POLEN Licht im Tunnel
Als Zbigniew Karcz, Spitzen-Funktionär im polnischen Finanzministerium, am Montag letzter Woche in Warschau das Flugzeug nach Washington bestiegen hatte, da konnten die Bankiers in 460 Geldhäusern der kapitalistischen Welt erst einmal aufatmen.
Die Mission des Polen: Er übergab dem Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Jacques de Larosiere, den Antrag seines Landes, in den weltweiten Währungsverein aufgenommen zu werden.
Das Aufnahmebegehren in den Währungsfonds, der in den letzten Jahren häufig vom Bankrott bedrohte Länder auffing, kam überraschend. Vergebens hatten die westlichen Geldmanager die bei ihnen hochverschuldeten Polen in den letzten Monaten immer wieder gedrängt, sich unter die Obhut des IWF zu begeben. Das sozialistische Land scheute davor zurück, sich den vorwiegend von den kapitalistischen Ländern bestimmten Wirtschaftsspielregeln des Fonds zu unterwerfen.
Das Einlenken der Polen, urteilt Hilmar Kopper, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und verantwortlich für die Ost-Kredite, »ist ein erstes Licht im Tunnel«.
Denn die Aufnahme Polens in den Währungsfonds, kommt sie zustande, würde die bisherigen Geldgeber spürbar entlasten. »Die Schulden«, weiß ein Vorstandsmitglied einer Landesbank, »würden auf fast alle Länder der westlichen Welt verteilt.«
Tatsächlich hat der Internationale Währungsfonds, dem mittlerweile 141 Länder angehören, noch stets marode Mitgliedsstaaten vor dem Schlimmsten bewahrt: Wird ein Land international für bankrott erklärt, gilt es nach den strengen Grundsätzen der westlichen Banken für viele Jahre als kreditunwürdig.
Vor einem solchen Finanzkollaps der Polen zittern die Banken seit Monaten. In Polen stehen Milliardenbeträge wie in keinem anderen Land auf dem Spiel.
Warschau hat bei den westlichen Ländern rund 27 Milliarden Dollar Schulden. Mit einem Anteil von fast 4,5 Milliarden Dollar ist die Bundesrepublik der größte Gläubiger im Westen. Nur gut 1,8 Milliarden Dollar von dieser Summe sind durch staatliche Garantien abgesichert.
Schon seit März können die Polen fällige Zinsen und Tilgungszahlungen nicht mehr überweisen. Monatelang verhandelten die westlichen Kreditinstitute mit ihren Gläubigern über die größte Umschuldungsaktion der Nachkriegszeit. Im Oktober wurden Warschau rund drei Milliarden Dollar, die von März bis Ende dieses Jahres fällig gewesen wären, für vier Jahre gestundet. Danach müssen die Gelder in Raten bis zum 10. Dezember 1988 zurückgezahlt werden.
Die Zahlungsklemme der Polen wird noch viele Jahre häßliche Spuren in den Bilanzen der Banken und Haushaltsbüchern der Regierungen hinterlassen - allein Bundesfinanzminister Hans Matthöfer hat im Sparetat 1982 immerhin eine Milliarde Mark für Ausfallgarantien eingeplant.
Besonders unangenehm für die Geldgeber: Die Polen brauchen noch neue Kredite. Weil die polnische Wirtschaft völlig zusammengebrochen ist und kaum noch Güter für den devisenbringenden Export produziert, wird der Schuldenberg Polens bis 1985 wohl noch auf mindestens 38 Milliarden Dollar anwachsen, ehe die Polen ans Rückzahlen denken können.
Doch inzwischen zieren sich Polens Gläubiger: Nicht einmal jene 500 Millionen Dollar, um die Warschau bereits monatelang bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich - einer Art Zentralbank der westlichen Notenbanken - bettelt, mochten die Geberländer bislang zusätzlich herausrücken.
Das könnte sich mit Polens IWF-Beitritt durchaus ändern. »Wir können nur hoffen«, meint Bankmanager Kopper, »daß der Weltwährungsfonds möglichst bald den Überblick über die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse erhält, um Polen helfen zu können.«
Um nämlich Mitglied werden zu können, müssen sich die Polen erst einmal von den IWF-Managern gründlich in die Bücher sehen lassen - was die an wirtschaftliche Geheimniskrämerei gewöhnten Kommunisten einige Überwindung kosten dürfte. Sie befinden sich dabei auch gegenüber den Sowjets in einer heiklen Lage.
So verlangt der Fonds zum Beispiel genaue Angaben darüber, welche Güter woher importiert und welche Preise dafür berechnet werden, und umgekehrt, wohin welche Waren ausgeführt werden. Solche Zahlen lassen natürlich manche Rückschlüsse darauf zu, in welchem Ausmaß etwa Polen für die Sowjet-Union produzieren muß.
Der Fonds will von Aufnahmekandidaten zudem wissen, wie hoch das Volkseinkommen ist, wie es sich zusammensetzt, welche Gold- und Devisenreserven vorhanden sind, wieviel und in welchen Sektoren investiert wurde, wie sich die Löhne und wie die Preise in den Fabriken und bei den Händlern entwickelt haben und wie der Wechselkurs der Währung berechnet wird.
