Industrie Lichte Hohe
Der eine stammt aus Pommern, der andere aus Schlesien.
Deutschlands bekanntester Konzern, der Ruhr-Trust Krupp, wird nunmehr von zwei Heimatvertriebenen regiert: Am Montag vergangener Woche kürte Pommer Berthold Beitz ("Capital": »Krupp VI.") den in Pitschen bei Breslau geborenen Juergen Krackow zu seinem neuen Vorstandsvorsitzenden.
Nach der überraschenden Kündigung von Günter Vogelsang im vergangenen Januar rückte damit ein Mann an die Spitze des Essener Unternehmens, der -hemdsärmelig und systematisch -- als Pyramidenkletterer stets seine Chancen wahrzunehmen wußte: Mit 49 Jahren erreicht Krackows exakt geplante Nachkriegskarriere erstmals die lichte Höhe eines Milliarden-Konzerns.
Krackow, Sohn eines Weltkrieg-I-Offiziers und selbst Panzerleutnant im Weltkrieg II, begann seine Laufbahn 1950 als 200-Mark-Angestellter bei der Commerzbank, wechselte 1955 ins Baugewerbe, wurde 1957 Geschäftsführer bei der Putzmittelfirma Sidol -- und gab diesen Berufserfolg, den mittlerweile mit 70 000 Mark im Jahr honorierten Job, überraschend wieder auf, um als unbezahlter Volontär in der Londoner City Finanzerfahrungen zu sammeln.
»Damals schloß sich für mich der Kreis«, erinnert sich der mit Vorliebe Tweed-Sakkos tragende Manager. Krackow wußte, daß gelernte Banckaufleute, die sowohl in der Investitions- als auch Konsumgüterindustrie gemanagt und zudem noch Kreditusancen im Ausland studiert hatten, selten waren -- und auch heute noch sind.
Der strategisch angelegte Rückzug nach London brachte den bulligen Pfeifenraucher -- in der Rückhand den Titel eines Doktors der Jurisprudenz -- sodann an der Heimatfront schnell weiter voran: Er rückte zum Direktor der
* Vor der Villa Hügel.
Frankfurter BHG-Bank auf, danach zum Chef der Berliner Maschinenbau-AG vormals L. Schwartzkopff, schließlich zum Vorstand der Holding AG für Industrie und Verkehrswesen (Agiv).
Krackow tat etwas, was beispielsweise beim Elektrokonzern Siemens streng verpönt ist: Als Job-Hopper von Branche zu Branche managte er sich Schritt für Schritt in die Elite der westdeutschen Arbeitgeber.
1968 gelangte seine Personalakte erstmals zu Krupp: Freizeitjäger Krackow bewarb sich für den Chefposten des Flugzeugunternehmens VFW (Krupp-Anteil: 35 Prozent). Ruhr-Insider wollen wissen, daß Beitz ihn damals wegen einer negativen Schriftprobe ablehnte. »Krackow ist«, so ein Kruppianer. »das lebendige Beispiel für eine blödsinnige Gläubigkeit in die Graphologie.«
Krupp-Sanierer Vogelsang, den er nun ablösen wird -- arbeitswütig und zahlenfixiert wie der rundschädlige Schlesier -, ließ sich von derartigen Schnörkeln nicht leiten: Kaum hatte bei Krupp die Leitung übernommen. engagierte er Krackow 1969 als Werftboß der gleichfalls zum Essener Konzern zählenden AG Weser.
»Wir befinden uns in einer Kessel schlacht wie seinerzeit bei Stalingrad«, hatte Krackow seine Mitarbeiter bei der kurz vor dem Zusammenbruch stehen den Machinenbaufirma Schwartzkopff angefeuert. Innerhalb von drei Jahren sanierte er das marode Unternehmen.
»Jeder kann sich frei, auch burschikos äußern«, forderte er als Werft-Chef seine Direktoren bei der tief in den roten Zahlen steckenden AG Weser auf Nach einem Jahr bereits hatte er einen Verlust von rund 20 Millionen Mark ausgebügelt.
So sah sich auch Berthold Beitz, Chef der Krupp-Stiftung (die das Unternehmen zu 100 Prozent beherrscht) und Aufsichtsratsvorsitzender des Konzerns. gezwungen, sein Urteil über Krackow zu revidieren. Vogelsang hatte sich von Beitz spektakulär losgesagt; der einstige Hausmeier des letzten Krupp-Dynasten benötigte einen Mann, der Vogelsangs Sanierqualitäten besaß.
Als seine erste Aufgabe bezeichnet es deshalb der nun wieder von der Küste wegziehende Ex-Leutnant, »ein vernünftiges Verhältnis zu Herrn Beitz zu bekommen. Mit der Funktion des Vorstandssprechers -- wie überall vermutet -- will er sich nicht begnügen. Krackow: »Es soll bloß keiner glauben, daß ich ein Yes-Man bin.«
Der anglophile Werftchef, im Sommer Haijäger vor den Küsten Irlands, hat sich »lange überlegt«, ob er das Beitzsche Angebot annehmen soll. »Aber nennen Sie mir jemanden«, begründet er seinen erneuten Ehrgeiz, »der nicht Chef bei Krupp werden will.«