelnen Menschen, die sich nun auf die Bewältigung der Umweltprobleme konzentrieren könnten.

SPIEGEL: Sie haben bei Ihrer Aufzählung die Industrie vergessen. Die setzt weiter auf Wachstum, das oft zu Lasten der Umwelt geht. Wie beseitigen Sie das Dilemma, daß es ohne Wachstum für Hunderte Millionen Menschen auch niemals Arbeit gibt?

BROWN: Das ist überaus schwer. Wir brauchen nicht ein paar bescheidene Anpassungen hier und da, wir brauchen fundamentale Umwälzungen im gesamten System.

SPIEGEL: Können Sie etwas konkreter werden?

BROWN: In den modernen Industriegesellschaften ist der Materialismus zur treibenden Kraft geworden, der Wunsch, sich Güter anzueignen. Ich bezweifle, daß dieses materialistische Wertesystem den Übergang zu einer auf Dauer ökologisch verträglichen Weltwirtschaft überleben kann.

SPIEGEL: Wie soll das neue Wertesystem aussehen?

BROWN: Wir sollten unseren Wert als Menschen weniger danach bestimmen, was wir besitzen, sondern danach, wer und wie wir sind, was wir können.

SPIEGEL: Wollen Sie den Kapitalismus abschaffen?

BROWN: Auch im Sozialismus herrscht Materialismus. Dort war er nur nicht so erfolgreich.

SPIEGEL: Sie träumen offenbar von einem Utopia, das unsere materialistische Gesellschaft ablösen soll.

BROWN: Ich habe bestimmte Vorstellungen, wenn auch erst in Ansätzen. Mir schwebt eine Welt vor, in der die Menschen wieder stärker in ihrem engeren Umfeld ihre Lebensgrundlage finden. Recycling-Industrien werden zum größten Teil an die Stelle der Rohstofförderer treten, Sonne, Wind, Wasser liefern die Energie. Im Stadt- und Regionalverkehr gilt das Fahrrad mehr als das Auto. Der neue Mensch . . .

SPIEGEL: . . . daran glauben Sie? Die Sozialisten wollten auch einen neuen Menschen schaffen.

BROWN: Ja, das ist nicht geglückt. Aber ohne neue Einsichten, neue Werte werden auch wir scheitern.

SPIEGEL: Sind Sie religiös?

BROWN: Was verstehen Sie darunter?

SPIEGEL: An Gott glauben, an irgendeinen.

BROWN: Vielleicht sollte ich.

SPIEGEL: Mr. Brown, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

H.-G. Nachtweh, P. Bölke
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