Liegt in der Luft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 36 / 110

WERTPAPIERE Liegt in der Luft

Drehen Spekulanten an den Kursen von Spezial-Papieren?
• aus DER SPIEGEL 30/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Anzeige stand in allen drei großen überregionalen Tageszeitungen. Für einen Inserentenpreis von rund 6000 Mark empfahl Anfang Juni ein scheinbar überaus selbstloser Berliner namens Götz-Hildebrand Striem Börsen-interessierten Bundesbürgern, Aktien der sogenannten Farben Liquis zu kaufen.

Die Anteilscheine des ehedem großdeutschen Chemie-Konzerns IG Farben, der nach Kriegsende in Liquidation ging, werden an den Börsen nach einem Jahres-Hoch von 15 Mark zur Zeit mit neun Mark bewertet. In Wahrheit aber, so Inserent Striem schwarz auf weiß, seien die Papiere viel mehr wert. Für »bis zu 50 Mark« das Stück zu kaufen.

Es stehe nämlich ("Sensation bei Liquis") eine »schon längst überfällige Korrektur größten Ausmaßes« bevor, behauptete Striem geheimnisvoll. Er habe jetzt endlich den Beweis, daß die Farben-Papiere »in Wahrheit einen Höchstwert von 6554 Mark das Stück« hätten.

»Farben Liquis«, die noch auf je 100 Reichsmark lauten, gehören zu den Spezialwerten der Börse, die von Effekten-Promotern wie Striem mit gutgesteuerter Publicity zum todsicheren Tip für rasche Kapitalvermehrung hochgelobt werden.

Das Spiel geht so: An ruhigen Börsentagen decken sich die Spekulanten unauffällig ein. Dann jubeln sie die Papiere zum heißen Hit hoch, bewirken dadurch kurzfristige Kurssteigerungen und laden die billig angeschafften Effekten mit sattem Gewinn ab. Die Erwerber, die auf das Manöver hereinfallen und ahnungslos viel zu teuer kaufen, sind die Dummen.

Opfer solcher Spekulationen wurden beispielsweise Börsenkunden, die Aktien der Liberian International American Corporation, kurz Liac genannt, kauften. 8000 deutsche Geldanleger hatten das dividendenlose Wertpapier 1969 zum Stückpreis von 20 Mark erworben. Ihnen war versprochen worden, daß Liac im liberianischen Hinterland Eisenerz und Diamanten finden werde. Sie hofften bislang vergeblich.

Dennoch griffen sie noch einmal wacker zu, als ihnen Striem jetzt eine »gewaltige Kursexplosion« verhieß. Ein Abfindungsangebot der japanischen Kawasaki-Gruppe »liegt in der Luft«, fabulierte er in seinem Inserat. Und eindringlich warnte er davor, sich von den Asiaten mit schäbigen zehn Mark abspeisen zu lassen.

Das müsse »jeder nationalbewußte und verantwortungsvolle Deutsche« ablehnen, fand Striem. »Lassen Sie nicht zu, daß uns die Japaner eine bedeutende Rohstoffquelle in Afrika aus den Händen winden.«

Weil es darum ging, »unsere zukünftige Rohstoffversorgung sicherer zu S.51 machen«, kam es laut Striem auf ein paar Mark nicht an: Ob nur 10 000 oder eine Million Liac-Aktien -»kaufen Sie jetzt, unmittelbar jetzt, und denken Sie nicht nur an die kurzfristige Verdoppelung und Verdreifachung Ihres eingesetzten Kapitals!«

Zwar dementierte die Kawasaki Steel Corporation entschieden ("absolut falsch"). Aber für Striem war der »Liac-Schwindel« ein schöner Erfolg. Wegen der stürmischen Nachfrage mußten »bei großen Umsätzen« die Liac-Aktien zugeteilt werden.

In Zahlen: Am 29. Mai war das Liac-Papier noch für 3,50 Mark zu haben. Bereits am 2. Juni aber, nach Striems Inseraten-Kampagne, kostete die Aktie stolze sieben Mark -- dann sank sie wieder in den Börsenstaub.

Auch bei den »Farben Liquis« geht es Striem um die Ehre der Nation. Auf einer halben »FAZ«-Seite für rund 14 000 Mark trug er dem Bundeskanzler den »zum Himmel schreienden Skandal« vor.

Genau wie den Verfolgten des Nazi-Regimes, so Striem, gebühre den Aktionären des durch die Sieger von 1945 zerschlagenen Konzerns eine »gerechte und unverzügliche Entschädigung« -vorweg wäre eine »Abschlagzahlung von 1000 Mark« angenehm.

Das ist angeblich nicht viel. Denn als Dolmetscher bei IG-Farben-Prozessen in Skandinavien habe er herausgefunden, verrät Striem, daß eine Aktie der »Farben Liquis« tatsächlich 6554 Mark wert sei. Einzelheiten könne er leider wegen seiner Verschwiegenheitspflicht als vereidigter Gerichtsdolmetscher nicht bekanntgeben.

Für den hohen Wert der Farben-Papiere führt Striem noch einen weiteren, schlagenden Beweis an: Der Kölner Immobilienkaufmann Renatus Rüger ("Was der anfaßt, führt zum Erfolg") habe die Mehrheit der Anteilscheine aufgekauft.

Für Rüger hat es sich wohl gelohnt. Der Mehrheitsaktionär, der den Aufsichtsrat von IG Farben nur mit Männern seines Vertrauens bestückte, hat der in Liquidation befindlichen Firma etliche seiner Grundstücke vermacht und sich dafür mit festverzinslichen Wertpapieren -- darunter Bundesobligationen -- aus dem Besitz des Unternehmens bezahlen lassen. Während etwa die Festverzinslichen in der jüngsten IG-Farben-Bilanz von 21,9 auf 6,5 Millionen Mark schwanden, wuchs der Immobilienwert von 3,2 auf 41,3 Millionen Mark.

Inserent Götz-Hildebrand Striem weist dennoch alle Verdächtigungen, mit den kostspieligen Aktionen die Kurse zum eigenen Wohl hochzutreiben, weit von sich: »Ich kaufe und verkaufe keine Aktien.«

Die Anzeigen schalte er, um für seine Dolmetscherei »Allsprachen-expreß« zu werben: »Das macht sich bezahlt.« Komisch nur: Aus den meisten Anzeigen ist nicht zu ersehen, daß Striem einen Dolmetscher-Betrieb unterhält.

Lange wird die eigenartige Werbung sowieso nicht mehr möglich sein. Wer auf Kurse nach der Methode Striem einwirkt, so steht im Entwurf des 2. Gesetzes gegen die Wirtschaftskriminalität, muß zukünftig wegen »Kursbetruges« mit drei Jahren Freiheitsentzug oder Geldstrafe rechnen.

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 110