Letzter Arbeitstag: BenQ Mobile macht dicht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Letzter Arbeitstag BenQ Mobile macht dicht

Es war ein schwarzer Tag für die 165 BenQ-Mobile-Mitarbeiter in Kamp-Lintfort: Vier Monate nach der Firmenpleite stellte das Werk heute seine Produktion ein. Für die Angestellten war es damit der letzte Arbeitstag. Die Gemeinde muss allerdings einen weiteren Schlag verkraften.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kamp-Lintfort - Zum letzten Mal traten heute die verbliebenen 165 Mitarbeiter des insolventen Handyherstellers BenQ Mobile ihre Schicht im Werk in Kamp-Lintfort an. Doch für die 40.000-Einwohner-Gemeinde kam es noch schlimmer: Nach dem besiegelten Kohleausstieg ist nun auch noch die Zukunft des Traditions-Bergwerk West, das letzte verbliebene Bergwerk am Niederrhein, ungewiss. Dort arbeiten immer noch 3600 Mitarbeiter aus der Region.

"Wir verlieren wohl unsere beiden größten Arbeitgeber, das ist einfach zu viel für unsere Stadt", sagte Bürgermeister Christoph Landscheidt der Nachrichtenagentur AP. "Wir haben nicht einmal BenQ verdaut und jetzt das." Rund 1800 Mitarbeiter sind durch die BenQ-Pleite in Kamp-Lintfort betroffen. Und so war dieser Tag in Kamp-Lintfort vor allem ein Tag des Abschieds. Im Geiste von der Kohle, in der Praxis von den verbliebenen 165 Mitarbeitern, die am Mittag zum letzten Mal durch das Werkstor schritten, um die auslaufende Handy-Produktion fertig zu stellen. Der Betriebsrat gab ihnen Geleit und verschenkte rote Rosen. "Kein neuer Job, aber zumindest ein Dankeschön", bemerkte Heike Deppner vom Betriebsrat.

Endgültige Aus von BenQ Mobile sehr wahrscheinlich

Vor zehn Tagen hatte die deutsch-amerikanische Investorengruppe um Ex-Daimler-Benz-Manager Hans-Jörg Beha ihr Angebot zur Übernahme von BenQ Mobile zurückgezogen. Verhandlungen mit anderen Interessenten waren bereits zuvor gescheitert. Damit scheint das endgültige Aus des Handyherstellers mit den ehemals über 3000 Mitarbeitern in München und Kamp-Lintfort in greifbarer Nähe. Zwar betont die Sprecherin von Insolvenzverwalter Martin Prager, Gespräche würde weiterhin geführt. Doch das ist für den Gesamtbetriebsratschef Michael Leucker nach monatelangem Bangen nur ein schwacher Trost: "Es wird immer schwieriger, sich da noch Hoffnung zu bewahren." Sorgen und Frust lasten auf der Stimmung der jetzt noch 60 Angestellten, die bis März und zum Teil noch bis Juni mit der Abwicklung des Unternehmens beschäftigt sind.

Siemens   hatte sein Handy-Geschäft 2005 inklusive einer Mitgift von mehreren hundert Millionen Euro an den taiwanesischen Elektronikkonzern BenQ   abgegeben. Nach Umsatz- und Marktanteilsverlusten hatte die neue Mutter dem Unternehmen aber im vergangenen Jahr Geldzahlungen gestoppt und die deutsche Tochter so in die Pleite geschickt. Ende September 2006 stellte BenQ Mobile Insolvenzantrag.

Sorgen bestimmen ebenfalls das Tagesgeschäft auf der Zeche "Friedrich Heinrich", nur wenige Meter von dem BenQ-Werk entfernt. Aufgeben will man im 100 Jahre alten Traditionsbergwerk West noch nicht. Die Hoffnungen richten sich vor allem auf die geplante Überprüfung des Kohleausstiegs im Jahr 2012. "Wir sind gewohnt zu kämpfen und wir setzen alles dran, damit die Politiker erkennen, wie falsch ihre Entscheidung ist und wie sehr wir die Kohle angesichts der zu befürchtenden Energieknappheit noch brauchen werden", sagte der Betriebsratvorsitzende Friedhelm Vogt. "Bei uns ist erst Schicht im Schacht, wenn die letzte Lampe ausgeht und der Schlüssel weggeworfen wird."

Sorge um die Zukunft von Kamp-Lintfort

Kamp-Lintforts Oberbürgermeister sucht derweil nach Auswegen aus der Krise für die gebeutelte Region. "Klar ist, wir schaffen das nicht allein", sagte er. Er forderte frühzeitige Unterstützung von Bund, Land und der Ruhrkohle AG. "Wir brauchen einen Förderschwerpunkt Niederrhein und vor allem Planungssicherheit, auch bereits vor der Überprüfung des Kohleausstiegs 2012", betonte Landscheidt. Sein Ziel: Das Know-How im Bereich mobile Kommunikationstechnologie halten und fördern. "Hier sind wir schon wer und hier müssen wir unsere Kräfte bündeln", sagte er.

Ein Schritt steht der Stadt schon bald vielleicht bevor: Mit neun weiteren deutschen Städten konkurriert Kamp-Lintfort in einem Telekom-Wettbewerb um den Namenszusatz T-City - und mehr noch um moderne Telefonanlagen nebst Zubehör im Wert von mehreren Millionen Euro. "Das", sagte der Bürgermeister, "wäre immerhin ein Anfang."

kaz/AP/dpa