Italien Liebe zum Dschungel
»Tut uns leid, aber jetzt beginnt unser Arbeitskampf«, sagten die Zöllner zu wartenden Fernfahrern. Dann legten sie Filzstift und Formulare fort und gingen, in der Nacht zum vergangenen Mittwoch pünktlich um Null Uhr, nach Hause.
Der Streik der 5100 Zollbeamten führte zu einem Chaos an den Grenzübergängen von und nach Italien. Allein am Brenner stauten sich bis zum Wochenende über 500 Laster.
Güterwaggons verstopften die Grenzbahnhöfe, Obst- und Gemüseladungen vergammelten; Schiffe konnten ihre Fracht nicht löschen; an den Flughäfen türmten sich Warenberge Militärische Ersatzzöllner versahen einen Notdienst.
Der beispiellose Ausstand, schätzen Experten, verursacht täglich Schäden von über 20 Millionen Mark. Für Italiens ohnehin krisengeschwächte Wirtschaft ist der Streik »ein böser Tiefschlag« (so ein Mailänder Manager). Was Wunder, wenn Bosse und Abgeordnete die Regierung zum Eingreifen drängen.
Gleichwohl waren die Zöllner noch letzten Freitag entschlossen, bis zum 8. April weiterzustreiken. Denn: Durch eine Besoldungsreform, die den Dschungel der Besoldungsgruppen und Sonderzulagen bei Italiens 300 000 Staatsdienern lichtet, verlieren sie das Privileg direkter Sonderzuwendungen.
Beispiel: Fabrikant Rossi will eine schwere Maschine in die Schweiz liefern. Er bestellt sich Zöllner in die Firma« die das Exportgut gleich dort abfertigen.
Für diesen Job strichen die Beamten bislang Extra-Honorare ein. Künftig soll das Geld in die Staatskasse fließen; die Zöllner erhalten dafür eine -- mäßige -- Gehaltserhöhung.
Ihr Kampf um die alten Quellen stößt bei den großen Gewerkschaftsverbänden CGIL und CISL auf scharfe Kritik. Denn derlei Privilegien seien »ohne jede Logik«, und der Streik habe »erpresserischen Charakter«.
Auch jenseits der Grenzen regte sich Kritik. »Passen die Italiener denn noch in die Wirtschaftsgemeinschaft?« fragte zornig ein streikgeschädigter bayrischer Spediteur. Dieselbe Frage, milder formuliert, wurde sogar in Brüssel laut.
Keines der EG-Gründungsmitglieder mache solche Schwierigkeiten bei der Verwirklichung von Brüsseler Beschlüssen, klagte jüngst der (italienische) Sprecher der EG-Kommission, Beniamino Olivi, keines habe solche Mühe -- oder gebe sich so wenig Mühe -- wie Italien, mit dem Tempo der Gemeinschaft Schritt zu halten. Rückständige Verwaltung, soziale Mißstände seien Hauptursachen des italienischen »Rekords« im Streiken.
Olivi: »Fast alle Zweige des Staatsapparats leisten Widerstand gegen die Integration Italiens in die Gemeinschaft.«
Düster prophezeit der Italiener in Brüssel: Die Gemeinschaft werde Rom mit der Zeit so viele Sonderbedingungen einräumen, daß »Italien auf den Status eines mehr oder weniger assoziierten Landes herabsinkt.
Seit Rom mit seinem Floaten aus der europäischen Währungsfront ausscherte, wächst bei kritischen Italienern die Diskussion über den Platz ihres Landes in Europa. So sorgte sich der »Espresso« um das Image Italiens bei seinen Partnern: »Anfangs waren wir das letzte Rad in der EWG. Jetzt halten die uns schon für ein Rad, das unterwegs verlorenging. Haben sie recht?«