Lieferstreik Milchbauern sagen Versorgungskollaps voraus
Hamburg - Unterschiedlicher könnten die Ansichten nicht sein: Landwirte und Molkereien schätzen das Ausmaß des Streiks der Milchbauern in Deutschland völlig konträr ein. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kündigt bereits einen "Kollaps der Milchversorgung" an - noch in dieser Woche soll es so weit sein. Die Milch verarbeitende Industrie erklärt dagegen, nur ein Bruchteil der Bauern beteilige sich an dem Lieferstopp. Außerdem habe der Ausfall wegen des bestehenden europaweiten Überangebots keine Auswirkungen.
Der BDM hatte seine 32.000 Mitglieder am kommenden Montag zu einem unbefristeten Lieferstopp aufgerufen. Die Bauern protestieren, weil der Milchpreis auf 35 bis 27 Cent gesunken ist. Dadurch würden viele Höfe in den Ruin getrieben. Die Streikenden fordern von den Molkereien mindestens 40 Cent je Liter.
BDM-Vizechef Stefan Mann sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Im Laufe der Woche wird die Versorgung mit Frischmilchprodukten zum Erliegen kommen." Die Verbraucher müssten sich auf Engpässe in den Supermärkten einstellen. Darüber hinaus hätten die Milchbauernverbände in den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Belgien, Luxemburg und Teilen Frankreichs ihre Unterstützung für den Streik zugesagt. "Ich rechne damit, dass noch mehr Länder dazukommen", sagte Mann in der "Frankfurter Rundschau".
Der Milchindustrieverband sprach dagegen von "Panikmache". Bei den deutschen Molkereien habe der Ausfall lediglich fünf bis 30 Prozent betragen. Ein solcher Rückgang könne durch die saisonal bedingte Überproduktion und durch Drosselung der Milchpulverproduktion aufgefangen werden. "Ich denke nicht, dass es Lücken im Kühlregal geben wird", sagte Geschäftsführer Eckhard Heuser der "Süddeutschen Zeitung".
Bislang habe auch der Milchpreis auf dem internationalen Markt nicht angezogen. Erst wenn die Bauern eine Woche lang weniger als 50 Prozent Milch anlieferten, würde die Versorgung mit Frischmilch knapp, sagte Heuser der "Frankfurter Rundschau". Laut BDM ziehen die Preise auf dem Spotmarkt dagegen schon jetzt an.
In den einzelnen Bundesländern klingen die Zahlen durchaus dramatisch. So haben die elf Molkereien in Nordrhein-Westfalen wegen des Boykotts rund 25 Prozent weniger Rohmilch geliefert bekommen. Das teilte ein Sprecher der Landesvereinigung für Milchwirtschaft in Krefeld mit.
Auf die Preise habe dies aber keine Auswirkung, erklärten die Großabnehmer. "Die Verträge zwischen den Molkereien und dem Handel sind für die nächsten sechs Monate abgeschlossen und lassen sich nicht mehr aufbrechen", sagte die Geschäftsführerin des Milchindustrieverbands, Susanne Nüssel. Es werde durch den Boykott zu keinen Engpässen kommen, da die Molkereien Milch aus Österreich oder Frankreich zukaufen könnten.
Genau das ist aber fraglich. Denn in den europäischen Nachbarländern schließen sich immer mehr Bauern dem Protest in Deutschland an. In den Niederlanden beteiligen sich laut BDM 60 Prozent der Milchbauern an einem vollkommenen Lieferstopp. In Österreich habe die IG Milch ihre Mitglieder aufgerufen, ab sofort nur noch 50 Prozent der vertraglich vereinbarten Milch bei den Molkereien abzuliefern. In der Schweiz lieferten die Milchbauern in der Region Zürich weniger als ein Drittel der bisherigen Mengen. Auch viele belgische Milchbauern wollten ab dem heutigen Mittwoch in den Ausstand treten.
Unterstützung kam auch von französischen Kollegen. "Ab Donnerstag oder Freitag werden wir Molkereien blockieren, die Milch nach Deutschland liefern", sagte der Präsident der Organisation der Milchproduzenten (OPL), Jean-Louis Naveau. Aktionen in Ostfrankreich würden derzeit vorbereitet, insbesondere im Raum Straßburg. "Die Wut und Sorge wird von allen geteilt."
Vor allem im Süden wird gestreikt
In Deutschland selbst weiteten die Milchbauern ihren Lieferboykott am zweiten Streiktag weiter aus. Mittlerweile hätten 95 Prozent der Mitglieder des BDM die Lieferungen an die Molkereien eingestellt, sagte Verbandssprecher Hans Foldenauer. "Die Milchlieferungen werden in den kommenden Tagen noch weiter zurückgehen, und das wird sich auch auf die Lieferungen an die Supermärkte auswirken."
Vor allem im Süden, wo es viele Einzelgehöfte gibt, registriert der BDM große Lieferausfälle. In den Großbetrieben Norddeutschlands habe sich die Produktion dagegen kaum verändert.
Der Agrar- und Ernährungswissenschaftler Thomas Fellmann von der Universität Hohenheim sagte, der Streik werde "keine allzu großen Auswirkungen haben". Es gebe in Europa eine Überproduktion von Milch. Das sei auch der Grund für den gesunkenen Preis. Mit ihren Milchquoten habe die EU den Milchpreis erhöht und unrentable Betriebe künstlich am Leben gehalten.
Der Einzelhandel spricht von "Frevel"
Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels warf den Bauern vor, dass sie überschüssige Milch wegschütten. "Milch wegzukippen, während Menschen hungern, ist ein Frevel und eine Riesensauerei", sagte Verbandssprecher Hubertus Pellengahr der "Bild"-Zeitung.
Bauernpräsident Gerd Sonnleitner zeigte sich hingegen überzeugt, dass der Lieferboykott beim Verbraucher auf Verständnis stößt. Sonnleitner sagte dem Sender N24: "Die Bevölkerung hat Verständnis für die Milchbauern." Das Produkt Milch sei "unwahrscheinlich positiv besetzt".
Auch die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) unterstützt den Lieferboykott der Milchbauern. "Wir erklären uns solidarisch mit den Landwirten, die gerechte Preise durchsetzen wollen", sagte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft, Hans-Joachim Wilms. Nur wenn die Landwirte faire Preise erzielten, seien sie in der Lage, ihre Arbeitnehmer ordentlich zu bezahlen.
wal/AFP/AP/dpa/ddp