Lieben oder hassen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 94

INDIEN Lieben oder hassen

Fast 250 000 indische Textilarbeiter wollen, unter der Regie eines selbsternannten Arbeiterführers, notfalls noch Jahre streiken.
• aus DER SPIEGEL 37/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Indiens Regierungschefin Indira Gandhi hatte sich für ihr 620-Millionen-Volk viel vorgenommen: 1982 sollte ein »Jahr der Produktivität« mit »Disziplin und Ordnung« werden.

Doch mit ihren Neujahrsansprachen bewirkte die Premierministerin offenbar wenig. Nur knapp drei Wochen nach ihren Appellen zu mehr Leistung und Gehorsam stellte fast eine Viertelmillion Beschäftigte in einer der wichtigsten Branchen, der Textilindustrie, die Arbeit ein.

Bis heute, fast acht Monate danach, verließ nicht ein einziger Meter Tuch, nicht eine Rolle Garn die 62 düsteren Textilfabriken Bombays. Aus dem Wirtschaftszentrum Bombay kommt in normalen Zeiten rund ein Drittel aller in Indien maschinell gewirkten Tuche.

Der Streik - um bis zu 80 Prozent mehr Geld und menschenwürdigere Arbeitsbedingungen - wurde zum größten Arbeitskampf in der Geschichte des unabhängigen Indien. Mehr als 45 Millionen Arbeitstage sind verloren - in einer einzigen Branche, in einer Stadt.

Das ist selbst für die streikfreudigen Inder eine Menge. Im vergangenen Jahr zählten alle Industriezweige zusammen lediglich 25,6 Millionen verlorene Arbeitstage.

Die Verluste sind erdrückend. Bombays Textilbosse wollen bislang bereits 2,4 Milliarden Mark durch Produktionsausfälle eingebüßt haben. Tag für Tag kommen über zehn Millionen hinzu.

Seit Streikbeginn schrumpften Indiens Exporterlöse um mindestens 340 Millionen Mark. Textilien zählen zu den wichtigen Devisenbringern des kapitalschwachen Landes. Aus Bombay kamen immerhin rund 60 Prozent der gesamten Textilausfuhren Indiens. Nervös reagierten die Sowjets, deren Soldaten Uniformen aus indischem Tuch tragen, auf den Produktionsausfall. Sie schickten eigens eine Delegation aus Moskau nach Bombay, um die Streiklage zu prüfen.

Durch den monatelangen Ausstand verliert auch der indische Fiskus, der sich S.173 selbst von den Hungerlöhnen der Textilarbeiter stets seinen Teil holte: Er nahm rund 190 Millionen Mark weniger an Steuern ein.

Am härtesten indes trifft der Streik die Arbeiter selbst. Streikkassen sind bei Indiens Gewerkschaften unbekannt, Unterstützungsgelder gibt es nicht. Nicht einmal auf Erspartes können die Streikenden zurückgreifen, denn von 170 Mark monatlichem Durchschnittslohn blieb zum Sparen nie etwas übrig.

Inzwischen hat sich bei Zehntausenden streikender Arbeiter, die sich und ihre Familienangehörigen kaum noch vor dem Hungertod bewahren können, Wut und Verzweiflung angestaut. So kommt es zunehmend zu gewalttätigen Aktionen. Sieben Monate nach Streikbeginn rotteten sich in Bombay Textilarbeiter und meuternde Polizisten zu den seit langem schwersten Krawallen des Subkontinents zusammen. Sie zündeten Busse an, blockierten die Gleise von Vorortzügen und bewarfen die Waggons mit Steinen, errichteten Barrikaden auf den Straßen. Plündernd zogen die aufgebrachten hungernden Massen durch Geschäfte und Restaurants.

Nur reguläre Armee-Einheiten und paramilitärische Verbände konnten die von Indira Gandhi verheißene Ordnung erzwingen. Mindestens vier Menschen wurden getötet, Dutzende schwer verletzt.

Daß Bombays Textilarbeiter so hartnäckig weiterkämpfen, ist vor allem einem Mann zuzuschreiben, dem militanten Arbeiterführer Datta Samant. Man könne ihn »lieben, hassen oder auch züchtigen, aber keinesfalls ignorieren«, urteilt ein hoher Regierungsbeamter in Delhi.

Datta Samant, 49, gilt als eine der schillerndsten Figuren Indiens. Bombays S.175 fast eine Viertelmillion Weber und Spinner zogen unter Samants Führung in den Streik - zum Ärger ihrer eigenen Gewerkschaft Rashtriya Mill Mazdoor Sangh, die den Ausstand strikt ablehnt.

Der gleich massenhafte Überlauf der Arbeiter zu Samant hat triftige Gründe. Weil Indiens Gewerkschaften hoffnungslos zersplittert und zudem je nach politischem Glaubensbekenntnis von den politischen Parteien abhängig sind, verwenden sie mehr Zeit auf Gezänk untereinander als auf den Kampf für die Mitglieder.

Da mußte ein Mann wie Datta Samant fast zwangsläufig die Sympathie der Massen finden. Als Arzt kümmerte er sich jahrelang auch um die Nöte seiner Patienten im Arbeitsleben. Immer wieder gelang es ihm, durch persönliche Gespräche mit Fabrikchefs Verbesserungen durchzusetzen.

Durch solche Erfolge ermutigt, ernannte sich Samant vor fünf Jahren selbst zum Arbeiterführer. Er gründete die Maharashtra Girni Kamgar Union - eine Gewerkschaft, die inzwischen vor allem im Industriegebiet von Bombay-Thana-Poona die Industriellen das Fürchten lehrte. Samant führt seine Gewerkschaft als reine Ein-Mann-Schau, ohne den organisatorischen Rückhalt einer großen Verwaltung.

Dennoch erkämpfte Samant mehr Lohnerhöhungen als irgendein anderer Gewerkschaftsführer. In Indiens größtem Automobilwerk Premier erzwang er eine Erhöhung der durchschnittlichen Monatslöhne von umgerechnet 177 auf 272 Mark. Der Lohnschub war so außergewöhnlich, daß die Arbeiter Samant zum Dank mit Spendengeldern ein Auto kauften.

»Ich hole etwas heraus, unmittelbare wirtschaftliche Gewinne«, rühmt sich Samant, »deshalb kommen die Arbeiter zu mir.«

Was Samant herausholt, behaupten jedoch seine Kritiker, schaffe er vor allem durch Einschüchterung und Drohungen.

An Bilanzen, beschreibt Arun Shourie, Herausgeber der Zeitung »The Indian Express«, seine Erfahrungen mit dem Arbeiterführer, sei der gar nicht interessiert. »Er sagt nur: Wir stopfen ihnen den Mund.«

Samants Gegner halten es auch kaum für einen Zufall, daß während eines Arbeitskampfs beim Familienkonzern Godrej (Kosmetik, Schreibmaschinen) die Besitzer von Messerstechern traktiert wurden. Dreimal wurde Samant bereits des Mordes angeklagt, immer jedoch freigesprochen.

Samants harter Stil und die bösen Vorwürfe seiner Kritiker scheinen seine Anhänger wenig zu berühren. Für sie zählen, wie für ihren Führer, nur die Ergebnisse.

»Wir geben nicht auf«, sagt ein Textilarbeiter in Bombay. »Notfalls streiken wir noch zwei Jahre.«

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 94