Von all den detaillierten Angaben hängt für den Beitrittskandidaten viel ab. Aus den Ziffern nämlich errechnet der Fonds nach einer überaus komplizierten Formel eine Schlüsselzahl, die über die Höhe der zukünftigen Kredite entscheidet.
Mit der Offenlegung aller wirtschaftlichen Daten dürfte es für die Polen allerdings noch nicht getan sein. Größere Kredite gibt es für einen Wirtschaftsschwächling nur gegen harte Bedingungen, mit denen der IWF wirtschaftspolitisch zu lasche Regierungen zu disziplinieren versucht. Und je mehr und je öfter ein Land borgt, desto schärfer werden die wirtschaftspolitischen Auflagen, die der Fonds erteilt.
Weil die Aufpasser aus Washington dabei häufig auf einer überaus rigorosen Sparpolitik bestehen, geriet der IWF bei vielen Kreditnehmern besonders in der Dritten Welt zunehmend in den Ruf, sich als »unheilvoller Schiedsrichter über die nationale Politik« (Großbritanniens »The Guardian") aufzuspielen.
Doch total überschuldeten Ländern bleibt gar nichts anders übrig, als sich den rigiden Spielregeln des IWF zu unterwerfen. Die Vergabe eines IWF-Kredits gilt bei den Banken und Regierungen als ein »Zertifikat für internationale Glaub- und Kreditwürdigkeit«, wie Italiens Ex-Schatzminister Gaetano Stammati urteilte: Gibt erst der Fonds Finanzhilfe, sind auch Regierungen und private Geldgeber anschließend weniger knauserig.
Das Gütesiegel des Fonds suchten seit Jahren auch andere sozialistische Staaten. Die eigenwilligen Jugoslawen etwa gehören dem IWF schon seit 1946 an. Dem Beistand des Fonds schreiben es Kenner des Landes zu, daß Belgrad Mitte der sechziger Jahre mit Erfolg die Planwirtschaft zu einem flexibleren Wirtschaftssystem S.148 mit marktwirtschaftlichen Elementen reformierte.
Als erstes Comecon-Land trat 1972 Rumänien, schon früh auf mehr Eigenständigkeit im Ostblock bedacht, dem IWF bei. Rumänien und Jugoslawien borgten in der Vergangenheit mehrmals beim Fonds. Und beide Länder schlossen in diesem Jahr ein Beistandsabkommen für die nächsten drei Jahre: Belgrad erhält 1,9 Milliarden Dollar, Bukarest bekommt 1,2 Milliarden Dollar.
Im Gegenzug verpflichteten sich die Rumänen gegenüber den Finanzpolizisten aus Washington zu drückenden Sanierungsmaßnahmen für ihre Wirtschaft (siehe auch Seite 142). So sollen zum Beispiel die Nachfrage im Inland gebremst, Preissubventionen gestrichen und die Wechselkurse gegenüber den westlichen Partnerstaaten korrigiert werden. Und die Jugoslawen offerierten gar von sich aus ein Sanierungskonzept, das die IWF-Aufpasser überzeugte.
Auch die Volksrepublik China zog es angesichts drohender Zahlungsbilanznöte im letzten Jahr in den Währungsfonds. Die Chinesen erhielten bereits Kredite in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar. Weil der Betrag gemessen an Chinas Kreditlimit im IWF nicht sonderlich hoch ist, brauchte der Fonds die Darlehen nicht an strikte Auflagen zu knüpfen. Chinas Nachbar Vietnam ist schon seit 1976 Fonds-Mitglied.
Und nur vier Tage vor Polens IWF-Avancen ersuchten die Ungarn in Washington um Aufnahme in den Währungsklub - aus anderen Motiven allerdings als ihr sozialistisches Bruderland.
Devisenschulden drücken die Ungarn nicht allzu stark. Vielmehr wollen sie mit dem Beitritt ihr Land währungspolitisch mehr nach Westen öffnen. So soll wenigstens für den Außenhandel der Forint frei austauschbar - konvertibel - mit den Valuten des Westens werden. Dabei kann, so das Kalkül, der Fonds nützlichen Beistand leisten.
Trotz der Schnüffeleien in den Büchern der Ostblock-Staaten: Das Einscheren sozialistischer Bruderstaaten in den westlichen Währungsklub kommt womöglich selbst Moskau nicht ungelegen. Denn inzwischen überfordert die Sanierung besonders der polnischen Wirtschaft wohl auch die sowjetische Leistungskraft.
Und daß der von den westlichen Industriestaaten dominierte Währungsklub womöglich künftig in die Wirtschaft Polens hineinregiert, könnte den Parteistrategen in Warschau durchaus zupaß kommen. Bei den notwendigen unpopulären Sanierungsprogrammen können sie sich leicht herausreden, nicht sie, sondern der IWF trage die Schuld.